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Warum das Marbacher Literaturarchiv kein "Märchenpark" ist | BR24

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Ulrich Raulff, 14 Jahre lang Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach, im Gespräch aus Anlass seines Abschieds von der Schillerhöhe. Der Historiker und Philosoph spricht auch über die Zukunft seines Hauses.

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Warum das Marbacher Literaturarchiv kein "Märchenpark" ist

14 Jahre lang leitete Ulrich Raulff das Deutsche Literaturarchiv, in Kürze verabschiedet er sich von der Schillerhöhe. Im Gespräch zieht Raulff Bilanz – und erklärt, warum er es als Kompliment empfindet, wenn Marbach als "zu elitär" kritisiert wird.

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Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach ist eine besondere Institution: Archiv, Forschungsstätte, Museum und Veranstaltungsort in einem. Auch im internationalen Vergleich zählt es zu den wichtigsten Einrichtungen seiner Art. Allein 1.400 Nachlässe und Sammlungen von Schriftstellern, Gelehrten und wichtigen Verlagen gehören zum Bestand des Deutschen Literaturarchivs. Man kann dort Friedrich Hölderlins Handschriften studieren, ebenso Notizbücher der Philosophin Hannah Arendt und unendlich viel mehr. Der Historiker und Philosoph Ulrich Raulff - seit 14 Jahren Direktor des Archivs - ist fasziniert von der Idee, für die Marbach steht. Aus Anlass seines Abschieds von der Schillerhöhe hat Marie Schoeß mit Ulrich Raulff gesprochen. Das ganze Gespräch können Sie im Audio nachhören, einen Auszug des Gesprächs lesen Sie hier:

Marie Schoeß: Ich habe zunächst in unser Archiv geschaut, wo auch Ihr Antritt in Marbach im Jahr 2004 dokumentiert ist. Damals haben Sie auf die Frage, was Sie an dem Wechsel dorthin reizt, geantwortet, dass es Marbach selbst sei - und zwar mit all dem, was diese Ortsmarke zusammenfasst, an Institutionen und auch an Reichtümern. Hat sich an diesem Reiz des Ortes etwas seitdem verändert oder vielleicht auch noch einmal konkretisiert?

Ulrich Raulff: Marbach ist eine Idee. Und diese Idee hat sich für mich im Lauf der Zeit immer mehr auch mit Inhalt gefüllt. Vieles habe ich erst im Lauf der Zeit kennengelernt - die Bestände, die Möglichkeiten, die es in der Arbeit dort gibt. Gerade in der letzten Phase entdeckt man noch immer unausgereifte Möglichkeiten. Jeden Tag denkt man: 'Mein Gott, das hättest du noch tun müssen!' Und das tue ich auch noch, im letzten Augenblick, mit wehenden Rockschössen. Aby Warburg nannte das 'Heuernte bei Gewitter'.

Was tun Sie noch, im letzten Augenblick?

Ich hole mir Vorlässe von Autorinnen und Autoren, die mir besonders wichtig sind. Autoren, die mit dem Stift schreiben und Autoren, die mit der Kamera schreiben.

Sie sind damals mit einer Doppelaufgabe angetreten. Einerseits galt es, das wissenschaftliche Profil zu schärfen. Gleichzeitig sollte Marbach aber auch sichtbarer werden. Das ist eine Gratwanderung. Man will größeres Publikum gewinnen, ohne dafür den eigenen Anspruch herunter fahren zu wollen. Wie haben Sie das für sich aufgelöst?

Beim Anspruch haben wir nie nachgegeben. Dennoch ist es uns gelungen, sehr viele Leute nach Marbach zu ziehen. Das hat natürlich wiederum auch mit den Inhalten zu tun, die man anbietet. Man kann auch mit dem Publikum arbeiten. Ich vermeide den etwas von oben herab gesprochenen Ausdruck 'das Publikum erziehen'. Ich bin kein Erzieher. Ich mache anständige und attraktive Angebote, und die sind durchaus voraussetzungsreich. Aber ich biete gleichzeitig auch die Mittel, um aus diesen Ausführungen etwas mitzunehmen. Ich erkläre, worum es geht. Dann ist es auch tatsächlich ein echtes Angebot.

