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Warum der Preis für Popkultur (noch) kein neuer Echo ist | BR24

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Nach dem Skandal um die Rapper Farid Bang und Kollegah wurde der Echo abgeschafft. Der Preis für Popkultur könnte vielleicht der Nachfolger als wichtigste Pop-Auszeichnung in Deutschland werden – wenn er noch ein paar Dinge ändert.

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Warum der Preis für Popkultur (noch) kein neuer Echo ist

Nach dem Skandal um die Rapper Farid Bang und Kollegah wurde der Echo abgeschafft. Der Preis für Popkultur könnte vielleicht der Nachfolger als wichtigste Pop-Auszeichnung in Deutschland werden – wenn er noch ein paar Dinge ändert.

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Gestern Abend wurde im Berliner Tempodrom zum dritten Mal der Preis für Popkultur vergeben, in zwölf Kategorien, darunter Lieblingslied, Lieblingsband, Lieblingsalbum, Lieblingsproduzent oder Lieblingsvideo. Einen Lieblingsmoment bei der Preisverleihung gab es gleich zu Beginn, als der Moderator das Publikum mit den Worten "Willkommen beim Echo!" begrüßte. Das war irritierend – den Echo gibt es nach der Debatte um Farid Bang und Kollegah und ihre antisemitischen Songtexte schließlich nicht mehr. Aber vielleicht könnte der Preis für Popkultur tatsächlich ein Echo-Nachfolger sein.

Guter Ansatz – problematische Umsetzung

Der Preis für Popkultur möchte bundesweit gute Musik auszeichnen, verliehen wird er von einem "Verein zur Förderung der Popkultur", in den eintreten kann, wer beruflich irgendwie mit Popmusik zu tun hat. Die Mitglieder stimmen dann über Gewinnerinnen und Gewinner ab. Bislang arbeitet dieser Verein ehrenamtlich. Und der Preis macht schon jetzt einiges besser als der Echo, der zwar als wichtigste deutsche Popauszeichnung galt, aber so richtig gut nie war. Anders als beim Echo spielt der kommerzielle Erfolg keine Rolle, laut Vereinssatzung sollen alle Facetten der Popmusik abgebildet werden.

Die Praxis bleibt allerdings dann doch hinter dem Anspruch zurück, das zeigte schon ein Blick auf die diesjährige Shortlist: Die war voller Männer, insgesamt kam man auf einen Frauenanteil von – kulant gerechnet – 15 Prozent. In den zwölf Kategorien, in denen man abstimmen konnte, hat dann auch nur eine Frau gewonnen, Kat Frankie – in der Kategorie Lieblingssängerin. Keine Überraschung, dass dort eine Frau gewinnt. Die meisten Preise mitgenommen hat der Chemnitzer Rapper Trettmann, der auch live aufgetreten ist: In drei Kategorien wurde er ausgezeichnet, Lieblingslied, Lieblings-Solokünstler und Lieblingsalbum für seine Platte "#DIY".

Eine sehr gute Platte, das geht also in Ordnung – ansonsten waren die Gewinner vorhersehbar und langweilig. Die Beatsteaks sind die beste Liveband, für das beste Musikvideo bekamen die Fantastischen Vier den Preis. Immerhin: Man merkte bei der Veranstaltung im Tempodrom, dass der Preis eigentlich engagiert und kritisch sein möchte und kleine politische Signale sendet: Die Kategorie "Gelebte Popkultur" ging an das Festival "Jamel rockt den Förster" in Mecklenburg-Vorpommern, das ein Zeichen setzt gegen Neonazis im Dorf Jamel.

Pop ist politischer geworden

Kurz war auch Thema, dass die Bauhaus-Stiftung in Dessau am Vorabend der Preisverleihung ein Konzert der Band Feine Sahne Fischfilet abgesagt hat, die sich gegen Rechtsextremismus engagiert, weil rechte Gruppen mobil gemacht hatten. Der ehemalige Chefredakteur des eingestellten "Intro"-Magazins nahm Stellung und sagte, man habe da wohl gar nicht verstanden, was es mit dieser Band auf sich habe. Dafür bekam er viel Applaus.

Und dann gab es plötzlich innerhalb der Show noch eine grundsätzliche Diskussion über Pop und Politik, und das war tatsächlich interessanter als viele Gewinner. Es war zu spüren, dass Pop in diesem Jahr politischer geworden ist, der Preis für Popkultur möchte da Haltung zeigen. Das ist ein guter Ansatz, müsste sich aber weiterentwickeln – und man müsste mehr in die Öffentlichkeit gehen.

Gerade hier musste der Preis allerdings Abstriche machen: Im vergangenen Jahr gab es noch eine Online-Übertragung bei Arte, dieses Mal wurde die Preisverleihung nur auf Kanälen wie Twitter oder Instagram begleitet, wo aber auch nur schlicht die Gewinnerinnen und Gewinner vermeldet wurden. Auch die Show war kleiner als früher: Im vergangenen Jahr hatte es wirklich große Band-Aufbauten gegeben, Kraftklub sind mit 70 Tänzerinnen und Tänzern aufgetreten, es war zu spüren, dass man aus dem Preis mehr machen wollte. Dieses Jahr war das Gefühl privater. Das hatte sogar etwas – ist aber auch schlicht zu erklären durch fehlendes Sponsoring. Dass einige Sponsoren abgesprungen sind, wurde transparent gemacht: Der Preis für Popkultur will nah am Publikum sein und auch darin besser als der Echo.

Der neue Echo?

Noch ist unklar, wie es mit dem Echo weitergeht, und man kann sich gut vorstellen, dass es bereits Gespräche zwischen dem Verein zur Förderung der Popkultur und größeren Geldgebern, etwa den Major-Labels, darüber gibt ob dieser Preis möglicherweise ein Echo-Nachfolger wird. Der Vorstand sagt ganz klar: Wenn das passieren sollte, dann nur nach unseren Regeln. Das ist nicht schlecht, aber dann müsste man natürlich auch das System der Abstimmung noch einmal überdenken. Ein Vakuum ist da, wenn der Preis für Popkultur sein Konzept überarbeitet, könnte er die Lücke füllen.

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Autor
  • Christoph Möller
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