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Weg zur Erleuchtung? So verändert sich der Glaube im Alter | BR24

© picture alliance/Photo Alto

Alter Mann mit zum Gebet gefalteten Händen.

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    Weg zur Erleuchtung? So verändert sich der Glaube im Alter

    Kinder haben eine andere Vorstellung von Gott als Erwachsene. Der ehemalige Fernsehpfarrer Jürgen Fliege sagt, es gibt auch darüberhinaus verschiedene Stufen des Glaubens, die jeder Mensch durchläuft. Er sieht sie in den 10 Geboten festgeschrieben.

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    Kann der Glaube Stufen haben? Kann jemand, der ganz oben steht, auf diejenigen, die erst die zweite Stufe betreten haben, hinabblicken? Ein befremdlicher Gedanke für das Christentum, in dem doch das Glaubensbekenntnis sozusagen vorschreibt, was zu glauben ist.

    Fliege: Glaubensstufen stecken schon in den Zehn Geboten

    Den ehemaligen Fernsehpfarrer Jürgen Fliege inspirierte der Gedanke der Glaubensstufen und als er darüber nachdachte, kam er auf eine weitere Idee:

    "Kann es vielleicht sein, dass diese Zehn Gebote, die da sozusagen im Wüstensand von Palästina rumgeschlummert haben, das wissen? Dass diese uralten archaischen Sätze viel mehr sind als eine drohende Anweisung vom lieben Gott, ausgedacht mit Moses Hilfe? Dann sehe ich sozusagen: Wenn man aufsteigen will wie Mose und 80 Jahre alt werden will oder vielleicht noch viel älter, dann gibt es in verschiedenen Alters-Situationen, verschiedene Herausforderungen, innere Herausforderungen, spirituelle Herausforderungen, psychische Herausforderung. Das Kind hat als erstes Mal fertig zu werden mit der Gier. Die wird das Kind nie verlassen bis zum 80. Geburtstag. Das ist die erste Stufe."

    Gefühl, durch das Leben geführt worden zu sein

    Gier ist das Thema des zehnten Gebots: "Du sollst nicht begehren ..." Glaubt man Jürgen Fliege, beschreibt dies die erste Stufe der Entwicklung, die ersten sieben Jahre eines Menschen. Die folgenden Lebensphasen orientieren sich an den weiteren der Zehn Gebote, wenn man sie rückwärts liest: Da geht es um Lügen und Stehlen, um Sexualität und Treue, um die Eltern und die Einhaltung von Ruhezeiten. Im Alter ist man demnach quasi beim ersten Gebot angelangt und erkennt: "Ich bin Gott, dein Herr, du sollst keine anderen Götter haben neben mir."

    "Jetzt bist du rein und sagst: Wer hat mich denn durch diese zehn Stationen geführt, dass ich überhaupt 70 Jahre, 80 Jahre alt werden durfte? Wer war in meiner Krankheit dabei, wer war das? Und dann kommt dir ein Verdacht: Dass du geführt worden bist. Wenn das so ist, dann kann ich mich zurücklehnen und ich kann in Ruhe gehen. Denn wenn ich die letzten 70 Jahre geführt worden bin, dann werde ich auch die nächsten sieben Jahre geführt werden. Ich kann ganz locker in Ruhe auf meinen Tod zugehen, ich hab das Gefühl, das kann nicht alles gewesen sein was kommt, heißt: Ich werde immer geführt. So nimm denn meine Hände. Das ist die Krone. Das ist der Weg der Zehn Gebote."

    Theologe James W. Fowler: Sechs Stufen des Glaubens

    Schon vor einigen Jahren hat Jürgen Fliege die Zehn Gebote und unseren Lebensweg auf diese Weise zusammengereimt und ein Buch daraus gemacht. Sein Ansinnen: Das Glaubensleben zu strukturieren, also unterschiedliche Phasen versuchen zu erkennen - und zu benennen. Das haben schon viele versucht. Der US-amerikanische Philosoph Ken Wilber zum Beispiel, der von der Existenz verschiedener "Bewusstseinsebenen" ausgeht. Oder das bayerische Theologen-Trio Marion und Werner Küstenmacher und Tilmann Haberer, die neun spirituelle Bewusstseinsstufen ausmachen. Sie alle fühlen sich dem sogenannten "integralen Denken" verpflichtet, das philosophische Ansätze, psychologische Aspekte und teils fernöstliche spirituelle Ideen zusammenbindet.