© (c) dpa

14 Jahre lang leitete der Historiker und Philosoph Ulrich Raulff das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Ende des Monats wird er verabschiedet.

Das Sichtbarmachen von Marbach soll vor allem über die Ausstellungen gesichert werden. In Ihre Amtszeit fiel die Eröffnung des Literaturmuseum der Moderne im Jahr 2006, mit der Dauerausstellung, aber eben auch mit den wechselnden Ausstellungen. Diese waren ganz vielseitig angelegt, auch in der Zeit. Das ging etwa von der Familie über Samuel Becketts Liebe zu Deutschland zum Zettelkasten als Maschine der Phantasie oder auch zur unendlichen Geschichte der Ordnung. Wie populär durften diese Ausstellungen werden, um noch mit dem Profil des Hauses zusammenzupassen? Und wie hat sich im Haus selbst die Frage entsponnen: Wie wollen wir uns da nach außen ausrichten?

Wir haben immer versucht, abzuwechseln zwischen Ausstellungen, die selbstverständlich sind, wenn man ein Literaturarchiv führt und tolle Vor- und Nachlässe von Autoren hat. Wenn man den Nachlass von W.G. Sebald hat, dann ist es klar, dass man den zeigt. Und dann ist es auch fast selbstverständlich, dass viele Leute kommen und ihn sehen wollen. Schwieriger ist es, wenn Sie raffinierte Themen anbieten. Sie nannten selber die Ordnung. Wie macht man das, dass es auch wirklich eine starke sinnliche Anmutung hat? Dass es toll ist, das anzuschauen?

Wurde im Haus - gerade zu Beginn Ihrer Arbeit - um die Ausrichtung dieser Ausstellungen sehr gerungen? Ich könnte mir vorstellen, dass die Arbeit im Museum auch eine ist, bei der sich noch mal grundsätzlich die Frage stellen lässt: Was will dieses Haus im Ganzen verkörpern?

Natürlich. Die Ausstellungen, die wir dann gemacht haben - auch diese essayistischen Ausstellungen, etwa zum Begriff des Schicksals -, wie wollen Sie das ausstellen? Schicksal? Da sind schon viele Kolleginnen und Kollegen gefordert, mitzudiskutieren und dann zu den Essay-Ausstellungen zu kommen. Die waren absolut neu. So etwas hat man vorher nie gemacht. Und das ist auch bei älteren Kollegen und ebenso bei den Pensionären, die hier wohnen, nicht gerade auf Begeisterung gestoßen.

Was ich jetzt auch mit Blick auf die Neubesetzung in Marbach interessant finde, ist, dass man weiter den Vorwurf hört, Marbach sei zu elitär. Ich frage mich immer, was eigentlich hinter dieser Kritik steckt. Kann und sollte Marbach wirklich eine Einrichtung sein, die nicht elitär ist?

Ich empfinde das eher als ein Kompliment. Wir erhalten Ansprüche aufrecht, und nicht zuletzt Bildungsansprüche. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, sich diesen Schneid nicht abkaufen zu lassen. Wir sind kein Märchenpark. Und wir haben auch nicht vor, einer zu werden. Wir sind eine Forschungseinrichtung. Und wir sind ein Quellen-Institut für die Forschung. Wir sammeln Zeugnisse der Literatur, der Philosophie, der allgemeinen Geistesgeschichte und der Geisteswissenschaften, von denen wir denken, dass sie - im Sinn der Nachhaltigkeit - in 30 oder 50 Jahren auch noch für die Forschung interessant sind.

© (c) dpa

Eine der vielen Ausstellungen im Literaturmuseum der Moderne: Sie widmete sich den Zettelkästen von Schriftstellern,

Noch eine Frage zum Blick auf ein mögliches oder gewünschtes Publikum. Sie haben einmal gesagt, dass man dem jungen Leser manchmal wie einer Chimäre hinterherlaufe - und dass dieser Blick auf einen noch nicht gewonnenen Leser vielleicht auch in falsche Richtungen führen könne. Hat Sie die Frage selbst nie umgetrieben, wie man junge Leser, die vielleicht auch ohne Bücherregal aufgewachsen sind, später doch noch später begeistern oder vielleicht auch für solche Institutionen gewinnen kann?

