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Warum Istanbuls Kulturszene den neuen Bürgermeister feiert | BR24

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Seit Ende Juni ist Ekrem İmamoğlu der neue Bürgermeister von Istanbul – zur Freude vieler Kulturschaffender: Denn İmamoğlu, eine Art Anti-Erdoğan, hat versprochen, Kunst und Kultur zu fördern. Was bedeutet das für Istanbul?

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Warum Istanbuls Kulturszene den neuen Bürgermeister feiert

Seit Ende Juni ist Ekrem İmamoğlu der neue Bürgermeister von Istanbul – zur Freude vieler Kulturschaffender: Denn İmamoğlu, eine Art Anti-Erdoğan, hat versprochen, Kunst und Kultur zu fördern. Was bedeutet das für Istanbul?

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Ekrem İmamoğlu ist die perfekte Antipode zu Recep Tayyip Erdoğan. Charismatisch, betont einfach und volksnah, tritt er im offenen blauen Hemd auf, ohne Jackett, schüttelt Hände und scheint ganz Istanbul umarmen zu wollen, als befinde er sich noch im Wahlkampf. Er ist überzeugt, dass eine neue, eine andere Türkei möglich ist: "Ich glaube an den Prozess, den Wandel in der Politik – einen sehr schwierigen Wandel, der viel Mut erfordert – aber unser Mut entsteht durch den Glauben an den gesellschaftlichen Wandel."

Eine Kunstagenda für Istanbul

In seinem nächsten Leben möchte er Künstler sein, sagt Ekrem İmamoğlu. Manche behaupten aber, er habe bereits ein Kunstwerk vollbracht. Sie sehen in ihm eine Art Performance-Künstler. Denn Ekrem İmamoğlu hatte 730 weiße Dienstwagen von AKP-Anhängern auf einem Parkplatz fahren lassen. Es waren Dienstwagen von Karteileichen, von korrupten Menschen, die nie zur Arbeit erschienen und dennoch auf Erdoğans Payroll standen. Das Foto der Autos ging um die Welt. Es wurde zum Inbegriff der Korruption in der Türkei.

Der Bürgermeister hat eine neue Agenda für Istanbul und für die ganze Türkei. Und er setzt auf eine Kraft, die in den letzten Jahren eher unterdrückt wurde – die Kultur: "Kunst und Kultur sind für jede Gesellschaft wichtig. Wenn man eine glückliche Gesellschaft haben will, mit Menschen, die sich frei fühlen, dann braucht man Kultur. Es gibt Politiker in der Türkei, die versuchen, Kunst und Kultur zu behindern, aber das schafft nur Unglück und Probleme. Für mich werden Kunst und Kultur immer Priorität haben."

"Wir werden die Stadt mit Kunst füllen"

Präsident Erdoğan hatte Theater geschlossen, Schriftsteller weggesperrt, Künstler bedrängt. İmamoğlu sieht das genau anders; für ihn ist die Kultur der Schlüssel für eine bessere und freiere Gesellschaft. Er liebe es, sagt er, sich mit Künstlern zu treffen und mit ihnen über Probleme zu diskutieren, das helfe ihm, seine eigene Vision zu erweitern.

Jetzt wolle er selbst helfen, den Kunstbetrieb effizienter zu organisieren – und Auftrittsmöglichkeiten zu schaffen. "Wir wollen, dass die Kunst alle Teile der Gesellschaft umfasst", sagt İmamoğlu. "Wir werden die Stadt mit Kunst füllen, jeder soll sie spüren. Wir werden Kultur in die Parks bringen, in die Innenstadt und an den Stadtrand. Als ich das erste Mal Bürgermeister in meinem Stadtteil im Norden von Istanbul wurde, gab es dort überhaupt keine Kunst. Aber wir haben in den Parks Skulpturen aufstellen lassen und in den Gebäuden Gemälde aufgehängt. Das hat sogar die Kinder sehr neugierig gemacht."

Der Bürgermeister als Heilsbringer

In der Kunstszene ist man geradezu begeistert. Die Istanbuler Künstlerin Ardan Özmenoglu malt große Porträts des Staatsgründers Atatürk, der schon vor hundert Jahren Kunst und Kultur in der Türkei unterstützt hat. Jetzt knüpfe İmamoğlu an diese Tradition an, meint die Künstlerin: "Wir haben wieder Hoffnung, weil İmamoğlu diese Ankündigungen gemacht hat. Es gibt jetzt ein Budget für Kunst und Künstler. Wir sind ja nie von einer Stiftung oder von der öffentlichen Hand unterstützt worden. Und jetzt sagt İmamoğlu: Leute, hier bin ich, ich werde Galerien, Künstler, Events und Festivals unterstützen."

İmamoğlus Stern glänzt auch hier. Er wird bejubelt wie im Wahlkampf als ein Heilsbringer, er lässt sich inmitten der Kunstwerke feiern, und es scheint, als würden die Leute noch mehr von ihm erwarten als das Amt des Bürgermeisters. Schließlich heißt es ja: Wer Istanbul gewinnt, der gewinne die Türkei, das hat schon ein Sultan einmal gesagt.

Ekrem İmamoğlu könnte eines Tages Staatspräsident Erdoğan ablösen, der ja auch Bürgermeister von Istanbul war. Er selbst sagt dazu: "Ich bin jetzt der Bürgermeister von Groß-Istanbul. Ich habe in meiner Karriere noch nie nach einem Titel gestrebt. Ich wollte den Leuten einfach dienen. Ich genieße das, jeden Tag. Wenn meine Amtszeit um ist, überlasse ich es dem Volk zu bestimmen, was es von mir will und was ich werden soll. Eine politische Funktion ist niemals von Dauer."

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