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Warum bei der Organspende die Selbstbestimmung entscheidend ist | BR24

© dpa picture/alliance

Intensivmedizin mit einem Behälter mit Spenderorgan

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Warum bei der Organspende die Selbstbestimmung entscheidend ist

Der Bundestag hat die Widerspruchslösung in der Organspende abgelehnt. Auch die Kirchen sind gegen diesen Weg. Mit der alten Vorstellung, eine Feuerbestattung nicht zuzulassen, um den toten Körper nicht anzutasten, hat das allerdings nichts zu tun.

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Der Bundestag hat die Widerspruchslösung in der Organspende abgelehnt, die Debatte aber wird weitergehen. Es geht um Fragen, die das Menschenbild einer Gesellschaft berühren, um Selbstbestimmung, aber auch darum, wie wir den Körper – auch den toten – betrachten wollen. Ein kulturgeschichtlich sehr altes Thema.

Die Unversehrtheit des Körpers widerspricht einer Organspende nicht

Die meisten Religionen geben keine klare Entscheidungshilfe bei dieser heiklen ethischen Frage. Die Unversehrtheit des Körpers, die in vielen Religionen wichtig ist, tangiert die Frage nach der Organspende nicht direkt. Denn dabei geht es nicht um eine körperliche Intaktheit in einem archaischen Sinne – "einbalsamiert für die Ewigkeit". Doch in vielen Religionen besitzt der Mensch auch im Tod und nach dem Tod eine Würde, eine individuelle Würde. Leichenfledderei, Leichenschändung ist in allen Kulturen geächtet und gilt als das Schlimmste, was man einem Menschen antun kann. Vor diesem Hintergrund gab es beispielsweise im Islam, im Judentum, im Christentum lange Zeit die Vorgabe, die Integrität eines toten Körpers zu wahren und ihn als solchen auch zu bestatten.

Mit der Etablierung der Transplantationsmedizin ist das angepasst worden: Das israelische Oberrabinat hat 1987 entschieden, dass es nicht gegen die Halacha, also die Religionsgesetze verstößt, wenn ein Mensch seine Organe nach dem Tod freiwillig zur Verfügung stellt. Auch im Islam gibt es einen theologischen Mainstream, der das geradezu für geboten hält als Zeichen der Nächstenliebe, des Mitgefühls. Und bei uns in Deutschland befürworten beide großen Kirchen die Organspende als Zeichen "herausragender Nächstenliebe". Es gibt in allen Religionen eine Minderheit, die das anders sieht oder zumindest skeptisch ist, aber mehrheitlich ist das Thema Organspende kaum mehr umstritten.

Auch bei der Feuerbestattung gab es ein Umdenken der Kirche

Dasselbe gilt im Christentum übrigens für die Feuerbestattung, da gab es in beiden christlichen Kirchen auch ein Umdenken: Als Mitte des 19. Jahrhunderts die Feuerbestattung aufkam, waren die Kirchen dagegen, weil sie noch einer sehr materialistischen Auferstehungsvorstellung anhingen: der Auferstehung der Seele und des intakten Leibes. Das mag in der Frömmigkeitskultur bis heute noch eine wichtige Rolle spielen, aber der offizielle kirchliche Widerstand gegen die Feuerbestattung wurde anders begründet: Man empfand das als pietätlos, als unwürdig, und hielt das für eine eher neuheidnische Unsitte. Deshalb die lange Weigerung, Feuerbestattungen kirchlichen Segen zu geben.

Die Kirchen sind heute auf jeden Fall klare Anwälte des Selbstbestimmungsrechts der Spender. Es gibt keine Christenpflicht zur Organspende. Eine Spende ist immer freiwillig. Die Kirchen haben vielleicht mehr als die anderen Beteiligten auch die Angehörigen im Blick, die in einer solchen Situation oft überfordert sind mit der Entscheidung, ob einem Verstorbenen Organe entnommen werden sollen. Und die Kirche hat immer gerungen um die sogenannte Hirntod-Definition. Dort sehen sie die Gefahren der Organtransplantation – wie eine zweifelsfreie Feststellung, dass der Verlust der gesamten Hirntätigkeit vollständig und unumkehrbar ist, möglich ist. Das ist eben nicht eine rein medizinische Frage, sondern eine Grundsatzfrage: Wo beginnt, wo endet menschliches Leben? Wer verfügt darüber?

Es gibt keinerlei kirchlichen Zweifel mehr an der Tatsache, dass mit dem Hirntod, also mit dem unwiederbringlichen Ende des menschlichen Bewusstseins, der Tod eingetreten ist und eine Organspende möglich ist. Es muss nur sehr klar definiert, geprüft und transparent dargestellt werden, damit jeder Verdacht einer Verzwecklichung menschlichen Lebens ausgeschlossen ist.

Die rein technische Betrachtung greift zu kurz

Es gibt sehr erschütternde Berichte über Menschen, die auf Organe warten – aber auch über Menschen, die im Nachhinein nicht damit zurechtkommen, dass sie einen Angehörigen zur Organspende bestimmt haben. Jedenfalls ist das Thema nicht rein technisch zu betrachten. Dir größte Gefahr der Widerspruchslösung liegt darin, dass sie als Bevormundung wahrgenommen wird. Dass es im denkbar schlimmsten Fall dazu kommen könnte, dass Organe gegen den ausdrücklichen Willen der Angehörigen entnommen werden, weil ja nur der Widerspruch oder Zustimmung des Verstorbenen zählen. Das könnte im schlimmsten Fall dazu führen, dass in einem Trauerprozess den Angehören Tote weggenommen werden – und dann würde möglicherweise auch die Spendenbereitschaft, die in Deutschland eigentlich relativ hoch ist, aber eben nicht immer dokumentiert wird, eher sinken.

Rechtliche Bedenken gegen die Widerspruchslösung

Bei der Widerspruchslösung wird Schweigen als Zustimmung gewertet. Es gibt nur sehr wenige Rechtsgeschäfte, in denen dieser Grundsatz gilt, die setzen in der Regel eine längere und intensivere Geschäftsbeziehung voraus. Die Widerspruchslösung wird daher auch als massiver Eingriff in die Rechtsordnung kritisiert – in das Verhältnis von Staat und Bürger. Denn der muss sich ganz technisch gesprochen durch einen Widerspruch sein Eigentum sichern.

Umgekehrt lässt sich auch aus der Sicht derjenigen, die auf ein Spenderorgan warten, argumentieren, dass die Lebensnotwendigkeit des Patienten über dem postmortalen Selbstbestimmungsrecht steht. Eine klassische und sehr schwierige ethische Güterabwägung. In jedem Fall aber ist es zumutbar, dass sich alle Bürgerinnen und Bürger in regelmäßigen Abständen mit dem Thema auseinandersetzen müssen.

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