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Leere Plätze in der AfD-Fraktion, nachdem die Abgeordneten den Plenarsaal geschlossen verlassen hatten, während der Generaldebatte im Bundestag.

Was die Künste, Kirchen und Wissenschaften seit längerem erfahren, gilt jetzt auch für die Demokratie: Nachts ist man auf sanftere Art hellwach oder auf gefühlvollere Weise für das Wesen der Wirklichkeit zugänglich. Der harte, helllichte Tag gilt eher dem Kampf ums Dasein als der Verständigung über demokratische Kultur.

Stille und Muße einer Langen Nacht können zu erkennen helfen, was die Stunde geschlagen hat. Und organisierte Räume für Begegnung vermögen in Erinnerung zu rufen, was keineswegs nicht mehr selbstverständlich ist: das gute, konstruktive, auf gegenseitiger Anerkennung basierende Gespräch über Wohl und Wehe, über Art und Weise der Gesellschaft, in der wir leben wollen.

Es gibt Politikwissenschafter, die seit längerem von der Abschaffung des gleichen Wahlrechts für alle nachdenken; es gibt öffentliche Intellektuelle, die zu Wahlverzicht aufrufen, und es gibt den AfD-Chef Alexander Gauland, der gerade eben von einer "friedlichen Revolution" schwadronierte und damit auf die Abschaffung des bestehenden politischen Systems zielt.

Jeder Einzelne ist Demokratie

Das Wort 'Bürgerkrieg' geistert durch den Diskurs, der Mob zieht durch die Straßen, und zwei Drittel der Deutschen glauben Umfragen zufolge nicht mehr daran, dass die Demokratie die wesentlichen Probleme der Zukunft lösen kann. Jeder Dritte geht nicht zur Wahl, und all das ist verheerend.

Gewiss: Gewaltenteilung, Versammlungsfreiheit, freie Wahlen und Rechtstaatsprinzip – das steht nicht in Frage. Noch nicht. Das eigentlich Gefährliche in Zeiten autokratischer Verführungen ist aber, dass die Demontage der Demokratie mit dem Verlust ihrer Substanz beginnt – und wir es gar nicht merken. Nach dem Jahrhundertwort des Verfassungsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde lebt Demokratie von Voraussetzungen, die sie selbst weder schaffen noch garantieren kann. Sie will scheinbar nichts von einem, braucht aber eigentlich alles. Vor allem ist sie auf Teilnahmebereitschaft und Teilnahmefähigkeit jedes einzelnen Bürgers angewiesen. Auf Mündigkeit, Mitbestimmung und den Willen, über den Tellerrand des eigenen Vorteils hinauszublicken.

Das wichtigste Organ der Demokratie ist zugleich sein labilstes: der Einzelne. Sie, ich, wir. Der einzelne Mensch ist die Schwachstelle eines offenen Systems, das wie kein anderes Individualität zulässt und dafür Verantwortung einfordert, ohne sie unmittelbar zu honorieren. Jeder Einzelne ist Demokratie. Das sagt sich so leicht, und ist doch unerhört schwer wiegend.

Freiheit ist so wertvoll wie verletzlich

Eine freiheitliche Ordnung muss stets aufs Neue gemeinsam verabredet und ausgehandelt werden. Das unentwegte Gespräch mit- und nicht übereinander ist fast immer mühsam, kompliziert, zeitaufwändig. Kompromisse lassen selten Glücksgefühle zu. Jedes Format also, ob ein Internationaler Tag oder eine Lange Nacht der Demokratie, das Menschen aus der sozialen Isolation ihrer Echokammern in leibhaftige Begegnung bringt, ist in diesen wilden Tagen der Tobsucht und Verrohung, der Häme, Hetze und Ehrabschneiderei dringend nötig und hilfreich.

Im eigentlichen sollte die Sensibilität für Demokratie, für Widerspruch und Versöhnung, von Grund auf täglich gelehrt werden; in Kitas, Vorschulen und weiterführenden Schulen. Wer den anderen nicht versteht, weiß nichts von sich selbst. Und wer die so stark scheinende und doch so verletzliche Demokratie als selbstverständlich gegeben voraussetzt, ist bereits dabei, ihr Kapital zu verspielen: die persönliche Verantwortung für das Geschenk der eigenen Freiheit, die täglich aufs neue gegen ihre Verächter errungen werden muss.

Bei Tage betrachtet, ist die Demokratie ohne Zweifel die beste, klügste und menschenfreundlichste Regierungsform, die es je gab. Vielleicht hilft eine Lange Nacht der Demokratie, zu erkennen, wie wertvoll und verletzlich die Freiheit ist.

Autoren

Christian Schüle

Sendung

kulturWelt vom 13.09.2018 - 06:30 Uhr