BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Warum Eríc Plamondon den kanadischen Indigenen eine Stimme gibt | BR24

© Audio: BR/ Bild: Steve Nagy Design Pics

Mit "Taqawan" will der Schriftsteller Éric Plamondon auch eine Lücke in der Geschichtsschreibung der Franko-Kanadier füllen: Dabei verwebt er die Kolonisation Ostkanadas mit den Legenden der Mi’gmaq und ihrem Ringen um Eigenständigkeit.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Warum Eríc Plamondon den kanadischen Indigenen eine Stimme gibt

Land der Lachse und Widersprüche: In seinem etwas anderen Heimat-Krimi "Taqawan" klagt der Frankokanadier Éric Plamondon das tägliche Unrecht an der indigenen Bevölkerung an. Nebenbei gibt er spannende Einblicke in eine fremde Lebenswelt.

Per Mail sharen

"Der Lachs kommt in dieser Gegend zur Welt, schwimmt Tausende Kilometer durchs Meer und kehrt dann zum ersten Mal wieder in seinen Fluss zurück, um sich fortzupflanzen. Einen Lachs in diesem Stadium nennen die Mi‘gmaq 'Taqawan'", erklärt der kanadische Journalist und Schriftsteller Éric Plamondon. Sein Heimat-Krimi der ganz anderen Art spielt an der malerischen Mündung des Flusses Restigouche, in der Provinz Québec. Berühmt für reiche Lachsbestände und ein beliebtes Ausflugsziel für fischfangbegeisterten Quebecer – aber auch die Jahrtausende alte Heimat der indianischen Mi’gmaq, die diese Gegend besiedelt haben, lange bevor französische Siedler kamen. "Im Westen gelang dem weißen Mann die Ausrottung der Indianer, indem er die Bisons ausrottete. Im Osten waren es die Lachse.", schreibt Plamondon. "Man fischte mit Hilfe von Staudämmen, Reusen und Netzen, bis die Bestände erschöpft waren. Auch die Indianer sind erschöpft."

Lachsfang und Überlebenskampf der Indigenen

Für die Mi’gmaq ist der Lachs Lebensgrundlage. Für die Weißen ein Luxusprodukt, mit dem sich weltweit Geschäfte machen lässt. Plamondon stellt an den Anfang seines Buches den Kampf zwischen Indigenen und Franco-Kanadiern von 1981. Die brutalen Polizeiaktionen schildert der Autor im atemlosen Stakkato-Ton: „Die Staatsgewalt will Keile. So etwas nennt sich Machtdemonstration. Es wird befohlen zurückzuweichen. Es wird zurückgedrängt. Es wird gebrüllt, geschrien, gebetet. In der Junisonne blinkt das Blaulicht träge vor sich hin. Bald ist Mittag. Auf dem Wasser machen die Polizisten sich bereit zum Entern. Zugriff. Konfiszieren.“

© Lentos Verlag

Éric Plamondon macht die Situation der Indigenen in Kanada zum Thema – Jahrhunderte alte Probleme, die sich nicht schnell lösen lassen.

Die Regierung verbiete das Fischen mit dem Argument, der Fluss sei leergefischt", erklärt Eríc Plamondon. "Aber die Wahrheit ist: die Mi‘gmaq fischen nur fünf Tonnen Lachs im Jahr, aber gleichzeitig gibt es einige hundert Meter weiter große Schiffe im Atlantik, die 300.000 Tonnen im Jahr herausholen. Da stört das Umweltproblem plötzlich überhaupt nicht."

Ins Zentrum stellt Plamondon die Geschichte des 15-jährigen Mi’gmag-Mädchen Océane, ein Opfer der polizeilichen Übergriffe. Sie wird vergewaltigt, verschleppt in ein Bordell – und geht schließlich als Hoffnungsträgerin aus dem Buch hervor.