    Schon vor 30 Jahren hat der US-amerikanische Theologe James W. Fowler sein Modell der Glaubensstufen vorgestellt. In sechs Stufen entwickelt sich laut Fowler der Glaube, vom Urvertrauen des Babys auf Stufe eins über den mystisch-wörtlichen Glauben des Kindes zum synthetisch-konventionellen Glauben auf Stufe drei. Auf dieser Stufe versuchen Menschen, verschiedene Glaubensfragemente, die sie gesammelt haben, zusammenzubringen - daher synthetisch -, was ihnen aber häufig nicht gelingt. Viele Erwachsene kommen daher nie über die dritte Stufe hinaus.

    Viele Erwachsene kommen nie über die dritte Glaubensstufe hinaus

    Menschen auf Stufe vier entwickeln eigene Glaubenspositionen auch entgegen ihrem Umfeld. Stufe fünf stellt einen verbindenden Glauben dar: Die Mehrschichtigkeit von verschiedenen Glaubensaussagen wird erkannt. Es beginnt ein Erkennen des eigenen Glaubens aus der Sicht anderer Glaubenstraditionen. In gewisser Weise wird die Relativität des eigenen Glaubens erkannt, auch wenn die eigenen Positionen und der eigene Glauben dadurch nicht aufgegeben werden. Der Glaube gewinnt hierdurch an Weite. Nur wenige Erwachsene erreichen diese Stufe und meist auch erst im höheren Erwachsenenalter.

    Die letzte Glaubensstufe, den universalen Glauben, erreichen nur sehr wenige Menschen, meint Fowler. Als Beispiele führt er Martin Luther King, Mahatma Gandhi oder Dietrich Bonhoeffer an. Menschen auf der sechsten Glaubensstufe, ob sie nun in der jüdischen, der christlichen oder einer anderen Tradition stehen, verkörpern in radikaler Weise das Sichverlassen auf die Zukunft Gottes für alles Sein. Sie folgen dem Imperativ der absoluten Liebe und Gerechtigkeit - egal, wohin er sie führt.

    Höchste Glaubensstufe nähert sich der ersten an

    So lässt sich auch Bonhoeffers Gedicht lesen, das er am Silvestertag 1944 in der Todeszelle im KZ Flossenbürg geschrieben hat: "Von guten Mächten wunderbar geborgen". Welch erstaunliche Naivität eines hochintellektuellen Theologen, der in einer dramatischen Situation lebt! Aus Bonhoeffers Zeilen spricht aber kein ungefilterter naiver Kinderglaube. Eher eine durch viele Tiefen geprägte Frömmigkeit. Die sechste Glaubensstufe und die erste sind sich offensichtlich ziemlich nah.

    Diese Sichtweise wehrt auch die Versuchung ab, das Modell der Glaubensstufen als Himmelsleiter zu Gott zu deuten. Es ist lediglich eine inspirierende Hilfe, um den Glauben zu verstehen. Es zeigt: Glaube verändert sich. Nicht in der Weise, dass er näher zu Gott führt, sondern so, dass er reifer wird.

    Fragen der Lebensabschnitte spiegeln sich im Glauben wider

    Die Probleme und Fragen, die die unterschiedlichen Lebensabschnitte eines Menschen prägen, spiegeln sich im Glaubensleben wider: Die Elternliebe eines Kleinkindes ebenso wie die Weisheit eines Alten, das Kuschel- und Protest-Bedürfnis einer Pubertierenden ebenso wie die Midlife-Crisis eines Erwachsenen.

    Einer Glaubensstufe den Vorrang zu geben, wäre deshalb ebenso falsch, wie das Alter höher zu schätzen als die Kindheit.