BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben | BR24

© picture alliance / Eibner-Pressefoto
Bildrechte: picture alliance / Eibner-Pressefoto

Mann mit selbstgebasteltem Hut auf AfD-Demonstration auf dem Stuttgarter Schillerplatz

Per Mail sharen

    Warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben

    Chemtrails, Reptiloide oder Illuminaten: Verschwörungstheorien sind nicht tot zu kriegen. Gerade in unsicheren, chaotischen Zeiten suchen Menschen nach einfachen Wahrheiten für eine komplizierte Welt. Bestes Beispiel: die Corona-Krise.

    Per Mail sharen
    Von
    • Elisabeth Möst
    • Martin Jarde

    Die Erde ist eine Scheibe. Angela Merkel ist ein Reptiloid. Die Welt wird von Illuminaten regiert. Kondensstreifen am Himmel sind Chemtrails, die uns vergiften.

    Seit Jahrhunderten verbreiten bestimmte Gruppierungen immer wieder mehr oder weniger abstruse Geschichten. Verschwörungstheorien sind nicht tot zu kriegen. Gerade in Krisenzeiten haben sie Hochkonjunktur. Jetzt auch wieder. Zeitungen, Talkshows und Internetplattformen thematisieren alle möglichen Thesen und Theorien rund um Covid-19. Nach "Corona" ist "Verschwörung" gefühlt gerade das meist gehörte und geschriebene Wort.

    Corona-Krise bietet guten Nährboden für Verschwörungstheorien

    Professor Michael Butter von der Universität Tübingen beschäftigt sich schon seit einigen Jahren wissenschaftlich mit Verschwörungstheorien. Er wurde mit einer Untersuchung über amerikanische Verschwörungstheorien habilitiert. Inzwischen leitet er ein europäisches Forschungsprojekt zur Analyse konspirativer Theorien. Über den aktuellen Hype wundert er sich nicht. Die Corona-Krise biete einen guten Nährboden, so Butter. Dabei gebe es kaum neue Verschwörungstheorien, sondern Corona werde einfach nur als das letzte Kapitel, das neueste Element von bereits länger existierenden Verschwörungs-Erzählungen genutzt.

    "Das heißt, man beschuldigt immer diejenigen, die man schon vorher beschuldigt hatte. Wenn man schon vorher immer dachte, die CIA ist an allem schuld, dann ist das eine amerikanische Biowaffe. Wer schon vorher dachte, die Chinesen sind für alles Übel verantwortlich, denkt dann, es ist eine chinesische Biowaffe. Wenn man irgendwelche dunklen Eliten im Blick hat, die die Weltbevölkerung reduzieren wollen oder einen globalen Impfzwang durchdrücken wollen, dann kommen auf einmal eben die WHO und die Gates-Stiftung ins Spiel." Professor Michael Butter

    Verschwörungstheorie: Bill Gates wolle weltweite Impfpflicht

    Er ist bei Verschwörungstheoretikern gerade Hass-Figur Nummer eins: Bill Gates sei nämlich gerade dabei, die Macht in Deutschland zu übernehmen – glaubt man unter anderen einem YouTube-Video von Ken Jebsen. In "Gates kapert Deutschland" erklärt Jebsen auf seiner eigenen Plattform mit ernsthafter Mine, Bill Gates steuere die Corona-Maßnahmen in Deutschland, er wolle eine weltweite Impfpflicht einführen, die Impfstoffe seien aber nicht genug getestet und in Deutschland entstehe eine Diktatur.

    Das alles führe Bill Gates im Schilde, um sich zu bereichern. Viele behaupten zudem, er wolle die Weltbevölkerung dezimieren.

    Vegan-Koch Hildmann: Böse Mächte wollen neue Weltordnung

    Der Vegan-Koch Attila Hildmann hat derzeit – statt Kochbücher zu schreiben – eine neue Berufung gefunden: Er erklärt, böse geheime Mächte würden gerade eine neue Weltordnung installieren. Vor dem Deutschen Bundestag in Berlin beschwört er Polizisten, sie sollten die Bürger vor korrupten Politikern und der gefährlichen Pharma-Mafia schützen. Auch das ist in einem YouTube Video zu sehen.

    Auch bei Hildmann kommt wieder Bill Gates ins Spiel: Er sei Satanist und hänge mit Kinderschändern ab. Gerne auch formuliert der vegane Koch Parallelen zum Nationalsozialismus. Das deutsche Volk werde sich wehren, sagt er, notfalls auch mit Waffengewalt. Er sei bereit, für Deutschland zu sterben. Er ist einer der neuen Helden der Verschwörungsanhänger.

