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Jakob Hein beobachtet sich aus selbstironischer Distanz bei der Arbeit: als Problemlöser, Sexberater, Orakel.

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Warum Hypochonder länger leben

Jakob Hein, selbst Psychiater, bricht in seinem soeben erschienenen Buch eine Lanze für seinen Berufsstand – und für die Menschen, die er behandelt. Er beobachtet sich aus selbstironischer Distanz bei der Arbeit: als Problemlöser, Sexberater, Orakel.

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Von
  • Andrea Mühlberger

Ist das nicht ein seltsamer Widerspruch: Psychiater sind ständig ausgebucht. Es herrscht ein akuter Mangel im Land an Experten für unsere seelischen Belange. Immer mehr Ausgebrannte, Krisen Gebeutelte, an Schlaflosigkeit, Hochbegabung oder Glutenunverträglichkeit Leidende wollen sich zur Behandlung auf die Couch legen – dabei sind Witze über Psychiater ein festes Genre, so alt wie der Berufsstand selbst.

Der Berliner Bestseller-Autor und Psychiater Jakob Hein kennt sie nur zu gut: "Ich habe ja eine Zeit lang in der Charité in der Öffentlichkeitsarbeit der Psychiatrie arbeiten dürfen, und da war das schon so, dass dann Filmproduktionsteams angerufen und gefragt haben, wo wir unsere Zwangsjacken beziehen. Und da hab‘ ich dann gesagt: Wir haben keine Zwangsjacken, ich habe so was auch noch nie hier gesehen. Und dann waren die schon sehr enttäuscht, dass wir nicht unsere geheimen Quellen offenbaren. Oder auch wenn ich mir jetzt die Tatorte angucke, dann sind da Klischees drin, die könnte ich mir gar nicht ausdenken!"

Menschen, die zum Psychiater gehen, sind reflektierter

Der sadistische Irrenarzt mit riesiger Spritze im weißen Kittel. Der wunderliche ältere Herr mit Vollbart, der neben der Couch vor sich hindämmert und dafür horrende Summen einstreicht. Solche Bilder halten sich hartnäckig, schreibt der Berliner Autor Jakob Hein. Es sei schon gruselig, wie schlimm sich manche Filme die Psychiatrie wünschten, um sie dann dafür zu verurteilen! Hein sagt dazu: "Ich glaube, die Vorurteile hängen oft damit zusammen, dass Menschen etwas sehr heftig ablehnen. Also ich fand das so gut, dass Nora Tschirner kürzlich sagte, dass Leute, die zum Psychiater gehen, eigentlich die Normalsten sind, weil sie in der Lage sind, zu reflektieren, dass etwas nicht in Ordnung ist. Während Leute, die das ablehnen, ja eigentlich Menschen sind, die trotz aller Widersprüche, die jeder in seinem Leben und in der Welt hat, einfach weitermachen und eine Normalität behaupten, die sie vielleicht gar nicht empfinden." Es sei so eine heftige Ablehnung einer Auseinandersetzung, von der man ahnt, dass man sie führen sollte.

Hypochonder haben ein besonderes Frühwarnsystem

Nach mehr als zwanzig Jahren Arbeit als Psychiater antwortet der Schriftsteller Jakob Hein allen, die seinen Berufstand für komplett verzichtbar halten, für einen Irrweg der Medizin, mit einem Buch über sein berufliches Parallelleben als Arzt – Arbeitstitel: "Der Psychiater, der ich nicht bin". Aus dieser Perspektive seziert er in zwei Dutzend Kapiteln die übelsten tradierten Vorurteile. Oder das problematische Wort "normal", das, so Hein, eine Zweiteilung der Welt impliziere: in Gesunde und Kranke. Der Kinderpsychiater nimmt den Leser mit in seinen Praxis-Alltag, wo er in kurzweiligen Anekdoten Freud und Leid einer unterschätzten Berufsgruppe miterlebt. Und bestimmte Phänomene und Typen kennen lernt – wie den Hypochonder, von dem wir uns, so Hein, einiges abschauen können. Denn: Eingebildete Kranke haben eine feine Sensorik für gesundheitliche Störungen, die wie ein Wegweiser zeigen, wo es im Leben nicht weitergeht. Gesteuert durch ihr besonderes Frühwarnsystem suchen Hypochonder jedenfalls niemals zu spät einen Arzt auf. Und manchmal sind sie ihrer Zeit sogar voraus: "Ich hatte kürzlich die gute Gelegenheit, einen ehemaligen Hypochonder zu interviewen. Und der hat seit 20 Jahren sehr, sehr, sehr starke Angst, an einer Infektionskrankheit zu erkranken, was dazu führt, dass er in der Erkältungszeit keinerlei Hände gibt, sich von Menschenansammlung fernhält. Und übrigens auch sehr gerne Masken trägt, schon seit Jahren. Und für ihn war das schon sehr lustig zu erleben, dass die gesellschaftliche Normalität bei ihm angekommen ist und er eigentlich gar kein Hypochonder mehr ist."

