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Fast alle schauen "Game of Thrones", aber nicht alle bezahlen dafür: "Game of Thrones" war ab Staffel 2 die meistpiratierte Serie der Welt.
© Handout / Sky / dpa
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Fast alle schauen "Game of Thrones", aber nicht alle bezahlen dafür: "Game of Thrones" war ab Staffel 2 die meistpiratierte Serie der Welt.

Auch wenn gerne anders getan wird: Blockbuster wie "Game of Thrones" oder auch Straßenfeger, wie man hier lange gesagt, gab es in der TV-Geschichte schon oft. Da wäre zum Beispiel die längst vergessene Serie "Das Halstuch" aus dem Jahr 1962. Ein Krimi-Sechsteiler im Ersten, bei dem fast jeder, der einen Fernseher hatte, mitfieberte und wissen wollte, wer der Mörder ist. Fabriken mussten sogar ihre Produktion drosseln, weil Spät- und Nachtschichten gestrichen wurden. 1962 war das Erste natürlich noch der einzige Fernsehsender im Nachkriegsdeutschland, aber hochgerechnet erreichte "Das Halstuch" ein Publikum von 15 bis 20 Millionen. Allein blieb "Das Halstuch" nicht: Auch "Dallas", "Die Dornenvögel" und "Twin Peaks" räumten über Wochen die deutschen Biergärten, Wirtshäuser und Restaurants leer. Das einzige, was "Game of Thrones" von seinen Vorgängern unterscheidet, ist die globale Dimension. Die "Drachen-und-Brüste-Serie" (Ian McShane) war der erste globale Blockbuster.

Die Serie "Das Halstuch" nach Francis Durbridge erreichte 1962 15 bis 20 Millionen Menschen vor den Fernsehern.

Die Serie "Das Halstuch" nach Francis Durbridge erreichte 1962 15 bis 20 Millionen Menschen vor den Fernsehern.

"Game Of Thrones" kam zu einer Zeit raus, als Filmpiraterie keine besonderen technischen Voraussetzungen hatte. Niemand musste mehr Torrent-Programme installieren oder auf eine schwarzgebrannte DVD vom Nachbarn warten: Seiten wie kinox.to machten es leicht, die Serie sofort zu streamen. Es funktionierte zwar nicht so komfortabel oder einfach wie Netflix und klar, da war auch immer noch diese Porno-Werbung, die man wegklicken musste, aber: "Game of Thrones" zu schauen war sehr einfach. Und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. "Game of Thrones" war schon ab Staffel 2 die meistpiratierte Serie der Welt. Den Sender HBO hat das nicht weiter gestört, er wusste: So lange Leute über unsere Serie twittern, kann das nur gut sein fürs Geschäft. Die Rechte wurden trotzdem in alle Ländern verkauft und die Abonnentenzahlen von HBO stiegen. Heute hat, einfachen Bezahlmodellen und Angeboten sei Dank, die „Kostenloskultur“ ein Ende gefunden. Und auch "Game of Thrones" wird von den meisten auf Sky geschaut und nicht für umme im Netz.

The Perfect Storm

"Könnte ja immer so weitergehen", denkt sich da der ein oder andere Senderchef: "Wir müssen einfach nur eine Serie produzieren, die so immersiv, so ansprechend, so faszinierend ist, dass die ganze Welt sie am Release-Tag sehen will, und schon haben wir ein globales Phänomen." Das Problem daran ist nur: So einfach, wie es "Game of Thrones" hatte, wird es aber nie wieder. Das hat verschiedene Gründe. Da wäre zum einen, dass "Game of Thrones" die richtige Serie zur richtigen Zeit war: 2011 steckte Streaming noch in den Kinderschuhen, wurde aber bereits von illegalen Filmpiraten genutzt. Zur selben Zeit wurde uns klar, dass Social Media keine Geschichte für irgendwelche Nerds ist, sondern ein globales Massenphänomen, bei dem man besser dabei ist, wenn man dazu gehören möchte. "Game of Thrones" passte perfekt zum Twitter-Zeitalter. Und: "Game of Thrones" war die letzte große Serie, bevor Netflix die Welt erobert hat.