Natürlich spielt das eine große Rolle. Wenn ich das nie getan hätte, hätte ich meinen Auftrag verfehlt. Wir sind gerade durch das Museum mit einem Vermittlungs- und mit einem Bildungsauftrag versehen. Und dem kommen wir auch nach. Da holen wir auch Leser ab, die zum Teil noch gar nicht lesen können. Sehr kleine Kinder, die man an der Schwelle des Lesens in Empfang nimmt und die man so ganz allmählich - über die Freude an Farben und Buchstaben und die ersten Sinnzusammenhänge - zum Lesen holt. Aber wir haben natürlich auch ein sehr großes älteres Publikum, dem wir uns mit gleicher Sorgfalt und gleicher Intensität annehmen, unabhängig von dem Blick auf die Jugend.

Nun lassen sich die Zahlen, nach denen Buchkäufe generell zurückgehen, kaum noch leugnen. Welche Funktion kann denn in solchen Zeiten ein Archiv wie das in Marbach einnehmen?

Wir sind nicht mit dem Handel und dem Vertrieb der Ware Buch beschäftigt. Insofern werden Sie verstehen, dass ich mir nicht die Sorgen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels machen muss. Und auch nicht die Sorgen der Verleger. Meine Aufgabe ist es, Texte - egal in welcher Darreichungsform - zu speichern, zu konservieren und auf die Nachwelt zu bringen. Und - in Verbindung damit - den Leuten immer wieder klar zu machen, nichts ist so wichtig wie Literatur. Sie ist die wichtigste aller Künste. Literatur ist die billigste aller Künste. Und Literatur ist die wichtigste aller Künste, weil alle anderen Kunstformen, das Theater, der Film, aber eben auch das Netz - da spricht man nicht von Literatur, da spricht man von Content - auf Texte bauen. Das ist alles Literatur. Alle leben sie von Literatur. Ich sammle, speichere und überliefere diese Literaturen. Und ich sage den Leuten: Das ist das wichtigste Kulturgut überhaupt. Dafür sind wir zuständig.

Sie sind jetzt gerade schon bei der Bestandsaufnahme. Und Abschiede sind ja auch immer ein Anlass, um noch einmal Blicke in Richtung Zukunft zu werfen - auch in Richtung dessen, was man einer Nachfolgerin - der Germanistin Sandra Richter - jetzt überlässt und hinterlässt. Was ist Ihre Erfahrung aus den letzten Jahren: Wo liegt - im Kern - das Zukunftspotenzial dieser Institution, die Sie jetzt in andere Hände geben?

Sie können diese Einrichtung - das wird mir jetzt nach bald 15 Jahren erst so richtig deutlich - in viele verschiedene Richtungen hin entwickeln. Sie können sie zum Beispiel sehr viel stärker baulich weiterentwickeln, als ich das getan habe. Und wir stehen jetzt vor der großen Aufgabe, die digitale Kompetenz des Archivs weiterzuentwickeln. Ich habe in erster Linie die Einrichtung inhaltlich weiterentwickelt. Ein Gegner hat mir in den ersten Jahren mal gesagt: 'Sie schaden Marbach, denn Sie intellektualisieren und Sie internationalisieren Marbach.' Ich habe ihm gesagt: 'Schöner als Sie hätte man das gar nicht beschreiben können, was ich tue und was ich vorhabe zu tun.' Ich habe sehr stark inhaltlich mit den Beständen gearbeitet, die da sind. Und ich habe versucht, sie weiterzuentwickeln, auch zusätzliche Richtungen stärker zu sammeln: Philosophie, Ideengeschichte, Geisteswissenschaften und jetzt noch sehr intensiv den Übergang von der Kunstgeschichte zur Bild-Wissenschaft. Das passt sehr gut zu uns, denn wir haben auch eine enorm große Bildersammlung. Wir sind so etwas wie die National Portrait Gallery. Das weiß nur niemand. Das ist ein Pfund, mit dem wir zu wenig wuchern. Auch da sehen Sie sofort eine Entwicklungsmöglichkeit, die ich gerne noch ausgeschöpft hätte. Aber das ist zu spät.

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