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Warum Marlen Haushofer-Fans weiter auf eine Werkausgabe warten | BR24

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Wäre dieses Jahr 100 Jahr alt geworden: die Schriftstellerin Marlen Haushofer

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Warum Marlen Haushofer-Fans weiter auf eine Werkausgabe warten

Vor 100 Jahren geboren, vor 50 Jahren gestorben: Marlen Haushofer zählt zu den wichtigsten österreichischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Umso erstaunlicher, dass eine Werkausgabe dieser Autorin noch immer fehlt.

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Marlen Haushofer – neben Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger die bedeutendste österreichische Nachkriegsautorin – hat zeitlebens mit ihren literarischen Fähigkeiten gehadert. "Manchmal ist das schon so, das stimmt, dass man sich wundert, dass man jemals so was Schönes hat schreiben können", bemerkte die Schriftstellerin selbstironisch in einem Interview: "Und manchmal ist es auch so, dass man sich denkt: Das war halt doch wirklich ein echter Mist, was man da zusammengeschrieben hat."

Klassikerin der österreichischen Nachkriegsliteratur

Heute denkt sich dergleichen niemand mehr. Marlen Haushofer hat sich als Klassikerin durchgesetzt, obwohl sie vielfach noch immer auf ihre feministische Endzeit-Robinsonade "Die Wand" reduziert wird. Dabei hat die Tochter eines Revierförsters und einer früheren Kammerzofe eine Reihe herausragender Prosawerke geschrieben, darunter einen der schönsten Kindheitsromane, die je in deutscher Sprache zu Papier gebracht worden sind: "Himmel, der nirgendwo endet". Haushofer, 1920 im oberösterreichischen Steyrtal geboren, beschreibt in diesem autobiographisch inspirierten Werk eine Mädchenkindheit in den Alpen. Meta, so heißt ihre kindliche Protagonistin, wächst, wie Haushofer, in einem Forsthaus auf.

Feministisch und existentialistisch

"Ich glaube, in 'Himmel, der nirgendwo endet' ist es Marlen Haushofer gelungen, wirklich den Horizont des eigenen kindlichen Bewusstseins so originalgetreu, authentisch zu rekonstruieren wie es möglich ist", meint die Haushofer-Biographin Daniela Strigl. Marlen Haushofer ergreift in ihrem Roman deutlich Partei für ihre kindliche Protagonistin Meta. Es gibt so vieles, was Meta liebt: die Steine, Pflanzen und Tiere rund um das romantisch gelegene Forsthaus, in dem sie aufwächst; den Wechsel der Jahreszeiten, die duftenden Sommer und die knackig-kalten Winter; den temperamentvollen Haushund "Schlankl" – und natürlich die Bücher, vorwiegend Klassiker, die das Kind aus der Bibliothek ihrer Eltern stibitzt, ganz wie Haushofer selbst es getan hat. In ihren Romanen und Erzählungen hat sich Marlen Haushofer immer wieder mit der existenziellen Ausgesetztheit des Menschen beschäftigt, aber auch mit den seelischen Versehrungen bürgerlicher Protagonistinnen, die sich – oft als Hausfrauen und Mütter – von den lebendigen Quellen des Daseins abgeschnitten fühlen.

© picture alliance/IMAGNO

Die Autorin Marlen Haushofer im Jahr 1962, mit Anfang 40

Editionslage? – Unbefriedigend!

"Eine Handvoll Leben", "Die Mansarde" und "Die Wand": Die wichtigsten Werke Marlen Haushofers liegen, wie ihr Kindheitsroman, als Taschenbücher bei Ullstein vor. Dennoch ist die Editionslage im Haushofer-Jahr 2020 alles andere als befriedigend. Marlen Haushofers Biographin Daniela Strigl kritisiert, dass es immer noch keine repräsentative Werkausgabe dieser Autorin gäbe: "Das ist wirklich ein peinliches Versagen ihres Verlages: Ullstein, ein Konzern, der es nicht für notwendig befunden hat, obwohl es Anregungen gab und Initiativen, eine vernünftige, wissenschaftlich erarbeitete Leseausgabe zu machen, wie wir sie natürlich bei Ingeborg Bachmann und bei Thomas Bernhard haben. Die Ausgaben, die es gibt, sind Einzelbände, in zwei verschiedenen Verlagen erschienen, und nicht würdig. Der derzeitige Zustand der Edition ist nicht würdig einer Klassikerin der österreichischen Literatur."

Der Ullstein-Verlag bestätigt, dass es 2018 Gespräche mit österreichischen Institutionen bezüglich einer Haushofer-Werkausgabe gegeben habe. Die Pläne dafür seien bereits "weit vorangeschritten" gewesen. Allerdings sei eine Publikationsförderung letztendlich "nicht bewilligt worden, sodass der Verlag", schreibt Ullstein in einer Stellungnahme, "nach reiflichen Überlegungen Abstand von diesem Projekt nehmen musste."

Mag sein, dass für ein etwas ehrgeizigeres Editionsprojekt irgendjemand Geld in die Hand nehmen müsste. Wer das letztlich tut, ist dem Haushofer begeisterten Publikum egal. Fakt bleibt: Dass es im Marlen-Haushofer-Jahr 2020 noch keine vorzeigbare Werkausgabe dieser großartigen Schriftstellerin gibt, ist schlicht und einfach ein Skandal.

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