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Warum ein Deutsches Museum für Black Music nötig ist | BR24

© Bayerischer Rundfunk

Die Regisseurin Anta Helena Recke will mit dem Museum für Schwarze Unterhaltung einen öffentlichen Diskurs anregen.

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Warum ein Deutsches Museum für Black Music nötig ist

Tic Tac Toe, Roberto Blanco und Samy Deluxe – auch in Deutschland gibt es Schwarze Entertainer. Die Regisseurin Anta Helena Recke tritt dafür ein, diesen Künstlerinnen und - künstler ein Museum für Schwarze Unterhaltung zu widmen.

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Was haben Boney M., Tic Tac Toe und Roberto Blanco gemeinsam? Es sind alles Schwarze Musiker, die in Deutschland große Erfolge feierten, als Schwarze Künstler in der deutschen Unterhaltungsbranche noch eine Seltenheit waren. Mittlerweile aber sind es so viele, dass zwei Frauen ihnen ein Museum widmen möchten, das "Deutsches Museum für Schwarze Unterhaltung und Black Music" heißen soll. Eine der beiden Initiatorinnen ist die Münchner Regisseurin Anta Helena Recke.

Knut Cordsen: Bei der Vorbereitung auf unser Gespräch bin ich auf einen Song des Titels Ich bin der schwärzeste Bayer der Welt gestoßen, ein Song aus dem Jahr 1970 von Billy Mo, der heute nicht mehr allzu vielen etwas sagen dürfte. Billy Moe, ein Jazz-Musiker ursprünglich, später dann Volksmusiker, der in Deutschland durchaus großen Erfolg hatte. Wer war dieser Billy Mo?

Anta Helena Recke: Billy Mo war ein großer Schlagerstar im Westdeutschland der 70er Jahre, der eine wahnsinnig interessante Biografie hatte. Er wurde zwar nicht in Deutschland geboren, ist aber über Umwege hierher gekommen und hat sich dann etabliert in der Kulturszene. Wie Sie schon erwähnt haben: Er ist vom Jazz 'rübergesiedelt ins Schlager-Business und hat da sehr viel Erfolg gehabt.

Ich glaube, sein erster großer Hit war Ich kauf' mir lieber einen Tiroler Hut, in ähnlich bayerisch anmutendem Ambiente angesiedelt wie Ich bin der schwärzeste Bayer der Welt. Er war ein sehr, sehr talentierter Entertainer, der mit seiner schwarzen-bayerischen Kunstfigur eine gute Vorlage für unsere heutigen Selbstinszenierungs-Performances geliefert hat, würde ich sagen.

Was erzählt uns denn seine Lebensgeschichte über das Dasein als schwarzer Entertainer in Deutschland?

Sie erzählt uns eine Geschichte von Schwarzen Menschen, Schwarzen Künstlern in Deutschland, die schon sehr, sehr weit zurückgeht und ganz viele verschiedene Auswüchse hat. Und Billy Mo war eben einer, der das Deutsche in seiner Performance über-affirmiert hat - das ist eine von einer Handvoll verschiedener Inszenierungs-Strategien, die wir bei den über 250 Vertretern, die wir in unserem Museum featuren, herausgefiltert haben.

Zurzeit gibt es im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst ja eine temporäre Probe-Präsentation Ihres "Deutschen Museums für Schwarze Unterhaltung und Black Music". Was ist da alles zu sehen?

Wir haben eine Menge Archivmaterial: Schallplatten, CDs, Autogrammkarten, Poster, Fanartikel, Werbeanzeigen und allerlei Text-Dokumente über diese Leute. Auf der anderen Seite gibt es auch zeitgenössische Kunstwerke, die wir in Auftrag gegeben haben bei Schwarzen deutschen Künstlern, die sich in der Konfrontation mit dem von uns angesammelten Material eine Arbeit ausdenken sollten. Unsere Archiv-Sammlung soll natürlich stetig erweitert werden. Wir setzen jetzt hier in Frankfurt erst einmal einen Startpunkt.

Afrodeutsch - das ist ja die Bezeichnung unter der sich heutige Schwarze Deutsche versammeln. Früher gab es diese Art von Selbstdefinition noch nicht. Ich meine mit 'früher', zum Beispiel zur Hoch-Zeit des heute 83-jährigen Roberto Blanco. Roberto Blanco würde sich vermutlich auch heute nicht als afrodeutscher Künstler beschreiben. Worin liegen für Sie die Vorteile, sich und andere als afrodeutsch oder afro-päisch zu definieren?

Der Begriff afrodeutsch ist eigentlich gar nicht so jung wie man vielleicht meinen könnte. Er ist mindestens 35 Jahre alt und hat sich entwickelt in der Zeit, in der sich auch die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland gegründet hat. Er ist auch nur einer von mehreren Begriffen, die Menschen in Deutschland heute als Selbstbezeichnung beanspruchen. Viele bezeichnen sich ja auch nach wie vor als "Schwarz".

Ich weiß gar nicht, wie sich Roberto Blanco jetzt selbst bezeichnen würde. Der äußert sich ja weniger zu politischen Themen, weil er eben ein Entertainer ist. Der Vorteil liegt ganz einfach im Begriff selbst: Es ist eine Selbst-Bezeichnung und keine Fremdzuschreibung.

Sie kommen ja vom Theater. Spielt die Performanz in Ihrer Art des temporären Museums auch eine Rolle?

Auf jeden Fall. Wir eröffnen ja gleichsam performativ ein Museum. Durch performative Akte bringen wir eine neue Institution hervor, die es so auf dem normalen Wege nicht gegeben hätte. Abgesehen davon, dass natürlich alle Veranstaltungen wie die offizielle Eröffnungsfeier das Band durchschneiden, die Pressekonferenz und so weiter, performative Akte sind.

Darüber hinaus haben wir in unserem Museum an fast jedem Abend ein kleines, performatives Programm, bei dem auch verschiedene, assoziierte Künstler auftreten. Sie befassen sich mit dem Erbe, das wir hier zusammengetragen haben. Ergebnisse geben sie zusammen mit eigenen künstlerischen Recherchen in kleinen performativen Bühnenskizzen wieder, die wir gemeinsam entwickelt haben. Die werden auch im Rahmen unseres Museums aufgeführt. Ich denke, dass sich der Begriff des Performativen durchaus auf die Praxis "eine Institution zu eröffnen" übertragen lässt.

Die temporäre Ausstellung des "Deutschen Museums für Schwarze Unterhaltung und Black Music" im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst läuft noch bis zum 3. September 2020.

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