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So ehrt Wulf Kirsten die vergessenen Opfer von Buchenwald | BR24

© Bayern 2 - Kulturjournal

Wulf Kirsten gehört zu den wichtigsten Sprachkünstlern unserer Zeit. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der in Weimar lebende Lyriker intensiv auch mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Konzentrationslagers Buchenwald.

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So ehrt Wulf Kirsten die vergessenen Opfer von Buchenwald

Wulf Kirsten gehört zu den wichtigsten Sprachkünstlern unserer Zeit. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der Lyriker, der im Juni 85 Jahre alt wird, intensiv auch mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Konzentrationslagers Buchenwald.

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In seinem Arbeitszimmer in Weimar, umgeben von vielen Büchern, zeigt Wulf Kirsten aus dem Fenster. Der Blick folgt der ruhigen Straße in Richtung Norden. Dorthin, wo sich der Ettersberg erhebt, nicht gewaltig, aber doch markant, die Bäume in diesen Frühlingstagen noch im zarten Grün. Ein Höhenzug geformt aus Muschelkalk. Oder „Weimar oben“, wie Wulf Kirsten gelegentlich sagt, um so den tief verstörenden Kontrast zwischen der Klassikerstadt und dem ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald - dem Ort des Terrors und des Todes - zu markieren. "Der Berg, den ich von hier aus sehe, von meinem Arbeitszimmer aus, acht Kilometer Entfernung, ist zum Greifen nah", sagt der Dichter und Schriftsteller. "Der Berg ist so vollgestopft mit deutscher Geschichte, dass man darüber irrsinnig werden müsste. Was da noch auszuforschen wäre."

Wulf Kirsten - geboren im Juni 1934 in Klipphausen bei Meißen, seit Jahrzehnten zu Hause in Weimar - kommt von diesem Berg nicht los. Er will von ihm auch nicht loskommen. "Die Geschichte", so bemerkt er im Gespräch, "setzt sich zusammen aus Geschichten, setzt sich zusammen aus solchen Dingen, die kein Ende nehmen. Und wenn ich höre, das Thema sei durch, da graust es mir. Das Thema ist nie zu Ende. Das, was die Hitler-Faschisten behauptet haben und sich selbst etwas vom "Tausendjährigen Reich" vorgefabelt und vorschwadroniert haben, das bewahrheitet sich, indem die Hinterlassenschaften uns bis heute anhängen, zu schaffen machen. Und es gibt ja nicht nur Buchenwald."

Auf den Spuren ermordeter Dichter

Es gibt die vielen anderen Orte des Todes und der Vernichtung. Orte, an denen – neben unzähligen anderen – auch Dichterinnen und Dichter ermordet worden sind. Selma Meerbaum-Eisinger, Camill Hoffmann oder Karl Schloß sind nur einige von ihnen. Künstlerinnen, Künstler, die man ohne die akribische Arbeit von Menschen wie Wulf Kirsten vermutlich vergessen hätte. Bei manchen von ihnen ist nicht einmal das genaue Todesdatum bekannt. Jahrzehntelang sammelte Kirsten Gedichte, schrieb sie ab, mit der Hand, wieder und wieder. Einen Teil veröffentlichte er in einer Anthologie mit dem Titel "Beständig ist das leicht Verletzliche", in einer umfangreichen Sammlung mit Gedichten in deutscher Sprache von Nietzsche bis Celan. Und immer wieder schrieb Kirsten, ausgehend von den vielen Lektüren und Erkundungen, eigene Texte. Im neuen Gedichtband "Erdanziehung", der am Mittwoch erscheint, erinnert er – einmal mehr – an den Dichter Karl Schloß, geboren 1876 bei Alzey, im heutigen Rheinland-Pfalz, ermordet 1944 in Auschwitz.

Wulf Kirstens Auseinandersetzung mit diesen Schicksalen ist ein essentieller Teil seines eigenen Werkes. Das gilt auch für seine Beschäftigung mit dem Todesort vor den Toren Weimars, mit dem Lager Buchenwald, das die Nationalsozialisten im Sommer 1937 in Betrieb nahmen und in dem bis zum Frühjahr 1945 fast 240.000 Menschen inhaftiert waren. Kirsten hat Gedichte über den Steinbruch im Konzentrationslager geschrieben, über Häftlinge wie Werner Scholem, die dort heimtückisch, brutal ermordet worden sind. Er hat an drei Büchern über den Ettersberg und das Konzentrationslager Buchenwald mitgearbeitet, unter anderem mit seinem Sohn Holm Kirsten und mit der Weimarer Publizistin Annette Seemann. Sie haben Texte von Häftlingen ediert und so verfügbar gemacht. Manche gab es zuvor nicht in deutscher Sprache, etwa eine Sammlung mit Gedichten von französischen Häftlingen, herausgegeben von André Verdet, in Frankreich unmittelbar nach dem Krieg erschienen.

