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Gespräch mit der Kommunikationswissenschaftlerin Ulrike Klinger über Fake-News

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Warum Fake News für Forscher interessant sind

Selten konnte man das wellenartige Auf und Ab von Fake News so gut beobachten wie in der Corona-Krise. Meist geht es dabei um die Richtigstellung von Fehlern. Was man aus Fake News lernen kann, erklärt Kommunikationswissenschaftlerin Ulrike Klinger.

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Ulrike Klinger ist Kommunikationswissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin, außerdem leitet sie die Forschergruppe "Nachrichten, Kampagnen und die Rationalität öffentlicher Diskurse" am Weizenbaum-Institut. Joana Ortmann hat mit der Forscherin über Falschmeldungen in Corona-Zeiten gesprochen.

Joana Ortmann: Frau Klinger, Sie sagen, der Zeitpunkt sei gerade ziemlich günstig, um Fake News und ihren gesellschaftlichen Unterbau zu analysieren. Warum? Weil wir gerade dieses eine Thema haben, das sich in voller Wucht entfaltet?

Ulrike Klinger: Ich glaube eigentlich gar nicht so sehr, dass wir gerade eine außergewöhnliche Flut von Desinformation sehen. Wir nehmen es jetzt nur deutlicher wahr, weil es monothematisch ist. Weil alles mit dem Corona-Thema verbunden ist, kann besser identifiziert werden, was an Desinformationen unterwegs ist. Man sieht auch, dass die Plattformen, beispielsweise Facebook, Twitter, YouTube, Google, endlich etwas tun. Sie machen sehr viel mehr Content-Moderation und stellen mehr Informationen über diese besondere Situation zur Verfügung. Fact-Checking ist jetzt auch einfacher geworden als beispielsweise im Wahlkampf – also zu schauen, was stimmt da möglicherweise nicht.

Trotz dieser erfreulichen Entwicklungen: In welchen Bereichen und mit welchen unterschwelligen Thesen ballen sich jetzt Fake-News zum Thema Corona?

Wir können leider nicht alles überblicken. Das liegt auch daran, dass wir als Gesellschaft und selbst als Wissenschaftler nur sehr begrenzt Zugang zu Daten haben, anhand derer wir überhaupt sehen könnten, was eigentlich los ist. Ich fände es gut, wenn Facebook mal einen Datensatz mit allen Posts veröffentlichen würde, die zu Corona herumschwirren. So etwas haben wir nicht. Bei dem, was wir haben, sieht man, dass Fake News aus ganz verschiedenen Richtungen kommen. Da gibt es Fake News zur Quelle des Virus, das sind teilweise ganz verrückte Geschichten. Es kursieren Verschwörungstheorien, dass das Virus über 5G, also über mobiles Internet und Mobilfunk verbreitet wird. Dann haben wir Desinformationen zum Thema Therapien. Was schützt vielleicht, was kann man präventiv machen oder was wären jetzt vielleicht Wundermittelchen? Wir beobachten relativierende Fake News – das ist dieser ganze Komplex "das Virus existiert überhaupt nicht, das ist alles nur Massenhysterie". Und dann sind da natürlich auch noch die "üblichen Verdächtigen": Desinformationen, Fake News, die es sonst auch gibt, die jetzt einen Corona-Spin draufgesetzt bekommen: Die Impfgegner-Diskurse, aber auch Fake News aus der rechten Ecke zu den Themen Migration und Flucht, Verschwörungstheorien zu Umvolkung – jeweils mit Corona-Spin.

Warum funktioniert das so gut? Steckt hinter den Beispielen, die Sie nennen, der Motor Angst oder eine Art von Hoffnung, dass irgendjemand doch mehr weiß ...

So eine Krise sorgt natürlich für Unsicherheit. Man sieht ja auch, dass derzeit generell viel mehr Medien, Nachrichten, Mediatheken und lineares Fernsehen genutzt werden. Wir brauchen alle Orientierung. Jeden Tag gibt es neue Regeln, was jetzt gilt, was man tun darf, was man nicht tun darf. Dass sich Fake News so schnell verbreiten, hat sehr viel mit uns selbst zu tun und damit, wie wir als Menschen ticken und funktionieren. Es gibt Studien, die zeigen, dass sich falsche Informationen sehr viel schneller, weiter und tiefer in den sozialen Netzwerken verbreiten. Was aber nicht heißt, dass Fake News nur existieren, weil es Social Media gibt. Social Media beschleunigen einfach noch mal diese Dynamik. Aber dass Desinformation so verbreitet ist, das liegt nicht nur an Trollen oder Bots, die in irgendwelchen Ländern sitzen und unsere Diskurse hier stören, sondern daran, dass wir einfach sehr viele Dinge teilen, ohne sie gelesen zu haben. Wir sind neugierige Wesen. Insofern ist die gute Nachricht, dass wir alle selber viel dazu beitragen können, dass sich Fake News weniger verbreiten, als sie es unbedingt müssten.

Das ist dann vielleicht auch eine Erklärung dafür, warum das als Gesellschaftsphänomen so gut funktioniert, nämlich weil sich die Masse natürlich besonders bemerkbar macht?

