BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Warum eine Fotografin ein Buch über die Stille gemacht hat | BR24

© Audio: BR / Bild: Manu Theobald
Bildrechte: Manu Theobald

Ein Porträtband über Menschen, für die Stille zum Alltag gehört

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Warum eine Fotografin ein Buch über die Stille gemacht hat

Wird man die Corona-Zeit einst eine Zeit der Stille nennen? Es ist immerhin eine Zeit, in sich zu gehen. Die Münchner Fotografin Manu Theobald beschäftigt sich seit Jahren mit der Stille. Und hat nun Menschen porträtiert, die dies ebenfalls tun.

Per Mail sharen
Von
  • Barbara Knopf

"Höhlen atmen. Sie atmen ein und atmen aus. Und sie haben definitiv eine Persönlichkeit, die einem das Gefühl gibt, eingeladen zu sein – oder dass sie dich absolut nicht dahaben wollen", sagt die Höhlenforscherin und Mikrobiologin Hazel Barton.

Die Stille ist ein ständiger Widerspruch, denn im Grunde gibt es sie nicht: Sie tönt und rauscht und weht, bereit in Resonanz zu gehen mit einem Bedürfnis tief in uns. Wären da nicht die ständigen Überlagerungen von Lärm und Ablenkung. Selbst im All muss der Mensch, der nur mit wummernder Technik dorthin kommt, die Stille erst aufspüren: "In unserem Shuttle hatten wir ungefähr 72 Dezibel", berichtet der Astronaut und Physiker Ulrich Walter. "Ich musste mir damals bewusst Zeit für mich nehmen, auf das Flight-Deck des Shuttles schweben und dann diesen Blick auf die Erde in innerer Stille genießen".

Auch da, wo sie sein könnte, ist die Stille meist nicht: in uns. "Ich war auf vielen Beerdigungen", erzählt die Fotografin Manu Theobald. "Da war so eine Verzweiflung anwesend, weil viele sich so verhalten als wären sie zur Generalprobe hier auf der Welt und dann wirklich empört sind, dass es wieder vorbei ist so schnell. Und Stille ist tatsächlich – finde ich – ein so wertvolles, hilfreiches Instrument zu vergegenwärtigen, dass wir nicht wissen, wie lange wir hier sind."

Die Stille tönt und rauscht und weht

Theobalds Buch "Stille ist" ist kein Ratgeberbuch, es enthält keine abgedroschenen Lebensweisheiten und zeigt keine Erleuchteten. Selbst Peter Zumthor, der Mönch unter den Star-Architekten, hat auf seiner Porträtfotografie einen fast diabolischen Schatten. Die Menschen, die die Münchner Fotografin und Autorin Manu Theobald interviewt hat, finden die Stille handfest mitten in ihrem Alltag. Die Fotografien – entstanden in der Interviewsituation – strahlen eine große innere Gelassenheit zurück. Die Erfahrungen sind zu knappen Monologen verdichtet: Die Hebamme, die sich im stillen Einklang mit der gebärenden Frau auf die Prozesse der Geburt einlässt. Der Koch, der die Vorstellungskraft, wie die Zutaten eines lebendigen Essens aufeinander reagieren, aus der Stille heraus entwickelt. Die Unternehmerin, die für geräuscharme Geräte kämpft. Die indische Umweltaktivistin, die vor allem ein Verstummen von Stimmen hört: der Samen, der Erde, der Insekten, der Vögel. "Wir müssen diese tödliche Stille durchbrechen, um die tiefere Stimme des Friedens hörbar zu machen, die die Mehrheit der Menschen immer noch will."

Stille, diese von Wissenschaftlern erforschte, aber flüchtige Erscheinung, hat viele Dimensionen: politische, philosophische, spirituelle. Sie breitet sich aus im Raum; in der Zeit wird sie spürbar als Pause, die das Davor und das Danach in sich birgt. Dabei scheint es, als sei sie immer da, unter dem Grundrauschen des Lebens. Ich höre mit aufgelegten Händen, sagt der Craniosacral-Therapeut. "Stille ist ein sich Annehmen", sagt die Autorin und Fotografin und eröffne Freiräume: "Die Stille ist eine Möglichkeit, überhaupt erst mal mitzubekommen, was ist gerade, und unterscheiden zu können, was wird mir suggeriert, wer ich sein soll. Also in den ganzen Rollen die ich einzunehmen habe im Leben, und was ist aus mir heraus aber eigentlich ein richtiges Gefühl, wie etwas sich anfühlt also dieses Abgleichen, dazu braucht man Momente des Innehaltens", sagt Manu Theobald.

Verborgen unter dem Grundrauschen des Lebens

"Wenn ich mit meiner aufgelegten Hand verbunden mit meinem jeweiligen Partner gehe, erfahre ich darüber auf den Zentimeter genau, welche Neigung, Richtung, Kurve der Weg hat. Mein Partner geht völlig in meiner Welt und ich in seiner", sagt der blinde Extrembergsteiger Andy Holzer, der die "seven summits", die sieben höchsten Gipfel dieser Erde zusammen mit Partnern bestiegen hat. In seinem Vertrauen liegt etwas Grenzenloses und die Ahnung: Je mehr wir es wagen, in uns hineinzuhören, desto weiter werden unsere Möglichkeiten.

"Die tieferen Klänge nehme ich mehr in den Beinen und Füßen wahr, deshalb spiele ich oft barfuß, während ich die hohen Klänge in bestimmten Teilen des Gesichts spüre, im Nacken, in der Brust und auf der Kopfhaut." Die weltberühmte gehörlose Percussionistin Evelyn Glennie nimmt Klang als Schwingung auf – mit dem gesamten Körper als Ohr. Auch das zeigt das Buch: Worte sind in der Erfahrung der Stille und der Heilkraft, die in ihr liegt, eher überflüssig.

Die Stille hat eine mächtige Energie. Und man kann mit etwas Übung und Geduld, eigentlich immer auf sie zurückgreifen. Manu Theobald: "Wenn ich nur einen Stern in der Stadt sehe, dann weiß ich, weil ich schon sehr viel Zeit auf dem Land verbracht habe unter wunderbarsten Sternenhimmel, dass der eine Stern, den ich sehe, mir den gesamten Himmel zurückbringt und da freue ich mich natürlich sehr darüber."

Manu Theobald: "Stille ist", erschienen im Adeo Verlag 2020.

© Buchcover: Adeo Verlag / Grafik: BR
Bildrechte: Buchcover: Adeo Verlag / Grafik: BR

Manu Theobald: "Stille ist"

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!