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Die junge, us-amerikanische Dichterin Amanda Gorman.

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    Warum die deutsche Übersetzung Amanda Gorman nicht gerecht wird

    Was passiert, wenn eine literarische Übersetzerin, eine Politologin und eine muslimische Journalistin Gedichte von Armanda Gorman übersetzen? Übersetzen als sinnliche Kunst der Einfühlung wird in diesem Fall zur Übertragung ohne poetische Fantasie.

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    Von
    • Cornelia Zetzsche

    Ein kurzer Auftritt, nur gut fünf Minuten, und "A Star Was Born". Mit leuchtend gelbem Prada-Mantel und schwarzem Haarturm im roten Band. Mit rhetorischem Charisma, meisterhafter Choreographie der Gesten, in einer emotional aufgeladenen politischen Inszenierung, wurde sie zum Symbol für Amerikas Zukunft.

    Amanda Gorman muss man hören. Jenseits von Politik und Prada, ohne die Aura des historischen Moments auf dem Kapitolshügel, auf bloßem Papier, liest sich "The Hill We Climb" deutlich schlichter, verliert es an Zauber, ist aber noch immer ein geschicktes Gewebe aus Zitaten schwarzer und weißer US-Ikonen, von Walt Whitman bis zu Predigern des Südens.

    Von der Bibel über die Reden von Barack Obama bis zu Hip Hop

    Das Poem "The Hill We Climb" steckt voller Rhythmus und Drive. Es lebt von Verweisen auf politische Philosophen, auf Gründungsväter und die Verfassung der USA, auf biblische Motive und Gedichte, Reden Obamas und Martin Luther Kings "I have a dream". Eine "inspirational speech", die zum Handeln beflügeln will. Keine Attacke, kein Vorwurf, vielmehr ein versöhnendes "Wir" zeigt die Vision eines liberalen, bunten, friedlichen Amerika als Aufgabe. Und ja, eine Absage an Dichten als weiße, männliche Geniekunst. Gormans Lyrik ist geprägt vom Leben Schwarzer in den USA, vom Wortgesang des Blues, des Rap, des Hip Hop.

    Für Amanda Gorman ist klar, dass alle Kunst politisch ist

    Amanda Gorman ist Aktivistin, für Frauenrechte, für Umwelt, gegen Rassismus und Unrecht. Für die Harvard-Absolventin ist klar: Alle Kunst ist politisch. Erwartbar die Frage, wer darf ihre Stimme im Ausland sein? Was bei Bernadine Evaristo, Chimamanda Ngozie Adichie, Audre Lorde selbstverständlich schien, weiße Übersetzer und Übersetzerinnen für schwarze Autorinnen, wurde mit Gormans Symbolkraft zum Politikum weltweit. Der katalanische Übersetzer Victor Obiols wurde ausgeladen, er passe nicht ins Profil. Die Holländerin Marieke Lucas Rijneveld, weiß, nicht binär, eine gefeierte Lyrikerin, zog sich "schockiert vom Aufruhr" zurück, weil sich eine schwarze Journalistin und Aktivistin "verletzt" sah, also rationalen Argumenten unzugänglich. Hoffmann & Campe wollte hierzulande alles richtig machen, alle Communities befrieden – mit Oprah Winfreys pathetischem Vorwort und drei Frauen: mit Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker, Kübra-Gümüşay eine literarische Übersetzerin, eine Politologin, eine muslimische Journalistin. Ein Scherz? Mitnichten!

    Das bildstarke Jonas-Motiv im Bauch des Wals wird zum Abgrund, aus dem plastischen Durchwaten ein sachliches Durchmessen, biblische Motive, Allegorien, Alliterationen, Elipsen verschwinden, aus "redemption" (dt. Versöhnung) wird "Ausgleich", aus dem mitreißenden Redestrom ein sperriges Konvolut ohne Drive, ohne Inspiration. "And the norms and notions of what just is, Isn't always Justice", heißt nun "Unsere Anschauung und Auslegung dessen", bravo! Und aus "culture, colour, character" wird "Kultur und Lage jeden Schlags" - noch Fragen?

    Essenz von Literatur ist ja gerade der Rollenwechsel

    Als Legitimation von sechzehn luftigen Seiten Übersetzung folgen sieben eng gedruckte Seiten Anmerkungen, hilfreiche Bezüge, aber auch lange Erklärungen, warum diese Übertragung political correct ist, genderneutrale Begriffe verwendet und aus "slaves" "Sklavinnen" wurden. Die ungelenke Übersetzung und die sich selbstermächtigenden Fußnoten offenbaren zweierlei, erstens: Es gibt einen eklatanten Mangel an PoC, Persons of Colour unter ÜbersetzerInnen, das muss sich ändern. Und zweitens: ein grundlegendes Missverstehen des Gewerbes. Literarisches Übersetzen ist keine Norm-Erfüllung, keine moralische, sondern eine sinnliche Kunst der Einfühlung, anderen eine Stimme geben, den richtigen Ton finden. Natürlich gibt es die Sprache als Machtinstrument, aber vor allem ist Sprache Kommunikation, Lebendigkeit, Reibung, auch verschiedener Lebenswelten. Wenn die ungleich sind, heißt es zuhören, sich austauschen, lernen. Die Essenz von Literatur ist ja gerade der Rollenwechsel, die Anverwandlung eines anderen Lebens.

    Ann Cotten oder Nora Gomringer als Übersetzerinnen?

    Wie wohl eine Übersetzung von Ann Cotten oder Nora Gomringer geklungen hätte, weißen, deutschsprachigen Dichterinnen mit amerikanischem Background und Spoken Word-Erfahrung? Vielleicht im Trio mit Sharon Dodua Otoo? Amanda Gorman und ihr Team übrigens waren klug genug, eine weiße preisgekrönte Dichterin wie Marieke Lucas Rijneveld "begeistert" zu akzeptieren. In Deutschland wurde die mitreißende Poetin auf die Aktivistin Amanda Gorman reduziert.

    "Den Hügel hinauf" ist Politologinnen-Deutsch, es fehlt die Metapher, der Sog, das alles umarmende Wir, es fehlt jede poetische Fantasie. Der Hügel bleibt unbezwungen.

    Amanda Gorman: "Den Hügel hinauf" - Gedicht zur Amtseinführung Joe Bidens, übersetzt von Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker, Kübra- Gümüşay, ist bei Hoffman und Campe erschienen.

    © Hoffman und Campe
    Bildrechte: Hoffman und Campe

    Buchcover zu "Den Hügel hinauf" von Amanda Gorman.

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