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Warum Julianne Moore im Remake von "Gloria" nicht überzeugt | BR24

© Bayern 2

Sebastian Lelio erzählt in "Gloria – Das Leben wartet nicht" zum zweiten Mal die Geschichte einer ganz normalen geschiedenen 50-jährigen Frau namens Gloria – diesmal mit Julianne Moore in der Hauptrolle. Die spielt fantastisch, aber ...

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Warum Julianne Moore im Remake von "Gloria" nicht überzeugt

Sebastian Lelio erzählt in "Gloria – Das Leben wartet nicht" zum zweiten Mal die Geschichte einer ganz normalen geschiedenen 50-jährigen Frau namens Gloria – diesmal mit Julianne Moore in der Hauptrolle. Die spielt fantastisch, aber ...

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Um zu verstehen, was Regisseur Sebastián Lelio mit diesem Film wagt, muss man zuerst von einem anderen erzählen. Der ist – und das ist das Faszinierende – gewissermaßen der gleiche Film wie der nun erscheinende, aber eben doch ein ganz anderer. Schon im Jahr 2013 brachte Lelio "Gloria" in die Kinos, damals spielte Paulina García die Hauptrolle: eine Frau in ihren 50ern, geschieden, zwei Kinder. Tagsüber geht sie einem beliebigen Job nach, um sich abends einen Drink leisten zu können. Kurzum: eine gewöhnliche Frau mit Brille, für die sich das Kino in der Regel nicht interessiert. Lelio aber interessierte sich für sie und das ausschließlich – die Dramen ihrer Kinder, der Gesellschaft, des Geliebten streifte er zwar, schwenkte dann aber schnell wieder zur Protagonistin, die sich an einem Tag durchs Leben kämpft, am nächsten tanzt und singt.

Der Film, der nun in die Kinos kommt, zeigt in dieser Einstellung ebenfalls – ganz wie der alte – eine singende Frau am Steuer. Die Geschichte, fast jede Szene: identisch. Nur singt jetzt statt Paulina García Julianne Moore und Moore fährt natürlich nicht durch die spanischsprachige Welt Chiles, sondern durch Los Angeles.

© Square One Entertainment

Gloria beginnt eine Affäre

Derselbe Satz - im ersten Film ein Versprechen, im zweiten eine Beichte

Der Zuschauer lernt Moore an einem Abend im Club kennen, sie lehnt an der Bar, trinkt Martini, zieht den Lippenstift nach, als sie mit einem Mann ins Gespräch kommt – der Beginn einer kurzen, erst sehr belebenden und irgendwann nur noch komplizierten Affäre.

Schon in dieser ersten Szene zeigt sich, warum die beiden Filme so anders wirken. Denn sagt Julianne Moore gleich zu ihrer neuen Bekanntschaft: "Ich bin geschieden", klingt das wie eine Beichte, das Eingeständnis eines Versagens. Schaut man das Original an, ist dieser Satz ein Versprechen – wenn überhaupt eine Beichte, dann die von Lust, nicht von Melancholie. Diese Nuancen zu vergleichen ist natürlich ungemein spannend. Nur offenbart der Vergleich eben auch, dass einen der erste Film viel mehr berühren kann. Warum, fragt und wundert man sich, denn Moore spielt fantastisch, liefert sich ihrer Rolle aus. Vielleicht liegt es also genau an dem Charakterzug, der Julianne Moore ursprünglich für Gloria einnahm: "Sie ist so sehr wie jeder von uns", sagt Moore. "Ich glaube, jeder findet etwas in ihr, um sich mit ihr zu identifizieren. Was so toll daran ist: Es gibt wenig Filme, die sich so sehr auf eine Figur konzentrieren – auf eine gewöhnliche Frau, ein normales Leben. Und darin sieht man das ganze Drama, ein Drama, das wir ja alle in unserem Leben haben. Es gab viel, mit dem ich mich identifizieren konnte und das mich sehr bewegt hat."

© Square One Entertainment

(K)Eine ganz gewöhnliche Frau: Gloria gespielt von Julianne Moore

Der Mut zur Hässlichkeit fehlt

Aber niemand verwandelt Julianne Moore so leicht in eine "gewöhnliche Frau", und das zeigt der Vergleich sehr schnell. Der alte Gloria-Film hatte den Mut zur Hässlichkeit – die Körper, die da Lust aufeinander haben, sind wirklich nicht immer schön. Die Strumpfhose quetscht. Der Bauch bleibt. Die Brüste hängen. Die Protagonistin weiß darum und bejaht ihre Körperlichkeit, ihre Lust nichtsdestotrotz. Da ist ein gewisser Schalk im Blick, die Ahnung von der Komik des eigenen Daseins. Wenn sie ihr Spiegelbild betrachtet, das Whiskeyglas in der Hand, die Zigarette wippt auf und nieder, dann schwingt da Selbstironie mit, die Größe, sich das Verrückte, Groteske zuzugestehen, statt über die eigene Unzulänglichkeit zu urteilen. Diese Lässigkeit braucht das Unperfekte, über das sich der Geist erheben kann. Aber Julianne Moore wirkt nicht wie eine Frau, die mit den Jahren lernen musste, über sich selbst zu lachen. Sie ist die Frau, der man eben eine Brille aufgesetzt hat, um sie etwas mehr wie "eine von uns" aussehen zu lassen. Und so leidet dieser neue Film letztlich unter dem, was man Hollywood nachsagt: dem Zwang zum schönen jungen Körper, der zumindest diese Geschichte, die Geschichte einer Selbstermächtigung, nicht glaubwürdig erzählen kann.

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