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Warum Bernd Stegemann die Linken in der "Moralfalle" sieht | BR24

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Linke in der "Moralfalle"?

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Warum Bernd Stegemann die Linken in der "Moralfalle" sieht

Er ist Mitbegründer der Sammlungsbewegung "Aufstehen", Dramaturg am "Berliner Ensemble" und unterrichtet an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin: Jetzt beschäftigt sich Bernd Stegemann in seinem neuen Buch mit der Krise der Linken.

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Es ist mit der Moralfalle wie im Märchen vom Wettlauf zwischen Hase und Igel: Je mehr sich der Hase anstrengt, gegen den Igel zu gewinnen, desto aussichtsloser sein Vorhaben. Aber nicht, weil der Hase langsamer wäre, sondern weil der Igel eigentlich zu zweit ist. Frau und Herr Igel – die sich an Start und Ziel der Rennstrecke postiert haben. Und weil so der Hase – der einzige, der die Idee, vom Fleck zu kommen überhaupt ernst nimmt – in der Falle sitzt. Der Hase, das ist bei Bernd Stegemann die sozialpolitische Linke.

Grüne verbündete sich mit der CDU

Die zwei Igel sind deren Gegner – links wie rechts. Bernd Stegemann: "Als zum Beispiel Jens Spahn, unser Gesundheitsminister, vor einiger Zeit den Vorschlag machte, man könne doch diesem Pflegekräftemangel dadurch Abhilfe leisten, dass man im europäischen Ausland jetzt günstiges Personal anwirbt, um quasi hier den Arbeitsmarkt etwas zu erweitern, wurde er kritisiert dafür, von einer linken Politikerin, die meinte, na ja, dass sei doch der klassische Punkt, dass man durch Arbeitsmigration Lohndumping im Binnenmarkt herbei führen würde. Daraufhin verbündete sich eine grüne Politikerin mit dem Gesundheitsminister von der CDU, das sei ja mal wieder typisch für den Nationalismus und Rassismus bestimmter Teile der Linken. Das ist eine Moralfalle. Also es verbinden sich sozusagen eine neoliberale Wirtschaftspolitik von Jens Spahn mit einer moralischen Aussagen einer Grünen-Politikerin, um die Kritik mundtot zu machen."

Berufung auf scheinbar absolute Wahrheiten

Moralismus und die unfreiwillige Verbrüderung mit dem politischen Gegner diagnostiziert Bernd Stegemann als zentrale Probleme eines Teils aktueller linker Politik. Als Systemtheoretiker und Sezierer öffentlicher Kommunikation erscheint ihm moralisierendes Sprechen in der Politik grundsätzlich problematisch. Denn das zieht nicht mehr mit der Waffe des besseren Arguments in die politische Arena, sondern verabschiedet sich durch die Berufung auf scheinbar absolute Wahrheiten gleich ganz aus dieser. Und von der Moral sowieso, die dann nämlich zum Moralismus verkommt: zur leeren Hülle und zum bloßen Schutzmantel gegen Kritik. Um die gesellschaftlichen Probleme selbst – von ihrer Lösung ganz zu schweigen – geht es dabei längst nicht mehr.

© Verlag Matthes & Seitz

Buch-Cover "Die Moralfalle"

Linke Parteien "wahnsinnig" in der Krise

Stattdessen werden sie aus der Verhandlung ausgeschlossen und an die politischen Ränder abgegeben. Stegemann: "Es gibt eine massive Auseinanderbewegung in dieser Gesellschaft, eine massive Entsolidarisierung. Und ich habe versucht zu schreiben, dass diese Entsolidarisierung einerseits materielle und harte ökonomische Gründe hat, aber dass die Linken im Prinzip durch das Moralisieren diese Spaltung in einem diskursiven Raum, in einem symbolischen Raum, in einem politischen Raum noch einmal wiederholen. Alle linken Parteien sind darum so wahnsinnig in der Krise und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, weil sie vergessen haben, wie politische Reformulierung, wie politische Argumente in einer so massiv zersplitterten Welt funktionieren müssten."

Interessenlagen und ihre Widersprüche

Deshalb plädiert Stegemann in der „Moralfalle“ zu aller erst für rationalen Streit jenseits parteipolitischer Zuordnung und ohne Sprechverbote. Zugleich sind seine messerscharfen Argumentationen durchdrungen von einem klaren politischen Stand-punkt. Immer, wenn das Buch vom „Wie“ zum „Was“ der Debatten übergeht, tritt der Analytiker Stegemann hinter den überzeugten Linken zurück. Dieser Linke fordert dann politischen Realismus: also, dass gesellschaftliche Konflikte nach ihren materiellen Grundlagen zu überprüfen sind. Dass es gilt, ökonomische Interessenlagen und ihre Widersprüche gegen eine gerechte Gesellschaft aufzudecken. Dass Armut und die Ängste vor ihr Geltung haben müssen, selbst wenn sie einem bestimmten privilegiert-linksliberalen Milieu momentan ferner liegen mögen als politisch korrekte Sprache oder Identitätspolitik.

Bernd Stegemann: "Es gibt ja diesen großen Dreiklang der Antidiskriminierung, das ist race, gender, class – also Ethnie, Geschlecht und Klassenfrage. Und der Neoliberalismus hat es hin bekommen, dass race und gender zu sehr, sehr starken großen Themen innerhalb des politischen Spektrums wurden. Das ist auch erst einmal alles wunderbar, das Problem an der Sache ist nur, dass der dritte Punkt, nämlich die Klassen - also die soziale Frage, die ökonomische Frage nach der Verteilung des Reichtums, die wurde darüber komplett vergessen. Und die muss jetzt sozusagen wieder als dritter Ton in diesen Dreiklang hinzugefügt werden."

Er entlarvt linken Moralismus

Natürlich betreibt Stegemann auch Ursachenanalyse und begibt sich auf viele Schauplätze der Moralfalle. Im postmodernen Relativismus und der allzu bereitwilli-gen Verschwisterung eines politischen mit dem ökonomischen Liberalismus sieht er entscheidende Gründe für den verstellten Blick auf soziale Realität. In Texten von Harald Welzer oder Carolin Emke entlarvt er linken Moralismus. Und in Talkshows erkennt er den ritualisierten Wettlauf zwischen Moralisten und Realisten, in dem letztere das Schicksal des Hasen erleiden. Bei aller Schärfe der Analyse, bei aller Schonungslosigkeit gegenüber Kollegen und bei aller Eindeutigkeit seiner politischen Überzeugung, mit der er oft genug den Moralismus des Lesers weckt: Stegemanns Anliegen ist eine offene Gesellschaft und die Arbeit an einer Befreiung linker Politik durch Selbstkritik. Das ist analytisch so anregend, wie politisch diskussionswürdig. Und lesenswert ist es in jedem Fall!

Bernd Stegemann: "Die Moralfalle", 205 Seiten, Klappenbroschur, Preis: 18,00 € (Verlag Matthes & Seitz)

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