Geschichten, die in der Realität verankert sind

Der kanadische Autor wählt dafür eine halbdokumentarische, vielstimmige Form. Sein Buch gliedert sich in viele kurze Kapitel. Plamondon erzählt abwechselnd: die Kriminalgeschichte um Océane, bei der die Polizei eindeutig auf der Seite der Bösen steht. Indigene Mythen, Fetzen aus der Berichterstattung jener Zeit und gelehrte Exkurse über die Geschichte von Franko-Kanadiern und Mi’gmaq, die sich für ein deutsches Publikum kompliziert lesen.

Er greife zurück auf Geschichten, die in der Realität verankert sind, aber es gebe auch Fiktion, meint der Autor. "Man kann nicht immer unterscheiden, was wahr und was falsch ist. Ich spiele gerne mit den Grenzen. Im Buch spreche ich zum Beispiel von mehreren Legenden der Mi‘gmaq. Die meisten sind wahr, aber es gibt auch eine, die ich mir ausgedacht habe."

Die Polizeiaktion von 1981 bietet dem Franco-Kanadier den Aufhänger für eine genauere Analyse. Die Übergriffe gegenüber der indigenen Bevölkerung fallen zeitlich zusammen mit einer starken Unabhängigkeitsbewegung in der Provinz Québec. Die Indianer-Reservate unterstehen der englischsprachigen nationalen Regierung. Auch wenn sie auf dem Territorium der französischsprachigen Provinz Québec liegen. Die Mi’gmq geraten, so Plamondons These, unschuldig hinein in einen Stellvertreter-Krieg. Dabei gehe es erst an allerletzter Stelle um den Lachs, den "Taqawan", meint Eríc Plamondon: "Es gibt Spannungen zwischen der Provinzbehörde und der nationalen Regierung. Daher kann man sich vorstellen, dass hinter dem Konflikt um den Fischfang ein ganz anderer liegt: Wenn die Polizei von Quebec in die Reservate der Indianer eindringt, besetzen sie in gewisser Weise einen Teil des anglophonen Kanada."

© Lenos Verlag

Der etwas andere Heimat-Roman: Cover zu Éric Plamondons "Taqawan"

Éric Plamondon will den kanadischen Indigenen mit seinem Roman eine Stimme geben – den "Premières nations", "Ersten Nationen", wie Angehörige der ursprünglichen Bevölkerung in Kanada heute genannt werden. Denn in der Geschichtsschreibung der Franko-Kanadier geht es zwar viel um heldenhafte Kriege gegen Engländer oder Amerikaner – ebenfalls Thema in Plamondons Roman – aber sehr wenig um jene Menschen, die seine Heimatregion auch bewohnen: die indigenen Völker.

Gesellschaftskritik mit Happy-End

Am schlimmsten sei für ihn das Fehlen jedes Diskurses, kritisiert Éric Plamondon: "Man hat nie über die Mi‘gmaq gesprochen. Man sah selten etwas über sie im Fernsehen. Endlich spricht man über die Situation der Indigenen und ihre Reservate. Das ist positiv. Aber andererseits kann man nicht schnell Probleme lösen, die seit Jahrhunderten ungelöst sind."

Der Schriftsteller gibt seinem Buch trotzdem ein optimistisches Ende. Die Bösewichte werden aus dem Weg geräumt – in einer etwas holprigen, dafür aber um so spannenderen Hau-Ruck-Aktion. Dem Indianer-Mädchen Océane aber begegnet der Leser ein paar Jahre später noch einmal. Sie ist inzwischen eine selbstbewusste Jura-Studentin in Montréal, die ihrem Volk durch bessere Gesetze helfen will.

"Taqawan" von Éric Plamondon ist im Lenos Verlag erschienen, übersetzt aus dem Französischen von Anne Thomas.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Buchrezensionen, Literaturdebatten und Autoreninterviews – Diwan, das Büchermagazin gibt es auch als Podcast. Hier abonnieren!