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Dokumente aus dem Leben Erich Kästners - zu finden im Deutschen Literaturarchiv Marbach.
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Niels Beintker
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Dokumente aus dem Leben Erich Kästners - zu finden im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Er sei ein Deutscher aus Dresden in Sachsen, schrieb Erich Kästner in seinem kurzen Gedicht "Notwendige Antwort auf überflüssige Fragen", zu finden im berühmten Band "Kurz und bündig" aus dem Jahr 1950. Und weiter: "Mich lässt die Heimat nicht fort. / Ich bin wie ein Baum, der - Deutschland gewachsen - / wenn's sein muß, in Deutschland verdorrt." Doch anders als der populäre Schriftsteller reimte, ist diese Frage keineswegs überflüssig. Sie ist noch immer relevant. Und sie ist im Grunde noch immer nicht erschöpfend beantwortet. Warum blieb Kästner in Deutschland, als ein Autor und Zeiterkunder, dessen Bücher von den Nazis verbrannt worden waren? Lag das nur an dem, was er Heimat nannte?

"Er wollte Chronist sein, Zeitzeuge sein", sagt der Münchner Germanist und Erich-Kästner-Biograph Sven Hanuschek. Aus diesem Grund musste er in Deutschland bleiben. "Das war das Hauptargument. Und er hat geschrieben, das sei einer der größten Irrtümer gewesen, dass man dachte – er mit vielen –, das ist ein kurzer Spuk, das ist nach einem Jahr vorbei. Er musste überleben, er musste sehen, woher er sein Geld kriegt, wie man das machen kann, als Schriftsteller weiter zu leben, ohne sich politisch zu verbiegen. Das hat er über die Ebene der Unterhaltungsliteratur getan. Er hat die Unterhaltungsromane geschrieben – und weiterhin Kinderbücher –, die dann im Ausland, in der Schweiz gedruckt wurden und wieder eingeführt wurden und im Land verkauft wurden, obwohl er ein verbotener Autor war. Das hat alles funktioniert."

Aufzeichnungen aus der Diktatur

Sven Hanuschek forscht seit Jahrzehnten über den in seiner Wissenschaft lange ins Abseits gestellten Erich Kästner. 1999, zum 100. Geburtstag, veröffentlichte Sven Hanuschek eine große Biographie. Er gab vor einigen Jahren Kästners Roman „Fabian“ in einer vielbeachteten Neuedition heraus. Und er kommentierte das sogenannte „Blaue Buch“, Kästners geheimes Tagebuch aus den Jahren 1941 bis 45, eine private Chronik aus der Diktatur, nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Unter anderem sammelte Kästner Material für einen geplanten Sittenroman über das "Dritte Reich", analog zum "Fabian". Sein Tagebuch eröffnet ganz eigene, sperrige und zuweilen problematische Perspektiven mit Blick auf die Zeit, zum Beispiel bei den Notizen zum 8. Mai 1945. Kästner empörte sich über die Alliierten und schrieb unter anderem, Deutschland sei das am längsten von den Nazis besetzte und unterdrückte Land gewesen.

"Er hat immer versucht klar zu trennen, wer die Kriminellen sind und welche Rolle das Volk dabei gespielt hat", so Sven Hanuschek. "Es geht ineinander, das ist fließend. Er war ein bisschen skeptisch gegenüber der alliierten Politik am Anfang, weil er dachte, es muss auch eine Selbstheilung des deutschen Volkes geben. Man muss selber anfangen, da Gericht zu halten, das selber aufräumen – was ja kaum stattfand. Er hat immer gegen Kollektivschuld argumentiert. Das ist ihm aber nicht immer gelungen, das ist auch nicht so leicht gewesen."

Der Münchner Germanist Sven Hanuschek. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Literatur der Weimarer Republik.

Der Münchner Germanist Sven Hanuschek. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Literatur der Weimarer Republik.