Wenn man sich auf den Seiten der Fact-Checker, bei Correctiv beispielsweise, durchliest, was gerade alles nur zu diesem einen Thema Corona zirkuliert, dann sieht man: Das sind ja auch sehr fantasievolle Geschichten. Verschwörungstheorien stellen sich die Welt viel interessanter vor, als sie wahrscheinlich ist. Wir sind soziale Wesen, wir lesen das und wollen das dann eben auch mit Leuten teilen. Dinge, die wir noch nie gehört haben, sind oft interessanter. Richtige, aber redundante Informationen dagegen sind weniger glamourös, weniger interessant und verbreiten sich dann eben auch weniger schnell.

Würden Sie dann sagen, dass doch wieder diese alte, urmenschliche Sehnsucht nach Erzählungen, die größer sind als das Leben, dahintersteht? Denn es ist ja auch spannend zu sehen, dass bestimmte Fake News ein Publikum finden und andere total verpuffen ...

Das kann sein. Oft haben Verschwörungstheorien eine interessantere Erzählung zu bieten als die Realität. Aber hinter Fake News und Desinformationen stecken natürlich auch andere Interessen. Es gibt Akteure, die Unsicherheit streuen, die spalten, die Vertrauen in Institutionen erschüttern wollen. Und es wird natürlich viel Geld damit verdient. Zum Beispiel im Bereich Therapien und Wundermittel, die irgendjemand verkaufen will. Da gibt es lauter Gurus und selbsternannte Doktoren auf YouTube, und da stecken noch mal andere Interessen dahinter als nur, eine gute Geschichte zu erzählen.

Ist es dann vielleicht ein guter Mittelweg, zu sagen, man lässt sich seine Lust an Erzählungen und am Verbreiten von Erzählungen nicht verderben und ergreift gleichzeitig die Chance, jetzt, wo man ohnehin auf der Suche nach Orientierung ist, sich Strategien zu erarbeiten, wie man mit dem ganzen Wust besser umgehen kann?

Desinformationen und Fake News gab es immer und wird es auch immer geben. Social Media werden als – ja auch wunderbare – Plattform bleiben, auf der sich jeder verbreiten kann. Aber jetzt ist die Gelegenheit tatsächlich günstig, für sich selbst zu überlegen: Wie gehe ich mit dieser Art von Medien um? Wir überdenken ja gerade auch, wie wir die Hände waschen oder wie Nies-Hygiene funktioniert – in die Armbeuge, nicht mehr in die Hand. Man kann doch auch überlegen, wie man selbst Fake News verbreitet: Wie oft klicke ich denn auf etwas und teile es? Über Verbote kann man das Ganze ohnehin nicht einhegen, da müssen wir schon alle selber mit dran arbeiten.

Heißt das, dass Sie so eine Art Fake-News-Quarantäne vorschlagen, parallel zur Corona-Quarantäne? Also innehalten und gucken, was kann ich machen, was ist sinnvoll, was gefährdet mich nicht, was gefährdet andere nicht?

Bestimmte Desinformationen können uns gefährden. Gerade wenn es in die Richtung geht, dieses Virus existiere nicht, das sei alles überhaupt nicht gefährlich. Das führt dazu, dass die Leute sich weniger an Regeln halten, dass sie mehr rausgehen. Jeder kann einfach mal für sich selbst nachdenken: Was kann ich tun? Aus welcher Quelle kommt eigentlich diese Information? Andererseits sehen wir auch, dass ein großer Teil der Bevölkerung jetzt auf seriöse Medien zurückgreift, gerade in so einer Situation, wo es Orientierung braucht. In jeder Krise liegt auch eine Chance. Ich finde zum Beispiel die Sichtbarkeit von Wissenschaft in der öffentlichen Kommunikation ganz außerordentlich. Ich weiß nicht, wann WissenschaftlerInnen das letzte Mal so präsent waren.

Das heißt: wir haben das eigene Handeln und den Umgang damit – und dann könnte man ja sagen: Wenn man jetzt schon so weit ist, geht man noch einen Schritt weiter und fragt, wie kann ich denn Fake News vielleicht sogar als News nützen? Wie kann ich produktiv mit ihnen umgehen?

Fake News zeigen die ganze Bandbreite von Meinungen, von Pluralität. So kann man das natürlich auch sehen. Die Frage, wie legitim oder wie sinnvoll diese Informationen sind, ist natürlich nochmal eine andere. Wir können über unser eigenes Handeln hinaus aber beispielsweise Anforderungen an die Politik und die Plattformen stellen, deren Angebote wir nutzen und die sehr gut von unseren Daten leben. Die Plattformen sprechen immer vom Teilen, teilen die Daten allerdings nicht mit uns. Dabei könnten wir als Gesellschaft über Social Media-Daten sehr viel mehr über uns – und auch über Fake News – lernen. Wir wissen bisher unglaublich wenig, weil wir im Grunde genommen nur mit den Möglichkeiten, die wir haben, durchs Schlüsselloch schauen können. Das wäre jetzt auch eine Chance zu sagen: Gebt uns doch mal ein paar Datensätze, gerade zu dieser Corona-Situation, damit wir besser untersuchen können, wie solche Diskurs-Dynamiken funktionieren und welche Effekte sie tatsächlich haben.

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