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Warum Camus' "Der erste Mensch" für Joachim Król so wichtig ist | BR24

© Stefan Nimmesgern

Gastiert mit seiner Inszenierung von Camus' "Der erste Mensch" in München: Schauspieler Joachim Król

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Warum Camus' "Der erste Mensch" für Joachim Król so wichtig ist

Seine Mutter war Analphabetin. Aber ein Lehrer sorgte dafür, dass Albert Camus zur Schule ging. Der Rest ist Literaturgeschichte. Wie seine eigene Kindheit und die von Camus zusammenhängen – davon erzählt Joachim Król im Gespräch mit Knut Cordsen.

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Fast auf den Tag genau 60 Jahre ist es her, dass der Schriftsteller Albert Camus bei einem Autounfall zu Tode kam – der Unfall ereignete sich am 4. Januar 1960. Bei sich führte der Nobelpreisträger damals in einer Mappe das Manuskript eines Romans, der erst Jahrzehnte später das Licht der Welt erblicken und sollte: "Der erste Mensch" . "Der erste Mensch", so nennt der Schauspieler Joachim Król einen Theaterabend über "Die unglaubliche Geschichte einer Kindheit nach Albert Camus", die Król zusammen mit dem L‘Orchestre du Soleil am 2. Januar auf die Bühne der Münchner Kammerspiele bringen wird. Knut Cordsen hat mit Joachim Król über diesen Theaterabend gesprochen.

Knut Cordsen: Mit "Der erste Mensch" sind Sie bereits im dritten Jahr auf Tour, 2018 ging’s los. Was für eine Geschichte erzählen Sie in dieser Inszenierung?

Wir erzählen die Geschichte eines kleinen Jungen, der in prekären Verhältnissen in Algerien groß wird. Der begabt ist, dann wahrgenommen wird von einem engagierten, fortschrittlichen Lehrer, der ihn fördert und der ihn gegen alle Widerstände und gegen alle Voraussagen der Bildung zuführt. Was das für Folgen hatte, wissen wir alle. 1957 hat er den Literaturnobelpreis erhalten, als jüngster Preisträger überhaupt.

"Der erste Mensch" hat Camus seiner Mutter Catherine gewidmet mit den Worten "Dir, die Du dieses Buch nie wirst lesen können". Sie war Analphabetin. Die Inszenierung stellt die besondere Beziehung Camus‘ zu seinem engagierten Lehrer Louis Germain in den Mittelpunkt. Sie selbst sind 1957 als Bergmannssohn im Ruhrgebiet zur Welt gekommen, aber Sie scheinen sich durchaus in diesem Jungen wiederzuerkennen.

Das ist sogar eine ganz verblüffende Geschichte. Ich kannte diesen Roman nicht. Es ist ja Camusʼ letzter, wie Sie schon erwähnten. Und mein Produzent und Regisseur Martin Mühleis hat mir das präsentiert. Wir kennen uns aus anderen Zusammenarbeiten, wir haben unter anderem "Seide" von Alessandro Baricco gemacht, auch für die Bühne, in einem ähnlichen Stil. Als ich "Der erste Mensch" las, war ich geflasht. Vor allem als ich diese Stelle gelesen habe, wo dieser Lehrer den ärmlichen Haushalt aufsucht und Großmutter und Mutter – Camusʼ Großmutter spielt eine viel größere Rolle in seinem Leben – die beiden davon überzeugt, dass dieser Junge das Zeug hat fürs Gymnasium und dass er ihm eine Zukunft eröffnen will, Türen aufstoßen will. Diese Situation hat es ganz ähnlich in meinem Leben gegeben. Ich will meine Ruhrpott-Biografie nicht vergleichen mit der von Camus und den Verhältnissen in Nordafrika seinerzeit. Aber ich war in meiner Familie auch der erste, der ein Gymnasium besucht hat. Meine Eltern wären sicher nicht auf die Idee gekommen, und es gab auch bei mir diesen Lehrer, der eines Abends vor der Tür stand: Wir sitzen in der Küche. Abendbrot steht auf dem Tisch und plötzlich steht mein Lehrer in der Tür. Ich dachte: Oh mein Gott, was hast du denn jetzt wieder ausgefressen? Und dann stand er da, und ich erinnere mich an diesen Satz, den er zu meinem Vater gesagt hat, als er sich umschaute in unserer kleinen Wohnung: 'Hier kann man noch lernen.' Das war eine ganz verwandte Situation. Dieser Pädagoge war sicherlich auch wesentlich verantwortlich für meinen Werdegang.