"Die Fragen sind es, / aus denen das, was bleibt, entsteht", heißt es in einem der berühmten Epigramme Erich Kästners. Man darf das gerne auch auf einige Fragen Kästners Biographie betreffend übertragen. Die Biographie eines Künstlers, der nach Nationalsozialismus und Krieg ein moralischer Erzieher der Kinder sein wollte und der als öffentlich wirkender Intellektueller gegen atomare Aufrüstung und gegen den Vietnamkrieg auf die Straße ging. In der Diktatur musste er irgendwie überleben, den schmalen Grat zwischen Ablehnung und Anpassung bewältigen. Unter anderem – das ist bekannt – schrieb Kästner unter dem Pseudonym Berthold Bürger das Drehbuch für den Münchhausen-Film, damals die aufwändigste Produktion der Ufa. Ein prestigeträchtiger Blockbuster auf Geheiß des Reichs-Propaganda-Ministeriums. Über den ästhetischen Wert des Films wie auch über seine Botschaft wird noch immer diskutiert. Hitler lehnte ihn ab. Der Name des Drehbuch-Autors wurde getilgt, sagt der Literaturwissenschaftler Sven Hanuschek. Und Kästner erhielt völliges Berufsverbot.

"Ist das nun ein Durchhaltefilm? Entspricht das dem Geschichtsbild der Nazis?", fasst Kästner-Forscher Hanuschek eine Argumentationslinie zusammen. "Oder ist das ein Dokument des Widerstandes? Ist das teilweise Sklavensprache, wo die Leute genau wussten, was gemeint ist, wo der Zensor aber nicht zugreifen konnte, weil es durch die Kontexte gedeckt war? Es gibt einen Moment, wo es, finde ich, eine Hitler-Karikatur gibt, wo eine Nebenfigur – Cagliostro – einen Fünfsekunden-Wutanfall kriegt, mit den Augen rollt und in Polen einmarschieren will. Wo man sich eigentlich die Augen reibt und sich fragt: Wie kann das in diesem Film sein? Es hatte für Kästner die Folge, dass er für den Rest der Diktatur ein Totalverbot hatte. Ab 43 hatte er keinerlei Einnahmen mehr. Er musste von der Substanz leben, von Freunden."

Überleben im Unrechtsstaat

Kästner, der noch allzu oft unbekannte Bekannte? Sein Leben und sein breites Werk mögen mittlerweile vielfach erforscht und betrachtet worden sein. Trotzdem ist vieles noch zu erkunden, mit Blick auf eine solche, eben auch öffentliche Figur. "Nichts auf der Welt macht so gefährlich, / als tapfer und allein zu sein!", schrieb der studierte Germanist Erich Kästner über sein Vorbild Lessing. Allein war er durchaus immer wieder, gerade auch in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur. Kästner saß zwischen den Stühlen, sagt sein Biograph Sven Hanuschek. Der Schriftsteller ging nicht ins Exil und gehörte, aus Hanuscheks Sicht, nicht zur sogenannten Inneren Emigration. Seine Biographie wurde in gewisser Weise zum Rollen-Modell für das Überleben im Unrechtsstaat. Die damit verbundene erforderliche Anpassung, die aus der Rückschau schwer zu beurteilenden Konzessionen, sind Teil dieser komplexen Geschichte.

"Es geht um das Leben, um das Überleben in einer Diktatur", so Sven Hanuschek. "Wie macht man das, wenn man entschieden dagegen ist, wenn man ein verbotener, verfolgter, verbrannter Autor ist? Wie weit ist man bereit zu gehen? Macht man Kompromisse? Welche macht man? Da ist Kästner klug gewesen, auch vorsichtig. Aber er hat auch immer wieder Glück gehabt. Es sind ein paar Verhaftungswellen knapp an ihm vorbei gegangen, die man verfolgen kann. Zeitweise hat man den Eindruck, es muss jemand die Hand über ihn gehalten haben. Er taucht auch manchmal auf den Listen auf der Autoren der Inneren Emigration, zu denen er für mich nicht gehört. Die haben eine ganz andere Kategorie von Kompromissen gemacht. Die waren zeitweise entschlossene Nazis – so kann man sagen, die sich da ganz anders positioniert haben. Das ist ein Feld, dass sich auch permanent ändert, wo man sich ständig neu positionieren musste. Das ist alles relativ schwierig gewesen."

