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Warum Adorno heute noch so aktuell wie damals ist | BR24

© picture-alliance / dpa

Der Philosoph Theodor W. Adorno

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    Warum Adorno heute noch so aktuell wie damals ist

    Theodor W. Adorno ist auf den Tag genau 50 Jahre tot – und hat uns trotzdem noch etwas zu sagen. Ein Vortrag, den er in den 60er-Jahren in Wien gehalten hat, über Aspekte des neuen Rechtsradikalismus, liest sich wie eine Nachricht für unsere Zeit.

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    Ich glaube, dass die Philosophie in Zeiten, in denen sie wirklich etwas Entscheidendes bedeutet hat, – bei Platon, aber auch bei Hegel – immer auch Sachhaltiges und zwar wesentlich Gesellschaftliches in sich gehabt hat. (Theodor W. Adorno)

    So sagte es Theodor Wiesengrund Adorno rückblickend kurz vor seinem Tod in einem Interview. Neben Herbert Marcuse und Walter Benjamin war Adorno der prägendste Philosoph für die 68er-Bewegung. Mit Sentenzen wie jener aus seinen "Minima Moralia" – "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" –, aber auch mit seinem lebenslangen Bemühen um sprachliche Präzision. Eine Akkuratesse, die sich in seiner Diktion widerspiegelt.

    Also erstens würde ich sagen, dass jeder Gedanke in sich selbst ja die Nötigung hat, wenn man dem Gedanken treu ist, dass man ihn möglichst genau prägt und nicht etwa mit dem trägen Strom der Kommunikation mitschwimmt, sondern dass man den Gedanken so präzis und spezifisch fasst, wie er nun mal gedacht ist. Das ist zunächst einmal der Grund. Hinzu tritt noch, dass durch die Kulturindustrie und das allgemeine Ideal der kommunikativen Sprache heute Sprache insgesamt so verschlampt ist, dass es überhaupt nur dann möglich ist, Gedanken ihrem Gewicht nach und ihrem Ernst nach auszudrücken, wenn man sich diesem trägen Gefälle entgegensetzt und versucht, eine wirkliche Prägung des Gedankens zu erreichen. (Theodor W. Adorno)

    Erstaunliche Parallelen zur AfD

    So geschah es auch bei einem Vortrag vor Studenten in Wien am 6. April 1967, den der Suhrkamp Verlag gerade erst veröffentlicht hat: "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus", damals mit Blick auf die NPD und deren rhetorische "Tricks". Es tun sich erstaunliche Parallelen zur AfD heute auf. Sprechen deren Vertreter doch gern von den anderen Parteien als "Systemparteien": ein Wort, von dem Adorno schon vor über 50 Jahren wusste, dass es auf Joseph Goebbels zurückgeht. Auch die von Adorno so genannte "Katastrophenpolitik" der NPD, die den bevorstehenden Untergang des Landes durch "Überfremdung" herbeiimaginierte, erinnert sehr an die Untergangsphantasien des immer stärker werdenden "Flügels" der AfD. Der Musikkenner Adorno, der als junger Mann in Wien Komposition bei Alban Berg studiert hatte, fiel seinerzeit dazu "der Richard-Wagnersche Wotan" ein: "Weißt Du, was Wotan will? Das Ende." Kein Zufall, dieses Zitat Adornos aus der Oper "Siegfried".

    Ich meine, ich habe ja mein Leben lang komponiert und betrachte mich immer noch in einem sehr wesentlichen Maß als Musiker, wenn ich auch durch meine philosophische und soziologische Arbeit nicht so viel ans Komponieren gekommen bin wie ich es ohne gewisse Fügungen vielleicht getan hätte. (Theodor W. Adorno)

    Am aufschlussreichsten ist in Adornos lesenswerten "Aspekten des neuen Rechtsradikalismus" jene Passage, in der er, der als Jude von den Nazis mit dem Tode bedroht wurde und deshalb emigrieren musste, sagt, "moralisieren" helfe nicht weiter. "Man soll nicht mit ethischen Appellen, mit Appellen an die Humanität operieren", so Adorno damals 1967, "denn das Wort 'Humanität' selber und alles, was damit zusammenhängt, bringt ja die Menschen, um die es sich handelt, zum Weißglühen, wirkt wie Angst und Schwäche". Vielmehr solle man ihren sich auf eine "Anhäufung von Daten" stützenden "plumpen Lügen" nur Tatsachen entgegenhalten. Das sind bedenkenswerte Äußerungen noch heute. Adornos nun zu seinem 50. Todestag erstmals publizierter Vortrag illustriert seine Kunst des Deutens...

    ...also das bei mir ursprünglich und sehr früh vorhandene Gefühl, nicht der Fassade [zu] glauben, sich nicht bei dem zu bescheiden, was die Oberfläche der Erfahrung einem vorgaukelt, sondern dahinter zu kommen, was eigentlich an Lebensgesetzen dahintersteckt. (Theodor W. Adorno)