BR24 Logo
BR24 Logo
BR24 - Hier ist Bayern
© BR
Bildrechte: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/ZB

"Ehefrau aus Eifersucht erstochen" Solche Schlagzeilen, die Morde als Familiendrama bezeichnen, halten Aktivistinnen für zu harmlos. Für sie handelt es sich um Femizide, um Morde an Frauen, weil sie Frauen sind.

5
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Warum Femizide erst langsam ins Bewusstsein kommen

Statistisch gesehen stirbt hierzulande jeden dritten Tag eine Frau infolge von häuslicher Gewalt. Das Bewusstsein für Femizide aber wächst erst langsam - nicht zuletzt weil die Justiz keinen eigenen Straftatbestand dafür kennt.

Von
Elisabeth MöstElisabeth Möst
5

In vielen Ländern der Welt sind Frauen sexueller Gewalt und Demütigungen ausgesetzt und werden Opfer von Femiziden: getötet und ermordet, einfach, weil sie Frauen sind.

Der Begriff stammt aus Lateinamerika, um die unzähligen Delikte an Frauen zu benennen: "Feminicidio" – der Mord in einer Partnerschaft, Tötung im Namen der Ehre, das Entführen und gezielte Töten von Frauen und Mädchen in bewaffneten Konflikten, in Bandenkriegen und organisierter Kriminalität. In 16 lateinamerikanischen Ländern sind Femizide zwar in die Gesetzgebung aufgenommen, aber Menschenrechtsorganisationen beklagen, dass die Fälle oft unzureichend oder gar nicht verfolgt werden.

Femizide sind hierzulande kein eigener Straftatbestand

In Deutschland tun sich Polizei, Politik und Justiz noch schwer mit dem Begriff. Femizide sind kein eigener Straftatbestand. Erst 2009 wurde das Wort in den Duden aufgenommen. Jedes Jahr veröffentlicht das Bundeskriminalamt eine statistische Auswertung: 2019 wurden 141.792 Opfer von vollendeten oder versuchten Delikten von Partnerschaftsgewalt registriert. Doch die Tatmotivation eines Verbrechens – und damit mögliche Ursachen für Tötungen von Frauen - werden nicht erfasst. Femizide fallen unter die Rubrik: "Mord und Totschlag - ohne Totschlag auf Verlangen".

Religion kann Weltsicht mit beeinflussen

Erst langsam entwickelt sich hierzulande ein Bewusstsein für geschlechterspezifische Morde. Die Berliner Rechtsanwältin Christina Clemm beschäftigt sich intensiv mit Gewalt an Frauen. Aktuelle Studien dazu gebe es kaum, beklagt Clemm. Aber aus ihrer täglichen Arbeit kennt sie die Gefährdungsmuster: Trennungen seien ein "erheblicher Gefahrenmoment", wie Clemm es nennt. Auch Belastungen - eine Schwangerschaft etwa oder dass die Frau einen Karriereschritt mache und der Mann nicht - könnten gefährlich werden. In ihrem Buch "AktenEinsicht. Geschichten von Frauen und Gewalt" beschreibt sie einzelne Schicksale und entlarvt Muster, warum Frauen Diskriminierung und Hass erleiden.

Darüber hinaus sei die religiöse Sozialisation häufig mit schuld an einer Weltsicht, in der Frauen als minderwertig gelten – und damit leicht zu Opfern werden. Immerhin steht in Paulus' Epheserbrief, die Frau sei dem Manne untertan. "Dieser Machtanspruch zieht sich eigentlich durch fast alle Religionen dieser Welt, dass die Frauen minderwertig gegenüber den Männern sind", sagt Clemm. Auch sogenannte Ehrenmorde würden vorrangig in Gesellschaften verübt, die sehr patriarchal organisiert seien, sagt Juliane von Krause, Koordinatorin von Terre des Femmes München. Solche Morde zählen Krause zufolge auch zu den Femiziden.

"Der Begriff Femizid will ja genau das klarstellen, dass die Ermordungen von Frauen, auch die Häufigkeit von Morden an Frauen, darauf hindeuten, dass diese keine Einzelfälle sind, sondern ein strukturelles Problem darstellen, in fast allen Gesellschaften weltweit."