© Stefan Nimmesgern

Joachim Król mit seiner Camus-Aufführung: "Der erste Mensch"

Und es gibt noch eine Verbindung: Albert Camus liebte Fußball, er spielte auch selbst, war ja ein guter Torwart damals, der Verfasser des "Ersten Menschen" war ein respektierter letzter Mann bei Racing Algier. Sie sind ebenfalls ein großer Fußball-Fan.

Ja, na ja, Sie haben ja gerade schon meine Herkunft erwähnt. Herne im Ruhrgebiet. Erst einmal gab es in meiner Kindheit, Jugend auch einen großen Fußball-Verein: Westfalia Herne. Der hat es jetzt gerade sehr schwer. Wir sind flankiert von Schalke 04 und Borussia Dortmund, und das beobachte ich mit großem Vergnügen.

Von Albert Camus gibt es den Satz: "Alles, was ich über Moral und Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball." Unterschreiben Sie diesen Satz?

Mein Gott. Die Diskussion müsste man wirklich mal führen, wo die Moral geblieben ist. Aber ich glaube, er spricht da über den Mannschaftsgeist und über das Sich-Aufopfern für andere. Und ich glaube, für die richtig Guten gilt das nach wie vor.

Ich möchte mit Ihnen noch ein bisschen über den Analphabetismus reden. Der steht ja auch im Zentrum Ihres Abends. In Deutschland gelten rund sechs Millionen Erwachsene als funktionale Analphabeten. In der Mehrzahl sind das Männer. Ihre Theater-Tournee findet statt im Rahmen der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Wie ist Ihre bisherige Erfahrung – erreichen Sie die bildungsfernen Schichten, um die es Ihnen geht, die aber auch gleichzeitig eher bühnenfern sind, die keine regelmäßigen Theatergänger sind?

Sicher nicht. Wenigstens nicht in einem bemerkenswerten Maße. Aber es geht ja auch darum, diese Tatsache ins Bewusstsein zu rücken. Die Organisation hat sich uns angeschlossen, wir waren gerne bereit, die um uns zu haben. Die besprechen das, was auf der Bühne zu sehen ist, nach den Vorstellungen mit den Gästen. Interessant ist, dass sich fast jeder Zuschauer nach der Vorstellung mit seinem eigenen Werdegang auseinandersetzt. Wo komme ich her, wo kommt meine Bildung her? Wer war dafür verantwortlich? Ich meine, hier in Bayern wird ja auch die Diskussion über unser Bildungssystem geführt, ob es durchlässig genug ist. Wir haben in Nordrhein-Westfalen ganz andere Probleme. Meine Frau ist Lehrerin. Ich habe das Thema jeden Morgen am Frühstückstisch, was da verabsäumt wird und wie viele Probleme Pädagogen haben. Meiner Meinung nach tickt da eine Zeitbombe, die gar nicht groß genug einzuschätzen ist.

© Remo Fröhlicher

Joachim Król & das Orchestre du Soleil

Sie werden musikalisch begleitet vom Orchestre du Soleil. Über die Zusammenarbeit mit den fünf Musikern haben Sie gesagt: "Sie liefern mir das musikalische Fundament, auf dem ich mich schauspielerisch bewege." Also liefern die mehr als – in Anführungszeichen – 'nur' den Soundtrack?

Auf jeden Fall. Wir lauschen aufeinander. Es geht gar nicht um Notierung oder Einsätze oder so. Es geht um die Atmosphäre, die die kreieren, um den "Score". Das ist ein Begriff aus dem Film: die Partitur, die über dem Ganzen liegt. Musik evoziert gewisse Landschaften oder Stimmungen. Ich kann mich da drauflegen. Das ist so raffiniert komponiert von Christoph Dangelmaier, dass ich mich dem hingeben kann. Ich kann das Tempo bestimmen. Ich bin ein Teil des Orchesters. Ich bin ein Teil des Ensembles. Da ist keine große Trennung. Und wenn das läuft, ist das ein kleines rauschhaftes Erlebnis.

Für Sie ist der Münchner Theaterabend eine Art Heimkehr: Sie spielen in dem Schauspielhaus, an dem Sie Anfang der 80er-Jahre an der Otto-Falckenberg-Schule Ihre Ausbildung genossen haben. Also Ihre Anfänge als Schauspieler liegen hier.

Ja, da schließt sich ein Kreis, und ich bin sehr froh darüber. Wir hatten als Schauspielschüler von 1981 bis 1984 die eine oder andere Inszenierung im Werkraum Theater. Aber auf der großen Bühne des Schauspielhauses habe ich noch nie gestanden. Ich weiß gar nicht, wie man das Jahr schöner beginnen kann.

Joachim Król und das L'Orchstre du Soleil sind mit "Der erste Mensch" am 2. Januar ab 20:00 Uhr in den Kammerspielen zu sehen.

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