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Warum das Christentum philosophisch Mitschuld am Klimawandel hat | BR24

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Schüler demonstrieren bei "Fridays for Future" für Klimaschutz, Deutschland diskutiert eine CO2-Steuer: Langsam begreift der Mensch, dass er auf Kosten der Natur lebt. Dass dieses Bewusstsein erst jetzt entsteht, liegt auch am abendländischen Denken.

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Warum das Christentum philosophisch Mitschuld am Klimawandel hat

Schüler demonstrieren bei "Fridays for Future" für Klimaschutz, Deutschland diskutiert eine CO2-Steuer: Langsam begreift der Mensch, dass er auf Kosten der Natur lebt. Dass dieses Bewusstsein erst jetzt entsteht, liegt auch am abendländischen Denken.

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Wir sind nichts Anderes als Natur. Doch das hat der Mensch seit langem vergessen. Immer mehr und intensiver werden die natürlichen Ressourcen verbraucht. An die Zukunft unserer Kinder und künftiger Generationen wird nur selten gedacht – und wenn, dann häufig mit einem entschuldigenden Schulterzucken: "Was kann ich denn schon ausrichten?"

Platons Höhlengleichnis ändert Verhältnis von Mensch und Natur

Begonnen hat das bereits in der griechischen Antike, als Platon das Höhlengleichnis formulierte. Dieses hat die ganze Geschichte der Philosophie des Westens geprägt, erklärt Naturphilosoph Andreas Weber: "Das lautet in Kürze: Dass man annehmen muss, dass wir Menschen von der Wirklichkeit so viel mitbekommen, wie in der Höhle Eingesperrte, die durch ein kleines Loch die von einem Feuer auf eine Wand projizierten Schatten von Gestalten sehen. Da ist so eine Idee drin, das wir uns da keine richtige Vorstellung machen können."

Vor Platon war es selbstverständlich, dass der Mensch Teil der Schöpfung, Teil der Natur ist - eingebunden in ein großes Ganzes, sagt Andreas Weber. Platons Höhlengleichnis änderte diese Sicht. Der Mensch kann sich demnach nur ein unzureichendes Bild vom Kosmos machen – er selbst rage "irgendwie schmerzhaft" aus ihm heraus.

Christlich-abendländische Geschichte baut auf Platon auf

Diese Sicht hat das abendländische Denken geprägt. Auf diesem platonischen Bild der Antike baut auch die christliche Tradition auf. Da heißt es: "Das Göttliche ist das, was nicht das Fleischliche und Sinnliche ist". Damit entfernt sich der Mensch noch ein Stück weiter von seiner Natur und der Welt, erklärt der Sozialethiker an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Markus Vogt.

Das Christentum habe dadurch eine gewisse Mitschuld am Klimawandel und der Umweltzerstörung. "Ich denke, wir haben es kulturell auch vernachlässigt, Umweltqualität hinreichend als Teil unserer Identität, als Teil unserer Lebensqualität wahrzunehmen und zu achten", so Vogt. "Das ist sicherlich tief in die Vergangenheit zurückweisende kulturvergessene Natur. Da hat durchaus das Christentum einen Anteil." Das Denken von damals wirkt bis heute nach. Es hat das Handeln des Menschen geprägt.

Folgen für die Umwelt sind für Menschen häufig abstrakt

Der Mensch schädige die Umwelt, weil vieles weit weg sei, sagt der Umweltbeauftragte der Erzdiözese München-Freising, Matthias Kiefer: "Zeitlich, wie räumlich. Weil viele Folgen eher abstrakt ableitbar, als konkret erfahrbar sind." Die Leistungen der Natur seien oft nicht im Bewusstsein der Menschen, so Kiefer. "Alle nutzen sie und wenige tragen Sorge für sie und erst recht wird niemand bestraft, wenn er sie schädigt. Das ist von der Tendenz her das, was man über unser Zeitalter aussagen kann."

Die Eingriffe in die Natur sind tief und global. Der menschliche Konsum sei so enorm, wie nie zuvor, sagt Jörg-Andreas Krüger, Geschäftsführer für Naturschutz vom WWF. Seit 20 Jahren misst die Naturschutzorganisation zusammen mit dem Wissenschaftsnetzwerk "ecological foodprint" den ökologischen Fußabdruck. Der setzt sich zusammen aus den Strukturlasten wie Mobilität und Infrastruktur, der Bautätigkeit und Bauweise und dem persönlichen Fußabdruck, also wie wir uns ernähren, reisen oder heizen.

Deutschland lebt seit 3. Mai ökologisch auf Pump

Dabei herausgekommen ist, dass wir als Menschheit momentan die nachwachsenden und erneuerbaren Ressourcen von 1.7 Planeten brauchen. In Deutschland und in vielen Industrieländern ist es sogar noch mehr. Wir leben von den Zinsen. So lebt Deutschland zum Beispiel seit dem 3. Mai 2019 ökologisch auf Pump.

Der Mensch schützt nur das, was er schätzt und liebt, sagt Naturphilosoph Andreas Weber: "Lieben heißt, dass man seine eigene Unsterblichkeit zugunsten diesen anderen, die man liebt, aufgibt. Und nur dann ist es wirklich lieben." Statt uns an diese individuelle Existenz zu klammern, sollten wir darauf vertrauen, dass wir selbst dieses Ganze immer schon sind und unser eigenes Ende nicht das vollkommene Ende ist, so Weber.

Das fordert allerdings ein fundamentales Umdenken, nämlich die Natur nicht mehr nur als Ressource zu sehen, sondern als Seelenraum. Und die eigene Seele als Teil dieser Welt, sagt Weber. Jeder Mensch wäre dann eine individuelle Erscheinung dieser Welt.