Mächtig was los auf dem Wacken Open Air 2022: eine Ausnahme: die meisten Festivals leiden an mangelnder Nachfrage

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Warum immer wieder Konzerte abgesagt werden

Warum immer wieder Konzerte abgesagt werden

Sommerzeit ist Festivalzeit. Und in diesem Jahr dürfen sie auch wieder ohne alle Hygieneauflagen stattfinden. Trotzdem werden sie auch in diesem Jahr zuweilen abgesagt. Der Grund: mangelnde Nachfrage an Tickets.

"Der Weg Einer Freiheit" sind zwar keine Superstars der deutschen Black-Metal-Szene, aber eine feste Größe. Umso überraschender war es, als die Band einen Instagram-Post absetzte, in dem sie die Absage des Brixtom-Festivals in Frankreich bekanntgaben. Zitat: "Die Fotos auf Social Media von ausverkauften Festivals und Hallen spiegeln leider für die meisten kleinen und unabhängigen Festivals und Promoter nicht die Realität wider." Für Nikita Kamprad, Sänger und Gitarrist von Der Weg Einer Freiheit, war die Entscheidung, die traurigen Fakten offenzulegen, eine einfache.

Besser mit offenen Karten spielen

Ihm war klar, wenn er die Absage postet, bedeutet das, "dass die Leute sehen: oh, bei Der Weg Einer Freiheit läuft es ja nicht so gut, die buchen wir nicht mehr." Doch davor habe er keine Angst gehabt. "Ich wollte da wirklich offen und transparent sein und das Problem ansprechen, weil das meiner Meinung nach gerade nicht oft genug geschieht."

Tatsächlich ist Der Weg Einer Freiheit nicht die einzige Band, die mit schleppenden Konzertkartenverkäufen zu kämpfen hat. Der Hamburger Rapper Ahzumjot musste wegen schwachem Vorverkauf zuletzt drei Konzerte seiner bereits angesetzten Tour absagen, ein Artikel im Musikexpress Magazin schilderte zahlreiche ähnliche Fälle in der deutschen Punk-Szene.

Eine ganze Zielgruppe ausgestiegen

Die Band Smile & Burn brachte dort die Theorie ins Spiel, dass während des Pandemie-Verlaufs eine komplette Zielgruppe aus dem Livekonzert-Markt ausgestiegen sei: die Ü30-jährigen mit "alternativem" Musikgeschmack. Birgit Widhopf, Betreiberin der kleinen Münchner Konzertlocation Heppel & Ettlich, hat eine ähnliche Beobachtung gemacht. "Ich glaub, die haben wir verloren. Die sind bis heute nicht zurück gekommen – dabei bräuchten wir sie ganz dringend. Weil die natürlich sehr musikaffin waren und gerne Platten gekauft haben. In unserem kleinen Konzertbereich sind wir einfach darauf angewiesen, dass wir ein einigermaßen volles Haus haben. Sonst rechnet sich das Ganze nicht".

Auch Nikita Kamprad von der Band Der Weg Einer Freiheit vermutet, dass viele vormals Konzert-affine Menschen während der langen Tournee- und Festival-Pause ihr Verhalten umgestellt haben. Er glaubt, dass sich die Menschen ein Stück weit unbewusst abgewöhnt hätten, auf Konzerte zu gehen. "Und das ist schwierig, weil es dann mindestens genauso viel Zeit braucht, um sich das wieder anzugewöhnen. Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier: Wenn er sich etwas angewöhnt hat, ist es schwierig, sich das wieder beizubringen.

Vor allem kleinere Bands betroffen

Ob tatsächlich eine bestimmte Altersgruppe für die Konzertflaute verantwortlich ist, ist unklar. Fakt ist, dass vor allem kleinere und unbekanntere Bands von dieser Problematik betroffen sind. Egal ob aus Angst vor einer Corona-Infektion, aus finanziellen Gründen, oder wegen des gefühlten Überangebots an Konzerten nach zweieinhalb Jahren Zwangspause: viele Menschen in der Musikindustrie haben Angst, dass das Publikum gar nicht wiederkommt.

Birgit Widhopf vom Heppel & Ettlich in München lobt die Unterstützung kleinerer Clubs und Venues durch die Neustart Kultur Initiative der Bundesregierung, ist aber auch nachdenklich. "Im Nachgang fragt man sich natürlich, ob das noch relevant ist, was man macht. Ist die Flaute jetzt Corona geschuldet, oder pendelt sich das jetzt einfach auf diesem Niveau ein? Ich glaube, das hat jetzt in den zwei Jahren bei allen gearbeitet. Dass sich Leute jetzt fragen: Wo ist meine Grenze? Ab wann funktioniert das für mich nicht mehr?"

Für September haben Der Weg Einer Freiheit eine Headline-Tour durch Deutschland gebucht. Die Vorverkaufszahlen, das gibt Sänger Nikita Kamprad zu, sind nicht ideal. Auch er ist prinzipiell zuversichtlich, warnt aber davor, dass der Musiklandschaft ein schwieriger Winter bevorstehen könnte. Wie gesagt, es dauert wahrscheinlich extrem lange – mindestens genauso lange, wie die Pandemie bis jetzt gedauert hat – bis das Ganze wieder irgendwo bei einer Normalität landet.

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