Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Warum es zwischen Briten und Rest-Europa noch nie einfach war | BR24

© BR

Nach dem Brexit wird Großbritannien ein völlig anderes Land werden, fürchtet der deutsch-irische Historiker, verurteilt die Entscheidung aber nicht, da die EU in einer "schlechten Verfassung" sei. Wäre Heinrich VIII. ein besserer Krisen-Manager?

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Warum es zwischen Briten und Rest-Europa noch nie einfach war

Nach dem Brexit könnte Großbritannien ein völlig anderes Land werden, fürchtet der Historiker Brendan Simms. In seinem Buch "Die Briten und Europa" erklärt er, wie Heinrich VIII. mit Europa brach – und warum er es leichter hatte als Theresa May.

Per Mail sharen

Der Brexit sei doch eigentlich ein alter Hut, meint Brendan Simms. Denn im 16. Jahrhundert habe ja schon einmal Heinrich VIII. den Bruch mit dem Kontinent, mit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und dem Papst, vollzogen. Die englische Reformation sei deshalb der erste Brexit gewesen, sagt Simms, der in Cambridge Geschichte der Internationalen Beziehungen lehrt: "Die Reformation war sehr traumatisch, in dem Sinne, wie der Brexit auch traumatisch ist." Es sei nicht nur ein politischer, sondern auch ein rechtlicher, kultureller und psychologischer Bruch gewesen – eben ein "epochaler Bruch", sagt Simms. "Man war für fast ein Jahrtausend lang in England Teil einer größeren europäischen Ordnung. Man war eingebettet in diese Ordnung, und dann endete sie plötzlich."

"Einsperren, köpfen, andere Instrumente"

Heinrich VIII. konnte danach zu Hause schalten und walten, ohne dass eine fremde Macht, die damals in Rom saß, ihm hineinreden konnte. Genau das wollen die heutigen Brexiteers auch, nur sitzt die Macht, von der sie sich lossagen wollen, heute nicht mehr in Rom, sondern in Brüssel. Auch damals gab es viel Streit und Gezänk, aber am Ende setzten sich der König und die Reformation durch. Davon sind Theresa May und die Brexiteers noch ein ganzes Stück entfernt. Würde Heinrich VIII. zusammen mit seiner grauen Eminenz Thomas Cromwell vielleicht auch den zweiten Brexit besser hinbekommen, als May und ihr inzwischen dritter Brexit-Minister? "Das kann gut sein", sagt Brendan Simms. "Es waren aber auch andere Zeiten mit anderen Möglichkeiten: Einsperren, köpfen und andere Instrumente, die uns Gott sei dank heute nicht zur Verfügung stehen. Auch Kriege!“

© dpa/picture alliance

Joschka Fischer, Petra Pinzler (Die Zeit) und Prof. Dr. Brendan Simms

In seinem Buch "Die Briten und Europa – Tausend Jahre Konflikt und Kooperation" geht Brendan Simms zeitlich weit zurück und macht dadurch deutlich, wie eng die Geschichte des Inselreichs und die Geschichte des europäischen Kontinents miteinander verwoben sind. Wer die historischen Ursachen des immer schon komplexen und anstrengenden Verhältnisses zwischen Großbritannien und der Europäischen Union und jene des Brexit verstehen will, der ist gut beraten, dieses Werk zu lesen. Simms erzählt die Geschichte nicht allein aus britischer Perspektive. Er ist in Dublin aufgewachsen, als Sohn eines irischen Vaters und einer aus Rostock stammenden Mutter.

"Es wird ein völlig anderes Land werden"

Das Buch ist auf Englisch bereits vor drei Jahren erschienen, im Jahr des EU-Referendums. Simms hat für die deutsche Ausgabe ein Kapitel hinzugefügt, um die aktuellen Ereignisse rund um den Brexit einzufangen. Er verurteilt die Entscheidung der Briten für den EU-Austritt nicht – nennt als Grund dafür auch die schlechte Verfassung der EU, die Politik- und Demokratiedefizite der EU-Institutionen, die Widersprüche der Brüsseler Politik. Der Historiker sagt voraus, der Brexit werde die britische Insel nicht vollständig aus ihrer über tausend Jahre gewachsenen Verankerung in Europa lösen und auf den Atlantik hinaus treiben, aber: „Es wird nur ein völlig anderes Land werden. Es wird viel schwächere Beziehungen zu Festland-Europa haben. Und ich finde das schade.“

"Die Briten und Europa - Tausend Jahre Konflikt und Kooperation" von Brendan Simms ist bei DVA erschienen.

© DVA/ Montage BR

"Die Briten und Europa - Tausend Jahre Konflikt und Kooperation" von Brendan Simms

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!