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Warum Halsey ihren Status als Anti-Popstar mit "Manic" gefährdet | BR24

© Universal Music

In ihrem neuen Album "Manic“ wird Halsey sehr persönlich und ist weniger Künstlerin, sondern mehr sie selbst

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Warum Halsey ihren Status als Anti-Popstar mit "Manic" gefährdet

Persönlicher sollte es werden, das neue Album von Halsey, offen und ehrlich. Eine kleine Neuerfindung auch. Aber die 25-jährige US-Musikerin hat sich an dem Fass, das sie aufgemacht hat, leicht verhoben. Da hilft auch Alanis Morissette nicht viel.

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"Ashley" heißt der erste Song auf Halseys drittem Album "Manic" und soll Zeugnis dafür sein, dass es persönlich wird. Ashley ist der bürgerliche Vorname der US-Musikerin, der Künstlername Halsey ein Anagramm. Der Song "Ashley" ist laut Halsey eine Einführung, aber auch eine vorsichtige, mögliche Verabschiedung – wie wird ihre Musik die Fans beeinflussen, wenn Halsey nicht mehr ist? Wenn sie als Musikerin abtritt? Kurz: Halsey macht ein ganz schönes Fass auf. Aber es ist viel Lärm um nichts.

Ja, Halsey hat sich Mühe gegeben, weiterhin als Anti-Popstar durchzugehen: transparent zu sein, offen und ehrlich wirken ihre Texte. Aber eben leider auch naiv und eindimensional. Der Albumtitel "Manic" könnte zu verstehen sein als Verhandlung psychischer Probleme. Halsey hat in Interviews schon öfter etwas zum Buzzword "mental health" gesagt, auch ihrer eigenen. Ein Titel wie "Manic" verspricht auch: Kämpfe, Zerrissenheit, Katharsis, ständiges Reflektieren. So weit stößt Halsey aber kaum erst vor. Denn die Kämpfe, die sie leidenschaftlich austrägt in ihren Texten und die sie in ihrer Stimme trägt – sie drehen sich alle nur um eines: gescheiterte Beziehungen. Die trotz der offen thematisierten Bisexualität klischeehaft dargestellt werden.

Unglücklich verliebt in koksende Frauen und unbekannte Männer

Halsey geht nie alleine nach Hause: lernt immer jemanden kennen, schleppt immer jemanden ab. Halsey begehrt Menschen, die nicht erreichbar sind, wünscht sich eine gesunde Beziehung, scheitert aber daran, denn: Sie verliebt sich in koksende Frauen und unbekannte schöne Männer. 2020 verwechselt Halsey die "Stärke einer Frau" damit, einfach unreflektiert auszusingen, was sie gerade fühlt. Das muss nicht schlecht sein. Gleichzeitig werden das Album über aber vermeintlich progressive Ideen verstreut. Männer seien nur Platzhalter, heißt es in einem Filmausschnitt, sie kämen und gingen. Als Gesamtbild ergibt das alles nebeneinander keinen Sinn. Auch nicht unter dem Blickpunkt der Manie.

Dabei ist Halseys Album pop-perspektivisch gesehen clever, gemessen an der aktuellen Poplandschaft oft mutiger gedacht. Halsey scheint in manchen Songs mehrere Stimmungen zu durchleben. Hier wäre sie also doch: die Manie. Und zwischen den Songs sind kleine Interludes wie Songskizzen eingefügt. Mit der südkoreanischen Popsensation BTS. Und – man höre und staune – Alanis Morissette.

Alanis Morissette als schmückender Anstecker

Alanis Morissette wirkt allerdings eher wie ein schmückender Anstecker. Überhaupt huldigt Halsey ihren Idolen, die vorher nicht unbedingt aus ihrer Musik herauszuhören waren. Und sich mal mehr, mal weniger gut einfügen. Auch als Referenzen in Videos – etwa Shania Twain in ihrem Leopardenmantel aus "That Don't Impress Me Much". Also gleich zwei Frauen, die noch handgemachten klingenden Pop gemacht haben. Aber: Pop, der 2020 einen Hauch handgemachter klingt, ist deswegen noch lange nicht schlauer. Halsey selbst ist nicht naiv. Sie ist mehrmals beim Womens March in den USA aufgetreten – dem zum Symbol gewordenen Protestmarsch wehrhafter Frauen. Positiv formuliert: Weil sie involviert ist, in gesellschaftsrelevanten Diskursen, ist die Fallhöhe zwischen Halsey als öffentlicher Person und Halsey als Musikerin besonders hoch.

Denn sie schafft es einfach nicht, ihrer Musik denselben Anstrich zu geben. Halsey verhebt sich an dem Anspruch, etwas Rundes, Ganzheitliches, vielleicht sogar Intellektuelles zu erschaffen. "Manic" wird sicher trotzdem erfolgreich werden. Aber nicht für das, was es sein will.

© Universal Music

Album-Cover "Manic" von Halsey

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