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Warum die Entführung Hella Mewis' politische Motive haben könnte | BR24

© Audio: BR; Bild: pa/dpa

Der irakische Schriftsteller Najem Wali vermutet politische Motive hinter der Entführung von Hella Mewis.

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Warum die Entführung Hella Mewis' politische Motive haben könnte

Im Irak wurde am Montag die deutsche Kulturmanagerin Hella Mewis entführt. Sie hat in Bagdad ein Kulturhaus zur Förderung junger Künstler*innen gegründet. Über ihre Arbeit hat Christoph Leibold mit dem irakischen Schriftsteller Najem Wali gesprochen.

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Die Entführung der deutschen Kulturmanagerin Hella Mewis am Montagabend kam überraschend. 2015 hat sie in Bagdad ein Kulturhaus gegründet, das die Arbeit junger irakischer Künstler*innen fördert. Über die Arbeit von Mewis hat Christoph Leibold mit dem irakischen Schriftsteller Najem Wali gesprochen. Wali lebt in Berlin und war regelmäßig in Mewis‘ Kulturhaus "Bait Tarkib" für Lesungen zu Gast. Zudem arbeitet er gemeinsam mit ihr an einer literarischen Reise-Anthologie über Bagdad.

Christoph Leibold: Sie sagen, Hella Mewis ist die mutigste Frau, die Sie kennen. Angesichts der politischen Lage im Irak kann man sich auch unschwer ausmalen, dass es Mut erfordert, dort Kulturarbeit zu leisten. Nicht zuletzt diese Entführung zeugt davon, dass das gefährlich ist. Aber wir hier in Deutschland haben ja doch nur eine vage Vorstellung, wie die Situation im Irak ist. Sie kennen die Lage besser. Worin zeigt sich der Mut von Hella Mewis?

Najem Wali: Der Mut zeigt sich zum Beispiel daran, dass sie schon 2012 nach Bagdad kam. Das waren wirre Zeiten. Selbst ich hätte es damals nicht gewagt, dorthin zu gehen. Aber sie war voller Energie, voller Optimismus. Sie hat Sympathie für die Stadt und die Menschen. Einfache Menschen auf der Straße kennen Hella und grüßen sie. Sie hat ihnen ein Zuhause gegeben durch ihr Haus "Bait Tarkib", was so etwas wie "Zusammenfügung" bedeutet.

Mewis‘ Ziel ist es, jungen Menschen im Irak zu helfen, ihr künstlerisches Talent zu entwickeln. Wie genau macht sie das?

In allen Bereichen der Kunst, zum Beispiel Musik, Malerei, Tanz. Sie organisiert Veranstaltungen, Austausch. Aber vor allem versucht sie, diesen jungen Menschen Stipendien zu organisieren, damit sie nach Deutschland kommen für drei bis fünf Monate. Viele haben das gemacht und sind übrigens auch zurückgekehrt. Sie sind nicht in Deutschland geblieben, wie manche befürchtet hatten. Und in Bagdad bietet Hella Kurse an. Kleine Kinder, Mädchen und Jungen, machen Kurse in Tanz oder Malerei. Das ist wie ein schönes Haus der Kunst in Bagdad.

Was macht den unschätzbaren Wert dieser Arbeit aus?

Der Irak ist in einer schwierigen Situation. Und wenn das Land von allen Menschen verlassen wird, auch gerade Frauen, ist das ein Problem. Ich habe mir immer gewünscht, dass mehr Frauen und Männer wie Hella Mewis den Mut haben und kulturelle Arbeit in Bagdad machen. Es geht nicht nur um die Politik. Diese Arbeit bringt Leben in die Entwicklung des Landes. Sie ist aber auch ein Gewinn für Deutschland. Die Arbeit von Hella hat dem Ruf von Deutschland im Irak sicher nicht geschadet.

Nun könnte ich mir vorstellen, dass diese Kulturarbeit, die ja auch eine hin zur freien Entfaltung der Persönlichkeit ist, etwas ist, das religiösen Fundamentalisten ein Dorn im Auge ist. Könnte das ein Grund sein für die Entführung?

Nein, ich glaube nicht, dass das der Grund ist. Hella hat ja immer schon frei gearbeitet. Und der Irak hat sich geändert. Die Atmosphäre für die religiösen Leute wurde immer enger in den letzten Jahren. Ich war selbst ein Jahr dort und habe an der Universität unterrichtet im Sommer. In dieser Zeit hatte ich auch Veranstaltungen mit Hella. Sie ist immer auf die Straße gegangen, hat sich wirklich wohlgefühlt. Ich glaube, es ist eher eine politische Entführung.

Inwiefern? Wenn nicht religiöse Fundamentalisten dahinterstehen, welche anderen politischen Motive dann?

Es könnte schon sein, dass auch religiöse Fanatiker dabei sind, aber nicht weil sie an Hellas Haltung zu freier Kunst Anstoß nehmen. Niemals, nein. Bis zu den Demonstrationen letztes Jahr im September war es ruhig in Irak, es herrschte gerade Friede. Ich bin selbst letztes Jahr mit Hella mehrmals die Woche in Cafés gegangen, bis zwei Uhr nachts. Das friedliche Leben hat angefangen sich zu stabilisieren. Nur durch die Demos und Streitereien zwischen verschiedenen Parteien ist es vielleicht so, dass die Entführer eine Message an die neue Regierung senden wollen. Bewaffnete Gruppen, religiöse Milizen wollen der Regierung vielleicht zeigen, dass sie die Macht haben. Sie wollen die Lage destabilisieren. Das ist eine Vermutung. Eine andere wäre, dass sie schlichtweg Geld fordern. Banditen fordern Geld. Was ich aber eher ausschließe.

Warum?

2006 haben wir solche Entführungen erlebt. Da wurden viele Leute verschleppt und es wurden hohe Geldforderungen gestellt. Diese Gruppen, die damals tätig waren, haben sich bereichert, die haben inzwischen genug Geld. Meine Vermutung ist, wie ich die die Lage lese: es hat einen politischen Hintergrund.

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