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Warum eine 110-Jährige auf TikTok zum weltweiten Hype wird | BR24

© Audio: BR | Bild: TikTok/singinggran1911

15 Sekunden Fame: Auf TikTok kann jeder zum weltweiten Hype werden.

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Warum eine 110-Jährige auf TikTok zum weltweiten Hype wird

Eine 110-jährige Ur-Oma trällert ein Lied aus dem Ersten Weltkrieg und wird damit weltweit berühmt. Der Grund liegt auch in der Funktionsweise von TikTok – das sich in wichtigen Details von Instagram und anderen sozialen Netzwerken unterscheidet.

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Von
  • Tobias Ruhland

So schief wie sie singt, so schief hält die 110-jährige Amy Hawkins auch ihre Tasse, in der der Tee gefährlich hoch schwappt. Jede Sekunde könnte sie ihn sich auf die Hose schütten. Aber das interessiert Ur-Oma Amy nicht. Sie ist TikTok-Star und ein TikTok-Star macht eben genau das: nicht groß über Perfektion und Inszenierung nachdenken, wenn die Originalität hoch ist. Das ist eben der entscheidende Unterschied: Auf Instagram legt man für den perfekten Look alle möglichen Filter drauf, auf TikTok reicht – wie im Falle von Amy – die bestickte Überdecke und dann geht's auch schon los mit dem schiefen Nachsingen eines Lieds aus dem Ersten Weltkrieg.

15 Sekunden Fame

"It’s unique to become viral" lautet das Mantra auf TikTok. Und eben nicht: "It's hot to become viral", erklärt Johannes Ruisinger von der Agentur Wecreate mit Schwerpunkt Marketing auf TikTok: "Man sieht Sachen, die man davor einfach gar nicht kannte. So ist das auch mit der Kriegslied-Oma. Man hat nie zuvor eine 110 Jahre alte Oma gesehen, die dann auch noch singt."

Nicht nur wegen ihrer Frisur muss man bei Kriegslied-Ur-Oma Amy an Andy Warhol denken, der ja in den 1960ern den Spruch von den "15 minutes of fame" prägte: Jeder kriegt mal seine 15 Minuten Ruhm. Gemeint war damit die Flüchtigkeit von Ruhm und medialer Aufmerksamkeit. Und im noch flüchtigeren Internetzeitalter sind es eben nur noch die TikTok-typischen 15 Sekunden.

Algorithmus belohnt One-Hit-Wonder

In puncto Nutzerzahlen hat TikTok zum Beispiel schon Twitter überholt. In Deutschland nutzt bereits jeder achte TikTok. In der Altersgruppe der über 25-Jährigen ist die einstige Teenie-App längst angekommen und dürfte auch bald Instagram überholen, dessen Algorithmen und Funktionsweise überholt scheinen, erklärt Johannes Ruisinger: "Da musste man Influencern folgen, man musste erst mal von den Influencern erfahren oder darüber lesen und dann aktiv den Follow-Button drücken. Das ist natürlich ein ganz anderer Prozess, als wenn die Videos direkt auf der Startseite der App angezeigt werden. So ist es tatsächlich möglich, dass ein Nutzer, der davor nie etwas gepostet hat über Nacht Berühmtheit erlangt."

So geht auch das TikTok-Pop-Märchen von Nathan Evans: Ein 26-jähriger Schotte, der vor Weihnachten anfing, alte Seefahrerlieder in sein Handy zu singen. Sein Wellerman-Song ist auf TikTok inzwischen mehrere hundert Millionen Male geklickt. Rum, raue Winde und Harpunen – warum diese Begeisterung für ein Seefahrerlied? Weil sich die Menschen in der Lockdown-Isolation genau nach dem sehnen, was die Matrosen damals an Bord hatten: Nähe, Zusammenhalt, Gemeinschaftsgefühl. Ein Sinnbild dafür, dass sich Menschen seit jeher durch gemeinsames Singen verbunden fühlen. Und TikTok hat die technischen Möglichkeiten, dieses Gefühl von Verbundenheit zu intensivieren.

TikTok-Hit wird Charterfolg

Digital interagieren ist – gerade in Lockdown-Zeiten – das neue Kommunizieren. Und so kommt es, dass in kürzester Zeit seefahrertaugliche vollbärtige Hipster-Jungs den Wellerman-Song zum Chor erweitern. Und brav frisierte Geigenmädchen steuern den Orchesterpart bei. Der Text ist einfach, die Melodie geht ins Ohr. Das wird auch einem Autofahrer in einem inzwischen millionenfach geklickten Video klar: Zunächst rollt er peinlich berührt die Augen, als sein Bodybuilder-Bruder mit Dreadlockfrisur auf dem Beifahrersitz den Wellerman Song vorspielt. Es dauert aber nicht lange und die beiden stimmen zusammen mit breitem Grinsen in den Chor ein.

Derweil stürmt Nathan Evans die Charts, landet in Talkshows, unterschreibt Plattenvertäge und postet auf Instagram Videos, wie er sich sympathisch halb totlacht beim Betrachten der täglich mehr werdenden Video-Varianten seines Wellerman-Songs.

Neue Talente statt bekannte Gesichter

Laut Johannes Ruisinger ist TikTok derzeit die Plattform, die neue Talente hervorbringt oder neue Stars entdeckt: "Es ist weniger eine Darstellungsplattform für Promis, wie es oft auf Instagram oder auf Youtube war." Etablierte Influencer hätten es auf TikTok schwerer: "Man sieht Influencer von Instagram auf TikTok rüberwechseln, die zwar initial eine große Reichweite mitbringen, aber dann an den Qualitätsansprüchen von TikTok scheitern. Man kann sich natürlich vorstellen, wie frustrierend das für die Influencer ist. Die sieht man dann auch oft genauso schnell aufhören wie sie angefangen haben."

Auf TikTok heißen die Stars dann eben nicht Kim Kardashian, sondern Junis Zaro oder Herr Anwalt, die Johannes Ruisinger mit seiner TikTok -Marketing-Agentur bereits unter Vertrag hat. Herr Anwalt beispielsweise macht Jura für Kids. Auch das ist Pop im Jahr 2021, wenn ein lispelnder, verkleidungstüchtiger Jurist in einer Minute die Welt der Paragraphen erklärt. Nach dem Motto: Machst du noch Homeschooling oder lernst du schon auf TikTok?

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