"Man weiß, dass unter den Franzosen relativ viele Intellektuelle waren", erläutert Wulf Kirsten. "Das waren Résistance-Kämpfer. Verdet war ein kulturelles Multitalent, ein Südfranzose. Wie sie das gemacht haben? Es war schwierig, Bleistift und Papier zu bekommen. Und es gab aber Häftlinge, die in irgendwelchen Funktionen waren, die das verstecken konnten und die dann auch Möglichkeiten beschaffen konnten. Angeblich sind Texte auch auf leere Zementsäcke, auf dieses Packpapier von Zementsäcken geschrieben worden. Davon ist nichts mehr vorhanden."

© dpa

Einer der bedeutendsten Dichter unserer Zeit - und ein großer Geschichtsergründer. Wulf Kirsten in seinem Arbeitszimmer in Weimar.

Die Geschichte der Häftlingsbücherei

Wulf Kirsten sagt über sich, er sei ein Sammler. Im Gespräch über den Berg, den er beständig sieht, vom Arbeitszimmer aus, wird das oft erfahrbar. Er sammelt Geschichte um Geschichte, mit großer Detailversessenheit. Und das nicht unbedingt, um am Ende darüber zu schreiben. Kirsten will zuerst erzählen und aufmerksam machen, auf einzelne Schicksale, ebenso auf noch wenig bekannte kleine Geschichten, die zur großen gehören. Darunter die der Häftlingsbücherei, die es im Lager Buchenwald gab. Ein Widerspruch in sich: ein Kulturort mitten im Reich des Todes. 56.000 Menschen wurden im Konzentrationslager Buchenwald ermordet.

"Ich weiß nur, welche perfiden Titel es gab. Zum Beispiel ‚Schöner Wohnen‘. Und andere Dinge, auch faschistische Literatur, für die die SS gesorgt hat. Bücher ausleihen konnten SS-Leute alle. Aber es gab da unterschieden, welche hinter die Theke und welche vor der Theke stehen mussten, weil sie natürlich auch die Befürchtungen hatten, dass die Häftlinge, Häftlingsbibliothekare irgendwas verstecken, im Hintergrund. Das ist ein offenes Thema. Und ich finde, gerade diese Detailarbeit ist so wichtig."

Auf die Geschichte der Häftlingsbücherei wurde Wulf Kirsten aufmerksam durch eine Mitarbeiterin der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, wie er erzählt. Aus dem Thüringischen Haupt-Staatsarchiv bekam er eine Liste mit den Titeln der Sammlung. Unter ihnen – und das ist das Überraschende – Bücher, die 1933 von den Nazis verbrannt worden sind, etwa Robert Musils Romanwerk "Der Mann ohne Eigenschaften“. Bücher, die den Häftlingen abgenommen worden sind. Die Bibliothek wurde von den Häftlingen verwaltet.

Nach der Befreiung des Konzentrationslagers im April 1945 wurde die Sammlung aufgelöst. Die russische Armee hat auf dem Ettersberg ein sogenanntes Speziallager errichtet. Die Bücher wurden auf LKW geladen, nach Weimar gebracht und schließlich zerstört. Von den über 10.000 Bänden existiert heute noch ein kleiner Bestand, an die 115 Bücher, versehen mit dem Stempel "Häftlingsbücherei K.L. Buchenwald", in Frakturschrift. Die geretteten Exemplare, immer wieder zufällig entdeckt, etwa in Linz, im Historischen Institut, gehören zur Museologischen Sammlung der Gedenkstätte im einstigen Konzentrationslager.

Schreiben gegen die Geschichtsvergessenheit

In einem seiner Gedichte, einem Triptychon, schreibt Wulf Kirsten vom "rauhen Ort" am Ettersberg, vom Steinbruch des Konzentrationslagers Buchenwald, in dem viele Häftlinge ermordet worden sind, von der SS und auch von den Kapos. Am Ende heißt es: "über stillgelegten körpern / der ausgewuchtete bruch, aufgelassen, / als wär nichts geschehn". Gegen dieses "als wär nichts geschehn" hat sich Wulf Kirsten beständig zur Wehr gesetzt, mit seinen eigenen Texten und ebenso mit denen, die er gesammelt hat. Und auch die vielen Geschichten, denen der Dichter nachgegangen ist, arbeiten gegen dieses "als wär nichts geschehn" an.

Es sind Geschichten, die relevant sind, auch in einer Zeit, in der die Erinnerungskultur in der Bundesrepublik massiv von einer neuen Rechten angefeindet wird. Und in der so hässliche Wörter wie das von einem sogenannten "Schuldkult" verkündet und verbreitet werden. Wulf Kirsten, ein so akribischer Erkunder von Geschichte und Sprache, sagt, ihn beunruhige diese Entwicklung sehr. "Die Deutsche Geschichte ist sehr unbequem. Die Wahrheit ist unbequem an dieser Geschichte. Mit Demokratie kann man zu viel Missbrauch treiben. Und die lässt sich zu viel gefallen. Ich wünschte mir eine Demokratie, die tolerant ist, aber nicht gegen die Intoleranz."

© dpa-Report

Gedenkstein in der Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald.

Wulf Kirstens neuer Gedichtband „Erdanziehung“ erscheint am Mittwoch (22. Mai) im S. Fischer-Verlag. Im Göttinger Wallstein-Verlag wurde die Textsammlung „Stimmen aus Buchenwald“ veröffentlicht herausgegeben von Wulf Kirsten und seinem Sohn Holm Kirsten.

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