Erst 2013, also zwei Jahre nach dem Start der Drachen-Serie, begann Netflix damit, eigene Shows und Serien zu produzieren. Zunächst die Prestige-Dramen "House of Cards" und "Orange is the New Black". Dann Prestige-Comedys wie "Unbreakable Kimmy Schmidt" oder "Master of None". Man wollte mit den großen Sendern wie HBO mithalten, Qualität produzieren. Inzwischen ist davon nicht mehr viel übrig. Klar, es gibt sie noch, die Prestige-Serien auf Netflix, aber sonst regiert der Durchschnitt. Netflix, als Luxus-Boutique angetreten, ist heute so sortiert wie die Karstadt-Filiale in der Kleinstadt.

Das ist nicht böse gemeint: Netflix nimmt das Geschäftsmodell von Karstadt und baut es um, sodass es ins High-Tech-Zeitalter passt. Klar, von außen betrachtet scheint das Angebot wahllos, aber die Algorithmen von Netflix kennen den Zuschauer besser als er sich selbst. Kurz vor Weihnachten brachte Netflix zum Beispiel eine ganze Reihe an Weihnachtsfilmen raus. Durch schlaue Empfehlungen wurden diese zugegebenermaßen sehr mittelmäßigen Filme aber Millionen Mal gesehen. Der Konzern, der so gut wie nie Zuschauerzahlen veröffentlicht, konnte sich nicht davon abhalten anzugeben: Rund 20 Millionen Menschen sahen den Film "The Christmas Chronicles". Netflix-Content-Boss Ted Sarandos sagte vor kurzem: "Wenn jeder dieser Zuschauer ein Kinoticket gekauft hätte, dann wäre das ein 200 Millionen Dollar Eröffnungswochenende gewesen. So was schaffen noch nicht einmal Filme, die später 1 Milliarde umsetzen." Das Problem ist nur: Diese Tickets wurden ja gar nicht gelöst. Netflix hat den Film auf Millionen Geräte ausgespielt, in den Empfehlungen ganz weit nach oben gespült, sodass Millionen Menschen auf der ganzen Welt dachten: "Einen Weihnachtsfilm mit Kurt Russell? Passt scho."

Viele Lagerfeuer

Das Netflix-Zeitalter, zu dem ja auch Streaming-Dienste wie Amazon Prime Video oder Sky Ticket gehören, ist ein anderes als das, in dem "Game of Thrones" groß wurde. Heute reicht es, Millionen Menschen eine Serie in die Empfehlungen zu spülen und schon wird es ein Hit. Einschalten zu einem bestimmten Sendetermin; die neueste Folge vielleicht sogar morgens vor der Arbeit schauen, damit man nicht gespoilert wird; Teil einer globalen Community sein, die an einem Tag der Woche dasselbe tut, das scheint heute nicht mehr so leicht vorstellbar. Das Feuer für "Game of Thrones" brennt einmal die Woche heiß und innig. Das Feuer für Netflix-Serien glimmt eher vor sich hin. Und da jeder andere Empfehlungen hat, spricht jeder über andere Shows. Fan einer Netflix-Show zu sein, bedeutet Arbeit. Weil nicht alle zur gleichen Zeit darüber sprechen, muss der Zuschauer sich selbst seine Community suchen. Auf Reddit, unter Hashtags auf Twitter, in den Kommentarspalten von Youtube-Videos.

Einen Straßenfeger haben die Streaming-Dienste bisher nicht hinbekommen und werden es wahrscheinlich auch nie. Das ist zum einen schade, aber zum anderen auch gesund. Nicht nur für die Volkswirtschaft, die sich über volle Schichtpläne und Biergärten freuen kann. Sondern vielleicht auch für die Fans. Denn wenn nicht jeder gleichzeitig über dasselbe spricht, dann hat man viel mehr Zeit, die Serie zu finden, die zu einem passt. Auch wenn das eine Weihnachtsshow mit Kurt Russell ist.

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Game of Thrones - Letzte Staffel

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Autoren

Christian Alt

Sendung

kulturWelt vom 15.04.2019 - 08:30 Uhr