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Fred Vargas
© Benjamin Decoin/Visual Photo Press Agency, Randomhouse Verlag

Autoren

Judith Heitkamp
© Benjamin Decoin/Visual Photo Press Agency, Randomhouse Verlag

Fred Vargas

Leider ist das Attribut „schräg“ im Zusammenhang mit Kriminalromanen so ausgeleiert, dass es fast nicht mehr zur Verfügung steht, wenn man es wirklich braucht. Aber bei Fred Vargas und ihren Geschichten, da braucht man es: "Ich hab doch gesagt, dass ich nie auf Fragen antworte, Francois, du hat gesagt, in der Sendung läuft das sicher prima, aber es läuft eben nicht!", lässt sie den Moderator des französischen Fernsehsenders TV 5 auflaufen in einer hinreißenden Mischung aus exzentrisch, hysterisch und treuherzig.

Vom Floh bis zum Werwolf

Und da hatte sie die Frage schon wieder nicht beantwortet. Tant pis! Er wollte über Spinnen reden, denn die sind die Tiere der Wahl im jüngsten Vargas-Buch, und in Vargas-Büchern kommen immer Tiere vor, vom Floh bis zum Werwolf. Diesmal sind es Einsiedlerspinnen, deren Gift man doch sicher nicht für Morde benutzen kann, oder doch?

Sie drücken auf die Taste der Lampe, ganz kurz, damit ballern Sie ihr einen Stromstoß in den Leib und die Spinne spuckt ihr Gift. Achtung, man darf nur eine 3-Volt-Batterie nehmen, nicht mehr, sonst geht sie hops. Und auch nicht zu lange drücken. - Zitat aus "Der Zorn der Einsiedlerin"

Darwins Gesetz, wenn die Idee nicht gut ist

Fred Vargas schreibt großartige Krimis seit über 20 Jahren. Ihre Figuren sind ihren Spleens in einer Ernsthaftigkeit ergeben, die einen geradezu rührt. Sie sind schräg und freundlich, und das ist etwas fundamental anderes als die längst zu Tode gerittenen Marotten, mit denen heute standardmäßig jeder Serien-Ermittler ausgestattet wird. Der Grundkonsens im Kosmos Vargas: Auch die merkwürdigste innere Logik des Anderen verdient Respekt. Ob er nun in Alexandrinern spricht, alle drei Stunden schläft, Wolken schaufelt, Tauben rettet oder sich nur mit Werkzeugkatalogen entspannt. Nebenbei wird dann auch ermittelt. Fred Vargas: "Es kommt eine Idee nach der anderen, die meisten findet man am nächsten Morgen im Mülleimer – maliziöse Pause – tot, Selbstmord!, denn das ist Darwins Gesetz, wenn die Idee nicht gut ist."

Entspannte Pose

Entspannte Pose

Dieser Plot ist nicht nur verwickelt, sondern zerfasert

Die allerbeste Idee war es damals, ihre Arbeit als Archäologin in einem Roman zu verwerten. Fred Vargas hat über Flöhe und Ratten geforscht, die im Mittelalter die Pest verbreitet haben, und mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer ausschweifenden Phantasie hat sie den in der Gegenwart spielenden Krimi „Fliehe weit und schnell“ geschrieben. Dort recherchiert der verträumte Kommissar Adamsberg also hinter Flöhen her. Unter anderem, versteht sich. Da wirken die Spinnen von heute leider etwas epigonal.

Auch sonst darf man sagen, dass der neueste Bestseller der französischen Krimikönigin wohl nicht ihr bestes Buch ist, mit seinem nicht nur verwickelten, sondern zerfasertem Plot. Mit Spinnengift, diversen Tätern auf mehreren Zeitebenen und mehreren Opfern auf mehreren Zeitebenen, und dazu einem Stalker und vergewaltigten Schwestern und eingeschlossenen Frauen und Amselküken und Schneekugeln und Blapsen, was immer das ist. Und der doch sehr fragwürdigen Überlegung, dass missbrauchte Frauen am liebsten Rache üben durch die, notabene, Injektion einer giftigen, weißlich-cremigen Substanz.

Vielleicht haben einfach nicht alle schlechten Ideen brav ihr Harakiri-Programm absolviert. Mit dieser Einsiedlerspinne, da sind dann Sachen passiert, sagt Vargas: "Wer ist jetzt der, wer ist jetzt die, kein Mensch hat mich gewarnt, und ich muss das ja alles zusammenhalten. Am Ende von einem Buch weiß ich nicht mehr, welcher Wochentag ist." Tipp für Vargas-Einsteiger: Mit den Flöhen anfangen, nicht mit den Spinnen.

Autoren

Judith Heitkamp

Sendung

kulturWelt vom 30.10.2018 - 08:30 Uhr