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Warum das Regensburger "Käthchen von Heilbronn" Erneuerin ist | BR24

© Olivia Rosendorfer

Visionen und Träume: "Käthchen von Heilbronn"

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    Warum das Regensburger "Käthchen von Heilbronn" Erneuerin ist

    Heinrich von Kleists "Ritterschauspiel" lebt von Träumen und Visionen von einer besseren Welt. Die junge Regisseurin Julia Prechsl fragt daher in ihrer Inszenierung, ob gleichberechtigte Beziehungen überhaupt möglich sind. Der Mann scheitert daran.

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    Am 22. September hat Heinrich von Kleists "Ritterschauspiel" "Käthchen von Heilbronn" am Theater Regensburg Premiere, inszeniert von der jungen Landshuter Regisseurin Julia Prechsl. Im Sommer 2017 wurde sie eingeladen, zusammen mit 65 Regisseuren und Regisseurinnen aus 27 Ländern am renommierten „Directors Lab“ des Lincoln Center Theater, New York City teilzunehmen. Die bereits am Staatstheater Nürnberg erfolgreiche Zusammenarbeit mit Schauspieldirektor Klaus Kusenberg setzt sich am Theater Regensburg in der Spielzeit 2018/19 fort. Für das kulturLeben auf Bayern 2 sprach Peter Jungblut mit der Regisseurin über ihr Konzept.

    Peter Jungblut: Er war fasziniert von Magnetismus und Schlafwandlerei, der zutiefst unglückliche Dichter Heinrich von Kleist. Im Unterbewusstsein, im Fantastischen, da suchte er nach Erklärungen für das Verhalten der Menschen. Träume und Traumdeutungen spielen deshalb eine große Rolle in den Stücken von Heinrich von Kleist, auch im „Käthchen von Heilbronn“, das jetzt am Samstag Premiere haben wird am Theater Regensburg, inszeniert von Julia Prechsl. Eine junge Frau inszeniert ein Ritter- und Schauerdrama: Wie aktuell kann denn so ein Stück heute noch sein?

    Julia Prechsl: Na, so aktuell wie die junge Frau. Ich glaube, das kann sehr aktuell sein, einfach in der Auseinandersetzung mit der Zeit, in der wir gerade leben. Das Spannende ist ja vor allem, dass dieses Ritter- und Schauerdrama, also mit diesem abschreckenden Untertitel, dass das auf einer Geschichtserzählung basiert, die wir alle immer noch benutzen, in fast jeder Geschichte, die wir erzählen wollen. Es ist ein Erzählprinzip, das sich im Märchen wiederfindet, das sich in der klassischen Dramenform wiederfindet. Dadurch eine Geschichte zu erzählen, die wir tagtäglich immer wieder reproduzieren, ich glaube das lohnt sich, sich damit auseinanderzusetzen und das zu hinterfragen.

    Handfeste Vorstellungen, wie man gerne leben möchte

    Es geht um Träume. Das Käthchen träumt, sie werde mal einen Ritter heiraten, der Ritter träumt, er werde mal die Tochter des Kaisers heiraten, aber das bringt beide erst mal nicht zueinander, sondern auseinander. Vom Traum gesteuerte Menschen, das ist bei Kleist ja oft so. Ist Ihnen dieses Thema wichtig oder spielt das in Ihrer Inszenierung keine Rolle?

    Ich glaube nicht, dass man sich mit dem Käthchen auseinandersetzen kann, ohne sich auch mit der Traumebene zu beschäftigen. Ich finde viel spannender sich zu überlegen, wofür diese Träume eigentlich stehen. Kleist benutzt diese Träume ja so ein bisschen, um eine Abstraktion herzustellen, in der Dinge denkbar sind, die es sonst nicht sind. Die große Frage, die man sich dann stellen sollte, wenn man diesen Stoff macht, ist, wie man damit umgeht, mit diesem Mittel, das Kleist gewählt hat. Am Ende des Tages ist es nur ein Mittel, um eine Emotionalität erfahrbar zu machen und einen Wunsch erfahrbar zu machen und den kann man ja auch zur Realität werden lassen, also man sagt ja auch, Träume und Visionen – vielleicht sind es auch mehr Visionen als Träume, vielleicht ist das gar nicht so sehr diese verschwurbelte, über allem schwebende Ebene, sondern vielleicht sind das auch sehr handfeste Vorstellungen davon, wie man gerne leben möchte.

    © Jochen Quast/Theater Regensburg

    Erste Liebe tut weh

    „Lebe deine Träume“ ist inzwischen so ein bisschen abgegriffen. Diesen Spruch aber, den könnte man in diesem Zusammenhang anwenden.

