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Warum es so schwer ist, die Welt zu retten | BR24

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Schüler demonstrieren in New York gegen den Klimawandel

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    Warum es so schwer ist, die Welt zu retten

    Gute Vorsätze fürs neue Jahr hat fast jeder, immer Menschen auch zum Thema Nachhaltigkeit. Trotzdem ist es schwierig, sie auch wirklich in die Tat umzusetzen.

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    Es gibt kaum jemanden der frei davon ist – gegen die eigenen Überzeugungen zu handeln. Zu Beginn des Jahres wollen viele Menschen etwas in ihrem Leben verändern – nach ein Paar Wochen sind die guten Vorsätze aber ruckzuck dahin. Akrasia, nennt die Philosophie das Phänomen. Die Psychologie spricht von kognitiver Dissonanz: Handeln wider besseres Wissen.

    Stefan Sellmaier ist Professor für Ethik der Neurowissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er erklärt, dass viele Dinge unser Handeln beeinflussen, die außerhalb unserer Kontrolle liegen: „Das sind Einschränkungen, die wir akzeptieren müssen. Wir sind nicht engelsgleiche, willensfreie Wesen, die alles umsetzen können, von dem sie denken, dass es vernünftig ist. Das war Kants Idee vom Sittengesetz, aber dem folgen wir nicht so.“

    "Wir sind nicht engelsgleiche, willensfreie Wesen, die alles umsetzen können, von dem sie denken, dass es vernünftig ist. Das war Kants Idee vom Sittengesetz, aber dem folgen wir nicht so.“ Stefan Sellmaier, Professor für Ethik der Neurowissenschaften

    Einer dieser Einflussfaktoren ist laut dem Neurowissenschaftler die Macht der Gewohnheit. Viele Alltagshandlungen laufen in einem unterbewussten Bereich ab, den wir schwer kontrollieren können, so Stefan Sellmaier: „Wir werden uns oft genug dabei ertappen schon fünf Kilometer mit dem Auto gefahren zu sein, und dann merken, ach ich wollte ja gar nicht fahren, oder ich wollte mit dem Radl fahren oder ich wollte was Anderes machen.“

    Der Mensch glaubt nicht genug an seine eigene Verantwortung

    Ein anderer Grund für unser Handeln wider besseres Wissen ist die so genannte Verantwortungsdiffusion. Das bedeutet, dass Menschen nicht glauben, dass ihr individuelles Handeln einen großen Effekt hat, sagt Stefan Sellmaier. Man denkt, das eine Mal Autofahren trägt gar nicht so viel bei zum Klimawandel.

    An der so genannten Klimakrise und unserem Umgang damit lässt sich das Phänomen derzeit wohl besonders gut beschreiben. Der Berliner Soziologe Alexander Repenning etwa unterstützt die Bewegung von Fridays for Future aktiv und sagt trotzdem, auch er handele nicht immer nur nachhaltig: „Weil es im Grunde kaum möglich ist, (…) im Einklang mit den Fragen der Nachhaltigkeit vollumfänglich zu handeln.“

    Für Repenning bedeutet das, ständig mit sich selbst zu ringen – etwa, ob ein beruflicher Flug wirklich sein muss oder nicht. Außerdem hat er begonnen, das Korsett, in dem er steckt, zu verändern: Er gestaltet ein Nachhaltigkeitskonzept bei seinem Arbeitgeber mit. Doch das Hadern mit dem eigenen Handeln bleibt.

    Die Religion kann dabei helfen, nicht den Mut zu verlieren

    Hier kommt die Religion ins Spiel, sagt der Münchner Theologe Reiner Anselm. Denn die "Sündhaftigkeit des Menschen" und seine "Erlösungsbedürftigkeit", von der das Christentum überzeugt ist, hänge ja gerade mit dieser Einsicht zusammen: Aus unserem eigenen Reflektieren und Handeln heraus können wir die Welt nicht so gut schaffen wie wir es eigentlich wollen. Die Religion helfe einem, mit dieser Unfähigkeit umzugehen. Sie sage einem „Schau zu, dass Du es so gut wie möglich machst, aber sei ehrlich, sei Realist, Du wirst es selbst nicht schaffen, wir werden nicht eine Welt ohne Konflikte, ohne Konkurrenzen, ohne Probleme schaffen können“, so Anselm.

    Für ein „Nichtentmutigtsein“ davon, dass wir die perfekte Welt nicht schaffen können, plädiert der Theologe Anselm. Das bedeute aber auch nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Oder wie Neurowissenschaftler Stefan Sellmaier betont, das heiße nicht, dass wir unsere Zukunft nicht gestalten können: „Wir haben eine Verantwortung für zukünftige Generationen und der müssen wir uns stellen und da können wir nicht sagen, ja, die Menschheit ist unfähig zu lernen, deshalb fahren wir weiter unseren SUV.“

    „Wir haben eine Verantwortung für zukünftige Generationen und der müssen wir uns stellen und da können wir nicht sagen, ja, die Menschheit ist unfähig zu lernen, deshalb fahren wir weiter unseren SUV.“ Stefan Sellmaier, Professor für Ethik der Neurowissenschaften