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Warum der Iran-Konflikt der Kulturszene fast die Luft abdreht | BR24

© dpa picture alliance / abaca

Massenbegräbnis: Hunderttausende Gläubige und Irans Oberster Führer Ali Chamenei am 4. Januar 2020 am Sarg des getöteten Generals Soleimani

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Warum der Iran-Konflikt der Kulturszene fast die Luft abdreht

Erst die gezielte Tötung eines iranischen Top-Generals durch die USA, dann die Raketenangriffe auf US-Militärbasen im Irak: Die Regierung in Teheran steht unter massivem inneren und äußeren Druck. Irans Intellektuelle machen sich große Sorgen.

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Aria Adli, Professor für Sprachwissenschaften an der Universität Köln, befand sich gerade auf Forschungsreise in Teheran, als ihn die Nachricht erreichte, von der gezielten Tötung des Generals der al-Quds-Brigaden, Qasem Soleimani, ausgeführt durch eine US-amerikanische Drohne: "Oh Gott – Das ging mir durch den Kopf!", meint Adli. "Als ich ankam im Iran, hatte ich ein Gespräch mit einem Kollegen an der Universität Teheran, der sehr bedrückt war über die Aufstände, die dort gerade das Land erschüttert hatten. Einige Studierende der Philosophischen Fakultät der Universität Teheran waren auch in Haft gewesen. Der Kollege hatte sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass sie wieder auf freien Fuß kamen. Und die gleiche Person war unglaublich betroffen über Qasem Soleimani, dessen Ermordung es auch geschafft hat, ganz viele Bevölkerungsteile zu vereinen."

Auch Irans Freigeister marschierten in der Masse

Viele Exiliraner und auch Kenner der Region vermuten in den massenhaften Trauermärschen für den getöteten General eine gezielte Manipulation des Regimes in Teheran, die Lage vor Ort propagandistisch auszuschlachten. Aria Adli zufolge tue man sich aber sehr schwer damit, insbesondere in Europa, die Tiefenstrukturen der iranischen Gesellschaft, die unterschiedlichen Akteure und ihre Motivationen überhaupt wahrzunehmen: "Ich kenne diese Menschen. Es sind durchaus Menschen, die politische Ansprüche haben, die dort auch aktiv sind. Und diese Freigeister, so möchte ich sagen, sind aus freien Stücken auf die Straße gegangen, weil sie – wie ich glaube – nicht nur ihre Trauer, sondern auch ihren Schock ausdrücken wollten und das Gefühl hatten, hier werden sie angegriffen."

© BR Bildarchiv

Asiatische Touristen in Persepolis: US-Präsident Trump drohte mit der Zerstörung des Weltkulturerbes

Seit zwei Tagen ist Aria Adli wieder zurück in Deutschland. Zur Zeit des Interviews mit dem Kölner Professor hielt Donald Trump gerade seine Pressekonferenz zur aktuellen Lage ab und sprach von Beruhigung. Im Gegenzug kündigte er vor der Presse weitere Sanktionen gegen den Iran an. nach Einschätzung von Adli spitzt sich die Krise gerade ganz dramatisch zu, die durch die Tötung von General Soleimani ausgelöst wurde. "Ich habe mit einem befreundeten Theaterregisseur gesprochen. Und der ist, was die gesellschaftliche Lage angeht, vor allem aufgrund der Sanktionen und ihrer gesellschaftspolitischen und kulturellen Folgen sehr besorgt", meint Adli.

Kulturszene im Iran leidet unter Sanktionen

Nach Abschluss des Atom-Abkommens mit dem Iran im Juli 2015 hatte das gesellschaftliche Leben im Iran eine Aufbruchstimmung erlebt. Diese hatte sich in der Wirtschaft gezeigt und auch unter Kulturschaffenden, nun ist sie einer großen Frustration gewichen, was Aria Adli bestätigt: "Man kann sich hier kaum vorstellen, wie dynamisch und lebendig, wie kreativ, stellenweise auch avantgardistisch die Kultur- und Kunstszene in Teheran ist. Die Sanktionen haben einen dramatischen Verlust der Wirtschaftskraft der Leute ausgelöst. Die können sich kaum noch die Theater-Tickets leisten. Produktionen lassen sich kaum noch auf die Beine stellen! Es gibt ja sowieso sehr wenig Kulturfördermittel. Viele Kulturschaffende machen das ehrenamtlich. Sie sind professionell ausgebildet, haben nebenher einen Job. Die Sanktionen würgen denen schon die Luft ab."

Trumps Drohung erinnere an Taliban

Der Sprachwissenschaftler Adli hofft, dass es nach den iranischen Angriffen auf US-amerikanische Militärbasen im Nachbarland Irak eine Phase der Entspannung geben wird. Die Vereinten Nationen haben alle Parteien zur Deeskalation aufgerufen. Aber die Gewalt, mit der US-Präsident Trump mit seinen Äußerungen willentlich und bewusst in Kauf genommen hat, dass sich am Rande Europas die Gesellschaften zerfleischen, und er offenbar auch nicht vor der Zerstörung von Weltkulturerbe zurückschreckt, ist für den Wissenschaftler einfach nur schockierend: "Das erste, was mir durch den Kopf ging, war: Schau mal an, die Taliban sind noch lebendig. Das haben wir doch schon mal gesehen – also angefangen mit den Sprengungen dieser wundervollen Statuen in Afghanistan durch die Taliban. Dann ging es weiter mit dem islamischen Staat in Syrien, als Palmyra zerstört wurde. Das wunderbare Palmyra. Und ich habe mir gedacht, schau an, da reiht er sich also ein."

Die Bevölkerung im Iran will keinen gewaltsamen Umsturz. Daran ändert auch das aktuelle intensive Säbelrasseln der USA nichts. Noch hoffen die Iraner auf eine Chance für ihre Zivilgesellschaft.

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