Erich Kästner, wie man ihn kennt. Hinter dem offiziellen Bild gibt es noch viele Fragen.

Erich Kästner, wie man ihn kennt. Hinter dem offiziellen Bild gibt es noch viele Fragen.

Eine noch unerforschte Bibliothek

Im "Blauen Buch", im Tagebuch aus Jahren des Zweiten Weltkriegs, beschrieb sich Erich Kästner als unpolitischer Idealist. Allein diese Selbst-Verortung wäre lohnender Gegenstand einer weiteren intensiven Auseinandersetzung, sagt Sven Hanuschek. Gleiches gilt für den Blick über das Ende der Diktatur hinaus. Kästner erlebte das Frühjahr 1945 in Tirol und in Schliersee, er war als Mitglied eines Ufa-Teams in den Süden gekommen. Nach der Begegnung mit Männe Kratz – mit einem Holocaust-Überlebenden – schob er sein großes Projekt eines Sittenromans über den Nationalsozialismus beiseite – und damit auch eines der zentralen Argumente für das Ausharren in Deutschland. Nach der persönlichen Konfrontation mit den Verbrechen der Deutschen konnte Kästner sein literarisches Vorhaben offenbar nicht mehr umsetzen. Er arbeitete zwei Jahre als Feuilleton-Chef für die frisch gegründete "Neue Zeitung", schrieb Kinderbücher und Kabaretttexte und ging schließlich, als Intellektueller, in die Öffentlichkeit. Und er beschäftigte sich lesend intensiv mit der Geschichte des Holocaust, wie in seiner erhaltenen Bibliothek zu erfahren ist.

"Es ist eine große Privatbibliothek, was dieses Thema Holocaust – Zeitzeugenberichte nach dem Krieg anging", erklärt Kästner-Biograph Sven Hanuschek. "Da hat er regelrecht gesammelt. Das hat ihn nicht los gelassen. Sicher auch seine eigene Rolle, aber überhaupt das ganze Thema dieser deutschen Vergangenheit, doch in einem ungewöhnlichen Ausmaß. Aber er hat sich auch sehr vergeblich damit abgearbeitet. Ich denke, er kam da mit sich auch nicht ins Reine."

Erich Kästners Bibliothek wurde bislang auch noch nicht eingehend erforscht, interessant wäre das gerade vor dem Hintergrund seiner Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus. Man glaubt, es sei alles gesagt über diesen Zeitbeobachter, Erzähler und Moralisten. Das aber ist, mit Kästners Worten, ein "schöpferischer Irrtum". Das Bild, das wir haben von ihm, ist keineswegs vollständig: Detaillierte zeitgeschichtliche Untersuchungen, etwa über Kästners Verhältnis zur DDR, stehen noch aus. Gleiches gilt für Fragen zum Werk, darunter zum teilweise verstörenden Frauenbild in vielen Texten. Erich Kästners abenteuerliches, widersprüchliches Leben ist noch lange nicht zu Ende erzählt.

Erich Kästners „Blaues Buch“ – herausgegeben von Sven Hanuschek in Zusammenarbeit mit Ulrich von Bülow und Silke Becker – ist im Züricher Atrium-Verlag erschienen. Das geheime Kriegstagebuch gibt es zudem als Hörbuch, gelesen von Nico Holonics – eine Produktion des Bayerischen Rundfunks.

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Kulturjournal vom 10.03.2019 - 18:05 Uhr