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David gegen Goliath: Darum kommen die "Barbaren" so gut an | BR24

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David gegen Goliath: "Barbaren" reinszeniert die Varusschlacht

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    David gegen Goliath: Darum kommen die "Barbaren" so gut an

    Die "Barbaren" brechen alle Rekorde: Die deutsche Serie, die sich an "Vikings" oder "Game of Thrones" orientiert, wurde laut Netflix in einem Monat 37 Millionen mal gestreamt. Warum ist die Dramatisierung der legendären Varusschlacht so erfolgreich?

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    Von
    • Moritz Holfelder

    Das David-gegen-Goliath-Prinzip sorgt gleich für Spannung: "Die größte Streitmacht der Welt trifft auf eine Vielzahl zerstrittener Stämme. Die Römer nannten sie Barbaren". So steht es im Vorspann der ersten Folge von "Barbaren". Die Musik klingt martialisch. Trommeln pulsieren und metallische Geräusche, die wie Schwerter klingen, die über Schleifsteine gezogen werden, geben den Rhythmus vor. Es ist ein Beginn voller Adrenalin. Der geschickt kontrastiert wird mit den ersten Bildern: Kinder toben sorglos durch einen lichten Wald und spielen Fangen. Die Kamera folgt ihnen bis zu einem kleinen Dorf auf einer Wiese. Wir befinden uns im Teutoburger Wald, neun nach Christus. Dann geht es um Frauen: In einer dunklen Hütte findet eine Brautschau statt. Ein grimmiger Germane mäkelt an der jungen bildhübschen Thusnelda herum. "Das Becken ist etwas schmal", sagt er, immerhin habe sie "gute Zähne, starke Muskeln." Der Brautpreis soll gedrückt werden. "Sie gehört Dir noch nicht", entgegnet der Vater – und die Mutter fügt hinzu: "Der Brautpreis steht. Fünf Pferde." Wenn der Brautwerber die Hütte verlässt, kommt der kleine Bruder von Thusnelda zu seiner Schwester und fragt: "Soll ich ihn vielleicht abstechen?" Sie entgegnet: "Das mach' ich schon selber!"

    Barbaren von heute

    Es sind noch keine vier Minuten der ersten Folge der neuen Netflix-Serie vergangen – und der Zuschauer ahnt bereits: Die "Barbaren" reden kaum anders als Menschen im Jahr 2020. Nur, dass der Teutoburger Wald damals nicht zwischen Bielefeld und Paderborn lag, sondern von Wildnis umgeben war. Um den historischen Bezug deutlich zu machen, wurden die Darsteller in grobes Leinen und in Wildtierfelle gekleidet; gekocht wird auf dem Feuer – und die Antlitze der animalisch wirkenden Männer sind dreckverschmiert. Klar, es handelt sich ja um Barbaren. Da stört es auch nicht weiter, dass die Hälse überraschend rein, weiß und sauber erscheinen. Das Maskenbild hatte vermutlich mit den Gesichtern schon genug zu tun. Der Vater der umworbenen Braut wirkt sogar wunderlich gut rasiert und gekämmt, als komme er gerade vom Friseur um die Ecke. Diese wohl bewusste A-Historizität macht – trotz vieler stimmiger Ausstattungsdetails – den Reiz der Serie aus. Die Geschichte der legendären Varusschlacht, auch wenn sie schon rund 2.000 Jahre zurückliegt, soll ganz heutig erscheinen. Das macht es dem Publikum leichter, sich den "Barbaren" anzunähern. Geschickt hangelt sich das Drehbuch von Konflikt zu Konflikt, mal größer, mal kleiner, bereits nach fünf Minuten reiten die bösen Römer (die origineller Weise lateinisch sprechen und untertitelt werden) in das idyllische Dorf ein und sorgen für Ärger, fordern einen materiellen Tribut.

    © Netflix

    Die Vorbilder für "Barbaren" sind unübersehbar: "Game of Thrones" oder "Vikings"

    Über den Alltag unserer germanischen Vorfahren erfährt man nichts, aber es gibt schließlich wichtigere Dinge, die zum Binge-Watching animieren sollen. Es ist eine nach dem Algorithmus Größter Gemeinsamer Nenner berechnete Mischung aus Gemetzel, Liebeshändeln, softem Sex und familiären Zerwürfnissen. Es gibt Verräter und Überläufer – und vor allem einen germanischen Fürstensohn, der als Kind unter Zwang nach Italien verfrachtet wurde, als eine Art Friedenspfand zwischen den Römern und den Barbaren. Jetzt kehrt er als römischer Feldherr zurück in seine Heimat und wird in der Serie als einer eingeführt, der bald die Seiten wechseln könnte.

    Sippe, Schlachten, Sex: der Serien-Baukasten funktioniert

    Das wirkt alles ziemlich konstruiert, ist jedoch so zwingend inszeniert, dass der große internationale Erfolg von "Barbaren" nicht überrascht. Die Macher beherrschen den modernen Serien-Baukasten: Ein zwingend feministisches Element ist durch die emanzipierte Thusnelda mit dabei, dazu kommen die spannungsvolle Interkulturalität (römische Snobs kontra wilde Germanen), und die Umkehrung der Verhältnisse, wie man das schon aus den "Asterix & Obelix"-Heftchen kennt. In diesem Fall hieße es: "Ganz Germanien ist von den Römern besetzt ... Ganz Germanien? Nein! Ein von unbeugsamen Germanen bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten."

    © Netflix

    Netflix hat bereits eine zweite Staffel von "Barbaren" angekündigt.

    Fragewürdiger Nationalismus

    Der fulminante Erfolg der "Barbaren"-Serie hat sicher auch damit zu tun, dass, wie es ein deutscher Prähistoriker ausdrückte, die Geschichte eines "großen ethnischen Widerstandskampfes" erzählt wird. Vor allem in den Besprechungen internationaler Zeitungen wird das in Verbindung gebracht mit den nationalistischen deutschen Geschichtserzählungen des 19. Jahrhunderts, die von den Machthabern des Dritten Reichs revitalisiert wurden. Blut und Boden. In der Besprechung von "Barbaren" in der New York Times heißt es: "Deutsche Nationalisten, einschließlich der Nazis, haben die berühmte Schlacht als ideologisches Ereignis genutzt – als grundlegenden Moment germanischer Stärke, als Beweis für die überlegene Abstammung und die Kampfkraft der Deutschen. Bis heute sind die Schlacht und ihr Anführer Arminius eine Inspirationsquelle für Rechtsextremisten, die regelmäßig zu den historischen Orten pilgern." Inwieweit Rechtspopulisten und Neonazis zu den hohen Zuschauerzahlen von "Barbaren" beitragen, lässt sich nicht sagen. Netflix hat auf alle Fälle angekündigt, dass es eine zweite Staffel geben wird! Alea iacta est. Die Würfel sind gefallen.

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