    Sänger Naidoo unterstützt staatsfeindliche Reichsbürgerbewegung

    Der Sänger Xavier Naidoo tut sich hervor, indem er antisemitische Parolen verbreitet und die staatsfeindliche Reichsbürgerbewegung unterstützt. Die Regierung wolle alte Menschen mit dem Corona-Virus gezielt töten. Das glaubt er offenbar wirklich.

    All das trifft auf fruchtbaren Boden und klingt überhaupt nicht mehr so harmlos wie die Theorie über Reptiloide oder eine flache Erde. Parolen, Pamphlete, Proteste: Millionenfach geklickt und geteilt. Aber wer glaubt ernsthaft solche Behauptungen?

    Menschen können schlecht mit Unsicherheit umgehen

    Die Psychologische Forschung zum Thema besage, dass Menschen, die schlecht mit Unsicherheit und Ambivalenz umgehen können, besonders empfänglich sind für Verschwörungstheorien, erklärt Professor Michael Butter. Und keine Zeit sei außerdem unsicherer als die derzeitige Krise, in der niemand wisse, wie das Leben in einem Monat oder einem Jahr aussehen werde.

    "Und in dieser Situation versprechen dann Corona-Verschwörungstheorien, in zweifacher Hinsicht Sicherheit. Zum einen bieten sie die Sicherheit, die alle Verschwörungstheorien bieten, nämlich das vermeintliche Wissen, dass man weiß, was da passiert, wer dahintersteckt und wo es hinführt. Offensichtlich ist es für viele Menschen leichter zu akzeptieren, dass eine Gruppe Bösewichter im Hintergrund die Strippen zieht, als zu akzeptieren, dass man keine Ahnung hat, was vor sich geht oder man sagen muss niemand ist dafür letztendlich verantwortlich." Professor Michael Butter

    Was macht den Reiz an Verschwörungstheorien aus?

    Die Journalisten Christian Alt und Christian Schiffer haben sich für ein Buch und für BR-Recherchen schon vor zwei Jahren auf eine Reise begeben, um dem Ursprung von Verschwörungstheorien auf die Spur zu kommen. Sie wollten herauszufinden, wie man dem "Wahn", so ihr Wording, entgegenwirken könne.

    Sie haben mit vielen Menschen gesprochen, um herauszufinden, was den Reiz an Verschwörungstheorien ausmacht. Warum sind Annahmen, die mit gesundem Menschenverstand unmöglich scheinen, trotzdem so weit verbreitet? Viele Vertreter seien nicht nur von ihren Theorien überzeugt, sondern fast noch mehr von sich selbst, sagt Autor Christian Schiffer: "Verschwörungstheoretiker meinen, sie hätten so was wie ein geheimes Wissen. Ich bin der Schlaue, ich habe den Durchblick. Und da draußen sind ja nur die Dummen."

    Menschen steigern mit Verschwörungstheorien ihr Selbstwertgefühl

    Für viele Menschen würde dieses geheime Wissen einen Reiz ausmachen und ihnen helfen, ihr Selbstwertgefühl zu steigern, so Schiffer. Deswegen seien solche Menschen auch bei Populisten so beliebt: "Verschwörungstheorien zeigen immer mit dem Finger auf einen Verantwortlichen, ja Science Gruppen, aber eben auch Einzelpersonen wie George Soros oder Bill Gates. Populisten haben es ja immer schwer, sich sozusagen mit abstrakten Dingen auseinanderzusetzen und sehr leicht, wenn sie sagen können die und die Person oder die und die Gruppe ist schuld, dass deswegen werden die Verschwörungstheorien auch immer in diesen Kreisen auch von links und von rechts gerne verwendet."

    Einfache Erklärungen für komplexe Welt

    Etwa ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung seien empfänglich für Verschwörungstheorien, weiß Verschwörungs-Forscher Michael Butter. Gewaltbereite Anhänger, die jetzt bei Corona-Demos Polizisten und Zivilisten angreifen, Kamerateams und Journalisten schlagen, sind sicher in der Minderheit – aber auch eine Gefahr für die Demokratie, die sie angeblich doch verteidigen. Damit wird auch der Protest derjenigen gekapert, die tatsächlich für mehr Freiheitsrechte oder andere sachliche Kritik an der aktuellen Corona-Politik auf die Straße gehen wollen.

    Sie interessieren sich für Themen rund um Religion und Kirche, Glaube und Spiritualität oder ethische Fragestellungen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter. Hier geht's zum Abo.