BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Warum der Fall Golunow ein Test für Russlands Rechtsstaat ist | BR24

© dpa/ picture alliance

Solidarität der Masse: Im Juni 2019 werden die Ermittlungen wegen Drogenmissbrauchs gegen Iwan Golunow aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Warum der Fall Golunow ein Test für Russlands Rechtsstaat ist

Verhaftet wegen einem angeblichen Drogendelikt, nach fünf Tagen wieder auf freiem Fuß: Die schnelle Freilassung des Journalisten Iwan Golunow war ein Riesenerfolg für Russlands Zivilgesellschaft. Jetzt will Golunow, dass die Wahrheit ans Licht kommt.

Per Mail sharen

Trotz aller Routine, trotz eines mächtigen Auftraggebers: Die Sache war schiefgelaufen. Plötzlich gab es massiven Protest aus der Zivilgesellschaft und von Journalisten. Solidarität, die die Drahtzieher nicht auf der Rechnung hatten, meint der Journalist Iwan Golunow: "Als ich vor Gericht in Tränen ausbrach, war es nicht vor Angst, sondern vor Erleichterung, denn vor den Fenstern skandierten unglaublich viele Leute, man solle mich freilassen. Ich war überwältigt von der Solidarität und konnte es kaum glauben."

Beweise aus einem anderen Fall

Der Investigativjournalist Iwan Golunow war im Juni in Moskau verhaftet worden, aus seinem Rucksack zogen Polizisten mehrere Päckchen mit Mephedron und Kokain. Auch in seiner Wohnung waren laut Polizei Drogen gefunden worden. Dumm gelaufen war nur, dass das Beweisfoto, das die Polizei auf ihrer Website veröffentlichte, von einer anderen Hausdurchsuchung stammte. Zweifel daran, dass der Drogenfund Iwan Golunow aus dem Weg räumen sollte, gab es aber ohnehin von Anfang an nicht. Tagelang gab es massive Proteste und eine nie dagewesene Welle der Solidarität.

"Wir sind Iwan Golunow" titelten drei große russische Tageszeitungen. Nach fünf Tagen kam der 36-jährige Reporter überraschend frei: "Als Journalist dachte ich zunächst, dass die Geschichte mit meinen Recherchen zur Korruption im Bestattungsgeschäft zu tun hat. Ich hatte Drohungen bekommen, dass ich meine Nase da raushalten solle. Die Analyse nach dem Fall ergab jedoch, dass andere Leute hinter der Geschichte stecken und es um eine Recherche geht, die schon längere Zeit zurückliegt. Jetzt ist das Problem, dass die Untersuchungen in diesem Fall, die am Anfang sehr schnell und effizient vor sich gingen, ins Stocken geraten sind. Sie wurden exakt an dem Punkt gestoppt, an dem der Name des Auftraggebers ins Spiel gekommen ist."

© dpa picture alliance

Iwan Golunow will Klarheit in seinem Fall, mit Kollegen des Online-Magazins "Meduza" klagt er im November 2019 gegen die Trägheit der Ermittler

Moment der Wahrheit für Russland

Der Fall ist ein Moment der Wahrheit in Russland. Iwan Golunow ist einer der profiliertesten Enthüllungsjournalisten, sein Spezialgebiet: korrupte Seilschaften. Er schreibt für das russische Online-Magazin "Meduza", das aus dem lettischen Exil in Riga arbeitet: Geschichten über das illegale Millionengeschäft bei Bestattungen oder über das extravagante Penthouse-Faible des Moskauer Vizebürgermeisters.

Seine eigene Geschichte, in der er Opfer korrupter krimineller Machenschaften wurde, ist indes noch nicht zu Ende erzählt, meint Iwan Golunow: "Ich habe erst vor kurzem darüber nachgedacht, ob die Polizisten, die die Drogen bei mir gefunden und mich festgenommen haben, wussten, dass es ein Auftrag war. Ich dachte eigentlich, dass sie wahrscheinlich nicht im Bilde waren, denn sie haben sich alle sehr ruhig verhalten." Doch die Ermittlungen hätten gezeigt, dass sie alle sehr wohl eingeweiht gewesen seien. Er könne nur staunen über die Routine der Polizisten, erklärt Golunow: "Das war für die Leute absolut alltägliches Geschäft. Sie hatten überhaupt keine Sorge, dass etwas schiefgehen könnte. Das macht einem Angst und Bange!"

© dpa picture alliance

Testfall für das russische Rechtssystem: Der Journalist Iwan Godunow hat die Unterstützung der Zivilgesellschaft auf seiner Seite

Auch der Verlauf des Prozesses, den Iwan Golunow gegen die Drahtzieher angestrengt hat, lässt tief blicken in das russische Rechtssystem. Seit Sommer steht der Enthüllungsjournalist unter Zeugenschutz, er wird bewacht, was ihn aber gleichzeitig bei seinen Recherchen behindert.

Der Fall ist aufgeklärt, die Anklage lässt auf sich warten

Der Fall indes sei längst aufgeklärt, es gebe keine offenen Fragen mehr, sagt Iwan Golunow mit einem vieldeutigen Lächeln: "Die Ermittlungen liefen über drei Monate und sie liefen gut, die Kripo hat gut gearbeitet. Ich weiß, dass sie zu einem Ergebnis gekommen sind. Aber jemand bremst sie, Verhaftungen vorzunehmen und Anklage zu erheben. Es fehlt ihnen grünes Licht." Golunow erklärt, dass er lückenlos Bescheid wisse über den Fall. "Aber ich möchte, dass die ermittelnden Polizisten über ihre Ergebnisse sprechen und stolz auf sie sein können. Ich möchte ihnen das nicht abnehmen!" Zurzeit gebe es massive Versuche, die Aufklärung in dem Fall hinauszuzögern. "Plötzlich wurde der Fall der Geheimhaltung unterstellt. Wenn es vor Gericht nicht weitergeht, werde ich sagen, was ich weiß. Aber ich möchte, dass das russische Rechtssystem das leistet. Es lebt immerhin von meinen Steuern!"

Es ist ein Testfall. Es geht um Wahrheit und Gerechtigkeit, um Druck und Angst und Gewissen. Fragen, um die es oft in Russland geht – viele Überfälle auf Journalisten und Morde sind niemals aufgeklärt worden. Iwan Golunow jedoch ist – und hier hat das Deutsche einen kongenialen Ausdruck – im Besitz der Wahrheit. Wir werden sie erfahren, von der einen oder anderen Seite. Iwan Golunow jedenfalls will nicht mehr lange warten, die Ermittler haben sich Zeit bis Februar erbeten.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!