Psychiater geben keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen

Die Betrachtungen zur Hypochondrie sind Jakob Hein ein eigenes Kapitel wert. So wie er in seinen Romanen "Herr Jensen steigt aus" oder "Kaltes Wasser" mit viel Einfühlungsvermögen und in grotesken Schilderungen das Dilemma seiner Protagonisten umkreist, wendet er sich in "Hypochonder leben länger" geduldig, liebevoll und auf Augenhöhe seinen Patienten zu. Er beobachtet sich aus selbstironischer Distanz bei der Arbeit: als Problemlöser, Sexberater, Orakel. Analysiert, weshalb Experten verzichtbar, Diagnosen sinnlos und Pubertierende keine Kranken sind. Und warum von einem guten Psychiater keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen erwartet werden dürfen. Über die aktuelle Pandemie mit ihren weit reichenden Auswirkungen auf Psyche und Gesellschaft verliert Jakob Hein dagegen kein Wort. Es sei nicht seine Absicht gewesen, ein Corona-Buch zu schreiben:

"Ich wollte das Buch sozusagen nicht mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum beziehungsweise mit einem Verfallsdatum versehen." Es sei ein Buch, das über Jahre entstanden sei und das hoffentlich auch noch in zwei Jahren mit einer gewissen Freude oder vielleicht einem kleinen Gewinn gelesen werden könne. "Deshalb habe ich dieser Versuchung von Anfang an zu widerstehen gewusst."

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Cover des Buchs "Hypochonder leben länger – und andere gute Nachrichten aus meiner Praxis" von Jakob Hein

Ein in Krisenzeiten dringend notwendiger Berufsstand

Dass "Hypochonder leben länger" weder ein Leitfaden aus der Corona-Krise geworden ist, noch ein weiterer Ratgeber aus der Reihe "Anleitung zur Selbstdiagnose" macht den Charme von Jakob Heins humoristischen Selbstbetrachtungen aus. Der Unterhaltungswert ist hoch, der Erkenntnisgewinn allerdings ein bisschen mager: Viele Beispiele und Argumente sind hinlänglich bekannt, durchgekaut und kommen selbst reichlich klischeehaft daher. Trotzdem ist es wichtig und höchste Zeit, dass Hein leichthändig verdrängte Nöte unserer Gesellschaft an die Oberfläche bringt. Dass er sich und die lieben Kollegen aus dem grellen Licht der Psychiatrie ins rechte rückt. Und um Sympathie wirbt für einen Berufsstand, der in Krisenzeiten dringender denn je benötigt wird. Dessen tägliche Sisyphos-Arbeit selten genug gewürdigt wird. Auch wenn ein Besuch beim Psychiater vielleicht nicht ganz so klinisch berechenbar abläuft wie ein Termin beim Zahnarzt oder Orthopäden. "Es gibt nicht den idealen fertigen Psychiater, sondern es gibt nur jemanden der glücklich probiert, den Stein immer weiter bergauf zu rollen."

Jakob Hein, "Hypochonder leben länger – und andere gute Nachrichten aus meiner Praxis", ca. 240 Seiten, erschienen im Galiani Verlag Berlin.

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