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Warum der chinesische Philosoph Zhao Tingyang kaum erhellend ist | BR24

© picture alliance/dpa

Flagge der Volksrepublik China auf dem Tian'anmen-Platz in Peking

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Warum der chinesische Philosoph Zhao Tingyang kaum erhellend ist

Den Weltfrieden sichern ohne Menschenrechte und Demokratien: Das will der chinesische Philosoph Zhao Tingyang. In "Alles unter dem Himmel" legt er seine Idee einer neuen Weltordnung dar. Die Lektüre ist allerdings ernüchternd – aus mehreren Gründen.

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Er will die Welt retten mit seinem philosophischen Modell für eine neue globale Ordnung. Der Schlüsselbegriff des chinesischen Philosophen Zhao Tingyang heißt "tianxia", ein Konzept aus der chinesischen Antike, das in etwa "Alles unter dem Himmel" bedeutet und mit dessen Hilfe sich Zhao eine Welt ohne Nationalstaaten erdenkt. Gastfreundschaft soll Feindseligkeit ersetzen mit dem Ziel des Weltfriedens. Dabei grenzt sich der Philosoph von westlichen Ansätzen ab, die seiner Meinung nach zu Unrecht universelle Geltung beanspruchen: Die Menschenrechte seien problematisch, weil nicht von Natur gegeben. Gleichheit? Für Zhao eine Illusion. Demokratie? Eine Staatsform, für die die Menschen zu egoistisch seien.

"Die moderne Demokratie ist gerade dabei, ihre denkbar schlechteste Form anzunehmen", erzählt Zhao am Rande einer Tagung in Berlin. "Die Medien und starke Parteien bestimmen die öffentliche Meinung und beeinflussen die Gedanken der Menschen, damit sie die Welt falsch verstehen. Das ist nicht mehr demokratisch, das ist eine Art Despotismus."

Philosoph oder Verschwörungstheoretiker?

Es klingt, als spräche da kein Philosoph, sondern ein Verschwörungstheoretiker. Da fragt man sich schon, wie der Hype um Zhao Tingyang zu erklären ist und warum zum Beispiel die FU Berlin dem Autor und seinem Buch ein ganztägiges Symposion gewidmet hat. Vielleicht, weil in politisch angespannten Zeiten einige Menschen fasziniert sind von jemandem, der mit seinem Denken die Welt retten will. Zumal er mit seinem Konzept von "tianxia" aus westlicher Warte den Reiz des Fremden hat. Auch will man sich wohl nicht nachsagen lassen, aufgrund der eigenen westlichen Prägung nicht offen für östliche Ideen zu sein. Die Lektüre des Buchs ist dann aber ernüchternd. Fast 600 Mal, geradezu mantraartig, nennt Zhao den Schlüsselbegriff "tianxia".

"Das wird immer nur wiederholt, dass das eine neue Konzeption einer globalen Ordnung ist, die Frieden und Koexistenz von unterschiedlichen Positionen darstellen könnte – aber wie das eigentlich funktionieren soll, wird überhaupt nicht deutlich", kritisiert der Philosoph und Menschenrechtsexperte Georg Lohmann.

Ein Ansatz, der der chinesischen Führung gerade recht kommt

Immerhin macht Zhao Tingyang klar, dass ihm eine Weltordnung vorschwebt, die hierarchisch strukturiert ist wie eine chinesische Familie. Stefan Gosepath, Professor für Praktische Philosophie an der FU Berlin, ist unwohl bei diesem antidemokratischen Ansatz. Der komme der chinesischen Führung gerade recht: "China ist eine Weltmacht, die jetzt durch die Tatsache, dass die USA sich unter Trump unilateral zurückzieht und keine welthegemonialen Ansprüche mehr erheben will, auf einmal in dieses Vakuum stößt. Und das tut sie genau unter der Verwendung dieses Konzepts 'Alle unter einem Himmel'. Und Zhao ist Philosoph an der Chinese Academy of Science, also der staatlich alimentierten Akademie, der dieses Konzept entwickelt hat."

Ist Zhao Tingyang also nur ein linientreuer Philosoph? Fragen zur aktuellen Politik, egal ob zur Expansionspolitik Chinas oder zum Handelsstreit mit den USA, beantwortet er nicht. Seine erstaunliche Begründung: Er sei nur Theoretiker. "Die Wirklichkeit ist viel zu kompliziert und zu detailreich. Ich habe nicht genug Informationen darüber, was passiert. Ich könnte das den Medienberichten entnehmen. Aber ich traue den Medien überhaupt nicht. Zuhause arbeite ich an Theorien. Selten gehe ich nach draußen. Ich halte also Abstand zur Wirklichkeit."

© Suhrkamp Verlag

Zhao Tingyang - "Alles unter dem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung"

Alles andere als ein großer Wurf

Ob das Selbstbild vom kauzigen Einsiedler stimmt oder nur ein Vorwand ist, um politische Äußerungen und mögliche Probleme zuhause in China zu vermeiden, sei einmal dahingestellt. Sicher aber ist, dass Zhaos Buch alles andere als ein großer Wurf ist. Es reicht eben nicht, nur mit großen Worten zu behaupten, der Begriff des "tianxia" eigne sich, um dauerhaft Weltfrieden zu erlangen, ohne dann den Weg dorthin schlüssig darzulegen. So wirkt "Alles unter dem Himmel" nicht wie ein erhellendes Konzept, sondern vielmehr wie ein Zauberwort. Seriöse Philosophie ist aber alles andere als Magie. Da erscheint es schon als überheblich, wenn Zhao in seinem Buch im Vorübergehen so klug durchdachte Konzepte der politischen Philosophie wie Menschenrechte und Demokratie köpft.

Mittlerweile will Zhao das Volk allerdings nicht mehr komplett, sondern nur noch teilweise entmündigen. Der Philosoph hat nämlich die chinesische Ausgabe des Buchs noch um ein paar Absätze ergänzt. In ihnen schlägt er eine neue Staatsform vor: eine Mischung aus Demokratie und Aristokratie. Das Volk solle darüber abstimmen, was es wolle. Danach würden zwei Wissenschaftskomitees, ein natur- und ein geisteswissenschaftliches, entscheiden, was davon das Volk tatsächlich bekomme. Über die zentrale Frage, wer wiederum die Wissenschaftler auswähle und nach welchen Kriterien, hat Zhao allerdings noch nicht nachgedacht. So ist es wohl auch in seinem eigenen Interesse, dass es diese unausgegorene Ergänzung nicht mehr in die deutsche Ausgabe seines Buchs geschafft hat.

"Alles unter dem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung" von Zhao Tingyang ist, übersetzt aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann, im Suhrkamp Verlag erschienen.

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