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Warum der Wald mehr ist als lauter Bäume | BR24

© ERES-Stiftung, Thomas Dashuber

Martin Kippenberger: "Jetzt geh ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald" (1993)

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Warum der Wald mehr ist als lauter Bäume

Der Duft, das Moos, das Rauschen, Vogelzwitscher – wenn es um den Wald geht, hat jeder sein eigenes imaginäres Aussteiger-Szenario vor Augen. Mythos, Märchen, heiliger Hain, der Wald kann alles sein. Nun lockt die Münchner Eres-Stiftung in den Wald.

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Gerade der deutsche Wald ist immer ein Ort der Ideologien gewesen: Natur, Romantik, Politik – das alles spiegelt diese Ausstellung, aber auch die Ausbeutung und Technisierung des Waldes. Denn die Forschung entdeckt immer mehr verborgene Prozesse im Wald, sagt Sabine Adler, die Leiterin der Eres Stiftung: "Dass sich zum Beispiel Bäume untereinander durch Duftstoffe vor Schädlingsbefall warnen. Und extrem interessant ist ja auch dieses riesige Netzwerk im Waldboden, das riesig groß werden kann und über das die Baumwurzeln mit den Pilzen Symbiosen eingehen."

© ERES-Stiftung, Thomas Dashuber

Gefangen im Wald oder Aussteigerszenario? Hans Schabus: "Im Tiefen Wald" (2020)

Die Pilze, die Wurzeln, das Moos, die Steine rücken einem hier unheimlich nah. Man kann ein bisschen Bambi spielen mithilfe der Video-Installation vom holländischen Künstler-Duo Broersen & Lukács, was eine überraschend suggestive Erfahrung ist. Die beiden haben in einem sehr aufwendigen Verfahren an den Originalschauplätzen in den Wäldern von Maine den Walt Disney-Film nachinszeniert.

Wald aus Bambi-Perspektive erfahren und innerlich spüren

Resultat ist eine teils echte, teils virtuelle Natur – allerdings komplett ohne Tiere bis auf den Betrachter. Der wiederum erlebt die Natur aus der Tierperspektive hyper-realistisch. Sabine Adler findet vor allem das Gegenbild zu Disney interessant, das die Künstler damit geschaffen haben: "Disney, der die Natur extrem romantisiert und den Menschen als Feind betrachtet hat. Er war ja der Meinung, in der Natur ist alles in Ordnung, solange der Mensch nicht eingreift. Broersen & Lukács sehen dagegen eigentlich die Aufgabe, dass sich der Mensch wieder als Teil der Natur sieht, und sie versuchen deshalb, diese Perspektive in den menschlichen Körper quasi hinein zu gießen. Oder ihn in die Möglichkeit zu versetzen, wie ein Tier durch den Wald zu gehen, der gleichzeitig aber ein komplett konstruierter virtueller Wald ist."

© Foto: ERES-Stiftung, Thomas Dashuber

Der Wald funktioniert auch ohne Tiere – zumindest im Video von Persijn Broersen & Margit Lukács: "Mastering Bambi" (2010)

Zu solchen Wahrnehmungsexperimenten kommen extrem technische Arbeiten, wie etwa der Blick in eine Forschungsstation im Amazonas-Regenwald vom Schweizer Marcus Maeder oder spielerische wie Martin Kippenbergers Klassiker "Jetzt geh ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald". Legendäre Installation: Glasvitrine, angedeutete Birkenstämme, riesige Pillen aus Holz. Herrlich ironisch ballt sich hier die ganze romantische Vorstellung vom deutschen Wald. Eine klug zusammengestellte, dabei sehr sinnliche Ausstellung.

"Im Wald", eine interdisziplinäre Ausstellung zwischen Kunst und Wissenschaft in der Eres Stiftung in München bis März nächsten Jahres. Zu besichtigen nur mit Online-Anmeldung und nur samstags.

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