Eines der gewalttätigsten Länder ist Mexiko

Morde an Frauen sind ein weltweites Problem. Die Länder mit den höchsten Mordraten an Frauen sind El Salvador, Jamaika, Guatemala, Südafrika und Russland. Eines der gewalttätigsten Länder überhaupt ist Mexiko, ein Land mit besonders patriarchalen Strukturen. Tausende Frauen und Mädchen wurden laut aktuellem Frauenatlas in den vergangenen 20 Jahren in Nordmexiko entführt und ermordet. Eine maßgebliche Ursache sind Drogenkartelle, organisierte Kriminalität, Korruption und sexuelle Übergriffe.

45 Staaten haben Istanbul-Konvention unterzeichnet

Ein wichtiger Schritt gegen Gewalt gegen Frauen ist die so genannte Istanbul Konvention: Ein Übereinkommen des Europarats zur "Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt". Bis März 2020 haben 45 Staaten das Übereinkommen unterzeichnet. In diesem völkerrechtlichen Vertrag verpflichten sie sich, diskriminierende Vorschriften abzuschaffen, Hilfsangebote auszubauen und Delikte im sozialen Nahraum schärfer zu ahnden.

Auch wenn oft die Meinung vorherrscht, Gewalt im familiären oder häuslichen Bereich sei Privatsache: Gewalt an Frauen ist eine Menschenrechtsverletzung. In Bayern kam es im vergangenen Jahr zu 20.234 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt in Verbindung mit Straftaten. Am häufigsten: Körperverletzung, Bedrohung und Beleidigung.

Aktiv werden kann die Polizei aber nur, wenn die betroffenen Frauen zu einer Aussage bereit sind, erklärt Andrea Kleim, Beauftragte der Polizei für Kriminalitätsopfer. Das 2002 in Deutschland in Kraft getretene Gewaltschutzgesetz eröffnet mehr Handlungsspielraum beim Opferschutz. Die Polizei kann einen Täter zum Beispiel für eine gewisse Zeit aus der Wohnung verweisen, wenn sie eine Gefährdung sieht. Das Opfer – in 80 Prozent der Fälle die Frau – kann in der Wohnung bleiben.

Hinsehen und Hilfe anbieten könnte viele Tragödien abwenden

Und dennoch, trotz entsprechender Gesetzeslage, sind Frauenrechtlerinnen überzeugt: Um Frauen wirklich vor Gewalt zu schützen, braucht es auch einen gesellschaftlichen Wandel, hin zu einer Kultur des Hinschauens. Femizide ziehen sich durch alle Bildungs- und Gesellschaftsschichten, Altersgruppen, Religionen und Kulturen. Wenn Nachbarn, Freundinnen und Kolleginnen, Vorgesetzte und Familien hinsehen, wenn sie Anzeichen von Gewalt erkennen - gegen Frauen genauso wie gegen Männer und Kinder - und den Opfern Hilfe anbieten, könnte dieses Umdenken vielen Opfern helfen und Tötungsdelikte verhindern.

Wichtige Adressen und Telefonnummern

  • Hilfetelefon – Gewalt gegen Frauen 08000 116 016
    • Opfer-Telefon des Weißen Rings – 116 006
    • Polizei München, Kommissariat 105 für Prävention und Opferschutz 089 / 2910 4444 oder 110 E-Mail: muenchen-opferberatung@polizei.bayern.de
    • Münchner Informationszentrum für Männer – 089 / 543 95 56 E-Mail: beratung@maennerzentrum.de
    • TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V. – 030 / 40 50 46 99 -0 E-Mail: muenchen@frauenrechte.de
    • Frauenhilfe München – 089 / 35 48 30 info@frauenhilfe-muenchen.de oder beratungsstelle@frauenhilfe-muenchen.de
    • frauenunterkunft@koop-asyl.de
    • One Billion Rising München e. V. E-Mail: onebillionrisingmuenchen@t-online.de

    Newsletter abonnieren

    Sie interessieren sich für Religion, Kirche, Glaube, Spiritualität oder ethische Fragen? Dann abonnieren Sie hier den Newsletter der Redaktion Religion und Orientierung.

    Sendung

    Evangelische Perspektiven

    Schlagwörter