    Was ich daran schwierig finde, das so zu verknüpfen, ist vor allem, dass man dann damit gleichsetzt, das Käthchens großes Lebensziel ist, mit Graf Wetter vom Strahl zusammen zu sein. Genau das glaube ich nicht, dass das die Traumverwirklichung ist, so standesgemäß zu heiraten. Da glaube ich, tut man dieser Figur unrecht, nimmt man ihr einiges weg. Aber ich glaube, dass es tatsächlich eher darum geht, das, was für eine Gesellschaft Traum sein muss, weil sie in einem bestimmten Regelkorsett gefangen ist, das kann Käthchen in der Realität denken. Die kann das für sich angstfrei auf die Realität anwenden, das, was für alle anderen Traum bleiben muss, weil es eben nicht denkbar ist in dem Konstrukt, das man sich selbst auferlegt hat.

    © Jochen Quast/Theater Regensburg

    Zwischen Asche und Trümmern

    Der Raum gehört dem Käthchen

    Frau Prechsl, Sie inszenieren das am Theater Regensburg. In welcher Optik, in welcher Zeit? Wohin nehmen Sie den Zuschauer mit? Sicherlich nicht ins Mittelalter, nehme ich mal an.

    Ich arbeite zusammen mit der großartigen Bühnenbildnerin Birgit Leitzinger, mit der ich viele Projekte schon zusammen gemacht habe, und wir haben eine Welt gefunden, die sehr aus Käthchens Innerem heraus gedacht ist. Es war uns wichtig, dieser Titelfigur, die den Titel geben darf, aber ganz wenig de facto zu sagen hat im Stück, den Raum zu ihrem zu machen und zu ihrem Inneren zu machen, zu ihrem Wissen zu machen und daraus ist eine sehr abstrakte Bühnenkonstruktion entstanden, die sich über den Abend hin sehr verändert und verwandelt. Ja, ich glaube, mehr will ich nicht verraten.

    Also ist es bei Ihnen kein optisches Spektakel im Sinne eines Ritterschauspiels. Man kann das ja auch sehr aufwendig open air inszenieren, wie wir beide wissen, dafür ist das Stück durchaus tauglich, aber bei Ihnen ist es eher so ein Kammerspiel?

    Nein, es ist überhaupt kein Kammerspiel. Es ist sicherlich optisch wirkungsvoll, es sind da sehr, sehr große Bilder dabei. Wir haben eine sehr monumentale Bühne, aber es funktioniert einfach nicht über das Regelwerk einer historischen Ausstattungsschlacht, sondern wir haben dafür einfach unsere eigene Ästhetik, unsere eigene Sprache gefunden. Unsere eigene Bildsprache, auch unsere Kostümbildnerin zum Beispiel, Olivia Rosendorfer, die hat sich zur Aufgabe gemacht für die Kostüme einen Ansatz zu finden, wie Märchen heute zum Beispiel funktionieren könnten. Wie würde so ein Märchenkostüm aussehen, ohne in so einen Realismus zu gehen, wo der reiche Typ ein Banker ist und Anzug trägt?

    © Jochen Quast/Theater Regensburg

    Auf der Scheibe des Lebens

    "Prinzipiell eine sehr andere Reise als bei Kleist"

    Im Text ist es ja so, dass die böse Nebenbuhlerin, die Kunigunde von Thurneck, natürlich nicht ihren Mann bekommt, nicht den Graf Wetter vom Strahl heiraten darf, das ist klar, es gibt ein Happy End. Aber ich stelle schon fest, Sie misstrauen diesem Happy End durchaus?

    Wie kommen Sie denn da drauf, dass es da ein Happy End gibt? Wie würden Sie es interpretieren? Das ist nicht meine Interpretation. In der großen Schlussszene sprechen alle darüber, das ist klar. Kunigunde wird geschasst, aber das Käthchen zum Beispiel sagt ja nie „ja“ zu dieser Hochzeit, sondern die letzte Reaktion von Käthchen, die es bei Kleist gibt, ist eine Ohnmacht. „So, jetzt wollen wir heiraten“, sagt Theobald, „los geht's“. Der Kaiser sagt, „klar, machen wir“, aber es endet mit Käthchens Ohnmacht. Ich glaube, dass bei uns einfach prinzipiell Käthchen eine sehr andere Reise durchmacht als bei Kleist. Wir sehen einfach Käthchen sehr in der Funktion einer Erneuerin. Die hatte einen neuen Gedanken, die hat eine Vision davon, wie gleichberechtigte Beziehungen funktionieren können, und daneben gibt es dann Graf Wetter vom Strahl. Das Paar ist bei uns auch gleich alt besetzt, das sollte man vielleicht dazu sagen, weil ja theoretisch im Text Käthchen fünfzehn ist und Strahl doch um einiges älter, und es wird auch oft so besetzt. Uns war wichtig, dass das beide sehr junge, sehr junge frische Schauspieler und Schauspielerinnen sind, die da in wirklich radikaler erster Liebe aufeinander treffen. Strahl kann dem nicht nachkommen, der ist so gefangen zwischen dieser Gesellschaft und dieser Frau, dass er daran scheitert.