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Eine Beerdigung zu Beginn – Veronica (Viola Davis) verliert ihren Mann
© 20th Century Fox

Autoren

Bettina Dunkel
© 20th Century Fox

Eine Beerdigung zu Beginn – Veronica (Viola Davis) verliert ihren Mann

Nein, Steve McQueen hat sich nicht verraten. Ganz und gar nicht. Sein neuer Film "Widows" wird zwar als Heist Movie beworben, also als Genre-Film über einen groß angelegten Raubüberfall, aber das bedeutet noch lange nicht, dass der britische Regisseur sich nun im blutigen Blockbuster-Terrain versucht oder Actionkomödien im Stil von "Oceans 8", "11" oder welcher Ziffer auch immer dreht. Die Raubüberfall-Thematik wird vor allem vom Verleih in den Vordergrund gestellt, der dem Film den unnötigen Untertitel „Tödliche Witwen“ verpasst hat.

Heist Movie als Metapher

Tatsächlich aber ist „Widows“ ein Drama, in dem all das vorkommt, was man an "12 Years a Slave" und den anderen Filmen von Steve McQueen schätzt: Rassen- und Klassenunterschiede, politische und seelische Abgründe, kluge Dialoge. Und ja: Explosionen gibt es auch. Und Schusswechsel, jede Menge sogar. Aber im Kern geht es um etwas anderes als die üblichen Action-Zutaten.

Frauen im Mittelpunkt

Der Filmtitel sagt es schon: In "Widows" stehen Frauen im Mittelpunkt. Witwen, deren kriminelle Männer bei einem außer Kontrolle geratenen Millionendiebstahl ums Leben gekommen sind. Zeit für Trauer bleibt ihnen kaum. Denn der Bestohlene, ein Politiker aus Chicago, will sein Geld zurück. Und zwar schnell. Sonst liegen die Witwen bald neben ihren Männern im Grab. Die einzige Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit an einen so hohen Betrag zu kommen, ist natürlich ein Raubüberfall. Dass die Frauen bislang keinerlei kriminelle Vita vorzuweisen haben, ist nur eins von vielen Problemen, die sie in den Griff bekommen müssen. Ein weiteres ist: Sie vertrauen einander nicht, sie mögen sich nicht.

Die Frauen von Gangstern werden selber welche

Anführerin der Gangsterinnen wider Willen ist Veronica. Ihr Mann war der Kopf der tödlich verunglückten Bande, in seinen Papieren hat sie Pläne für einen weiteren millionenschweren Überfall gefunden. Den gilt es schleunigst in die Tat umzusetzen – gegen alle Widerstände.

Schicksalsgemeinschaft in der U-Bahn

Schicksalsgemeinschaft in der U-Bahn

Multiethnische Frauentruppe

Sexismus, Korruption, Rassismus und Gewaltexzesse: Steve McQueen packt in seinen Ensemblefilm so viele Darsteller und Themen, dass es fast schon ein Wunder grenzt, dass der Film nicht an seinen hohen Ansprüchen scheitert. Neben dem Hauptplot um die multiethnische Frauentruppe – die Gang setzt sich zusammen aus zwei Afro-Amerikanerinnen, einer Latina und einer Polin - gibt es in "Widows" diverse Nebenschauplätze.

Da sind die Rückblenden, die die Beziehungen zwischen den Witwen und ihren Männern nach und nach offenlegen und unterschiedliche Aspekte von Unterdrückungsmechanismen preisgeben, seien es Prügel oder Betrug. Da ist die politische Ebene, deren Zentrum ein Wahlkampf in Chicago ist und die sich zu einem Kommentar auf die eklatanten sozialen Unterschiede und die Black-Lives-Matter-Debatte entwickelt. Und da ist das Geflecht aus Lügen, dass sich wie ein Schleier über die gesamte Handlung legt, die sehr langsam, aber sehr zielstrebig auf ihr Ende zusteuert.

Intelligentes Action-Drama

Das Ergebnis ist ein feinfühliges und überaus intelligentes Action-Drama. An den Kinokassen könnte die Komplexität von "Widows" für mangelnden Zulauf sorgen – fürs Oscar-Rennen ist der Film aber so gut wie gesetzt.

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Autoren

Bettina Dunkel

Sendung

kulturWelt vom 05.12.2018 - 08:30 Uhr