BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Warum in den 2010er-Jahren alles Retro sein musste | BR24

© picture alliance/Arcaid

Sehnsucht nach Altem: Vintage-Möbel erobern die Wohnungen

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Warum in den 2010er-Jahren alles Retro sein musste

Vintagemöbel, Schallplatten, Filmremakes: Die 2010er-Jahre waren geprägt von Retro-Trends. Was sagt das über das vergangene Jahrzehnt aus? Und geht das jetzt immer so weiter?

Per Mail sharen

Im Oktober 1997 rollt der erste VW New Beetle vom Band. Die Neuauflage des VW Käfers im Knuffel-Retro-Design zeigt einen Wandel: Der Drang nach dem Neuen, noch-nie-da-Gewesenem, wird von der Rückbesinnung auf das Alte und Bewährte abgelöst. Zum New Beetle gesellen sich in den Nuller Jahren die Neuauflage des Mini und des Fiat 500. In der Musik läuten die Strokes ein Garage-Rock-Revival ein, Amy Winehouse löst eine Retro-Soul-Welle aus.

In den 2010er Jahren wird Retro dann allgegenwärtig: Tische und Stühle im Used Look schmücken Wohnungen, die Schallplatte kehrt zurück in die Regale, auf Partys darf die Einwegkamera nicht fehlen. Junge Bands recyclen den Sound so gut wie jeder Pop-Musikepoche, die Kinos werden von Remakes und Fortsetzungen bereits bekannter Stoffe geflutet. Sogar Apps sind jetzt retro, klingen nach den alten Geräten, imitieren deren Look.

Verfügbarkeit und der Reiz des Haptischen

Dominik Schrey, Medienwissenschaftler an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg hat mehrere Erklärungen für den anhaltenden Retro-Trend: "Das hat mit diesem Gefühl von Beschleunigung zu tun, von Vernetzung und auch mit diesem Gefühl von Verfügbarkeit von Vergangenheit. Also damit, dass man auf Youtube – oder überhaupt im Internet – auf so viel zugreifen kann."

Schrey hat für sein Buch "Analoge Nostalgie in der digitalen Medienkultur" nach Gründen für die Popularität des Alten in den 10er Jahren gesucht. Und erkennt im Retro-Trend auch die Sehnsucht, in digitalen Zeiten wieder etwas Festes in den Händen halten zu wollen: "Natürlich ist diese Dimension des Haptischen etwas, was weitgehend fehlt, wenn wir uns mit mp3-Dateien beschäftigen. Ich kann sie eben nicht mehr als Produkt anfassen. Das ist sicherlich auch etwas, was den Reiz von Schallplatten oder analogen Fotos ausmacht. Dass man etwas tatsächlich in die Hand nehmen kann, oder sich ins Regal stellen oder in einen Rahmen an die Wand hängen kann. Dass man etwas verleihen kann, verlieren kann."

© picture alliance/Ulrich Baumgarten

Etwas zum Anfassen, ins Regal Stellen, Verschenken, Verlieren: Die gute, alte Schallplatte

Mehr als die Sehnsucht nach der guten, alten Zeit

Vielleicht ist diese Nostalgie aber auch eine Reaktion auf ein Gefühl der Überforderung? Weil das Internet immer tiefer in unseren Alltag eindringt, weil Waren weltweit unterwegs sind und Politik global handeln muss, weil Arbeits- und Privatleben sich immer mehr mischen, weil wir beim Supermarkt-Einkauf die Verantwortung für das Wohl des Planeten aufgebürdet bekommen, kurz: weil die Welt immer komplexer wird, sind wir überfordert und sehnen uns nach Bekanntem und Vertrautem. So jedenfalls lautet die gängigste Erklärung. Ist die Retromanie sich als Avantgarde fühlender Hipster also im Kern konservativ?

Ganz so einfach ist es nicht, meint Medienwissenschaftler Dominik Schrey: "Es ist auf jeden Fall eine typische Reaktion auf solche Phasen der Beschleunigung, dass man sich auf die Vergangenheit richtet, die natürlich den Vorteil hat, dass sie sehr stabil ist, sich nicht mehr verändert. Es wird auch sehr häufig gesagt, dass Trump und diese ganze neue Form von Populismus mit Nostalgie zu tun habe. Aber das ist schon nochmal etwas anderes als diese Rückwendung auf eine bestimmte Popkultur aus den 80ern, die wir gerade beobachten. Insofern gibt es da eine ganze Reihe von sehr unterschiedlichen Motiven, die man zusammenfassen kann unter Schlagworten wie Beschleunigung oder Sehnsucht nach Stabilität, die aber häufig auch etwas sehr Spielerisches hat."

Nicht jeder Rückgriff auf etwas Altes ist also eine Flucht in die vermeintlich gute, alte Zeit. Dominik Schrey erkennt sogar einen utopischen Aspekt in der Nostalgie: "Man hat der Nostalgie oft vorgeworfen, dass sie die Vergangenheit schöner darstellt als sie ist. Man könnte es aber auch wenden und sagen: Sie hat eine bessere Vergangenheit imaginiert, die auch in eine bessere Zukunft münden kann. Insofern wäre das durchaus auch etwas Utopisches."

© picture alliance/imageBROKER

Reflexion eines Medienwandels: Auch die Einwegkamera ist nach wie vor beliebt

Die Zukunft von Retro

Man kann die Retro-Nostalgie der 2010er Jahre als Sehnsucht nach vermeintlich einfacheren Zeiten verstehen, als Verlust von Zukunft – oder aber als Verarbeitung gleich mehrerer epochaler Umbrüche. Als spielerische Reaktion auf einen Wandel, der alle Medien erfasst hat: vom Buch und der Schallplatte bis zum Fotoapparat und der Filmkamera. Weswegen uns wohl auch im kommenden Jahrzehnt die Retromanie begleiten wird. "Nostalgie ist einfach grundsätzlich eine Komplementärerscheinung zu Veränderung," so Dominik Schrey. "Und je stärker wir diese Veränderung erleben, desto stärker ausgeprägt wird auch die Nostalgie sein. Insofern ist anzunehmen, dass, wenn sich Digitalisierung und damit verbundene Tendenzen fortsetzen, sich auch Retro-Trends ähnlich fortsetzen, sich aber vielleicht auf andere Gegenstände richten."

Der nächste Retro-Trend kommt bestimmt: In der Mode werden gerade die Farben, Stoffe und Muster der 90er Jahre recyclet. In der Popmusik folgen nach den Sixties, die Seventies, die Eighties und die Nineties. Es könnte aber auch ganz Unvorhersehbares passieren in den kommenden zehn Jahren: In der Musik mischen sich die Genres immer stärker. Algorithmen und Künstliche Intelligenz drängen in alle Bereiche der Kultur. Und, vielleicht auch das ein Zeichen: Im Juli 2019 wurde der letzte VW Beetle produziert.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!