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© Audio: BR / Bild: Tom Otte
Bildrechte: Tom Otte

Die große Abwesenheit – nicht nur von Wasser: Der Film "For the Time Being"

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Warten in trockener Landschaft: Der Film "For the Time Being"

Der heimliche Hauptdarsteller in Salka Tizianas Film über Andalusien ist die Landschaft: die staubtrockene Sierra Morena. Dort wartet eine Familie auf die Ankunft des Vaters, sie wartet und wartet. Ein Gespräch mit der jungen Regisseurin.

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Von
  • Knut Cordsen

In der Sierra Morena in Andalusien lässt die junge Regisseurin Salka Tiziana ihren ersten Langfilm spielen, ein Film, der im vergangenen Jahr seine deutsche und internationale Premiere auf dem Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken und auf dem Internationalen Filmfestival in Rotterdam hatte und anschließend auf der Woche der Kritik in Berlin gezeigt worden ist. Nun ist er auf der Streaming-Plattform MUBI gestartet. "For the Time Being" heißt dieser Film – auf Deutsch: "Vorerst". Knut Cordsen hat mit der Regisseurin über den Film gesprochen.

Knut Cordsen: Ihr Film spielt in einer in sommerlicher Trägheit daliegenden spanischen Landschaft, eine ausgedorrte Landschaft, die Sie mit langen, statischen Kameraeinstellungen fast zum heimlichen Hauptdarsteller des Films machen – so kommt es mir vor, oder?

Salka Tiziana: Ja, das kann man so sagen. Der Ausgangspunkt für diesen Film war tatsächlich dieser konkrete Ort in der Sierra Morena, der besonders im Sommer von einer extremen Hitze, von Dürre und Wassermangel geprägt ist – und den damit verbundenen Gefahren, wie den immer häufiger werdenden Waldbränden. Ich kannte diese Gegend seit meiner Kindheit, da meine Mutter da herkommt und hatte von daher sehr viele konkrete Erinnerungen, seien es Klänge, Lichtverhältnisse, Farben oder auch Texturen, die sich filmisch auch einfangen lassen. Aber als ich dann Jahre später als erwachsene Person dahin zurückgekommen bin, habe ich diese Landschaft trotz ihrer Abgelegenheit und dieser anmutenden "Wildnis" als sehr domestiziert und kontrolliert wahrgenommen. Und dieses hierarchische Verhältnis zwischen Mensch und Natur hat mich interessiert.

Sie sind ja in Deutschland geboren, aber in Barcelona aufgewachsen und haben Film in Hamburg und Buenos Aires studiert. Und Sie erzählen eine Familiengeschichte der besonderen Art in Ihrem Film: die Geschichte einer deutschen Mutter, Larissa heißt sie, die mit ihren beiden kleinen Söhnen John und Ole im Auto das verlassen gelegene Anwesen ihrer Schwiegermutter besucht. Die Kinder planschen da im Swimmingpool, die Schwiegermutter wässert die Pflanzen und die Schwiegertochter ist offenkundig ziemlich nervös, denn der dazugehörige Vater und Mann soll auch kommen. Aber das zieht sich eben hin, auf ihn wartet die Familie vorerst. Er ist eigentlich der große Abwesende in diesem Film, oder?

Ja, das stimmt, dass das Warten auf den Abwesenden eine große Rolle in dem Film spielt, in dem Sinne, dass es überhaupt erst diesen geteilten Raum eröffnet, in dem sich die Figuren wiederfinden. Also das geplante Treffen fällt weg. Was dann? Man wartet trotzdem darauf, dass sich das Geplante erfüllt, man hält daran fest, obwohl es vielleicht gar nicht mehr in Aussicht steht. Für mich geht es da aber weniger um die abwesende Person, als um diesen Zwischenmoment selbst, also um die Frauen und Kinder aus dem Film, die sich darin wiederfinden. Und um die Schwierigkeit, einen Umgang damit zu finden. Also ich glaube, dass dieser Moment des Stillstands und der Ungewissheit ein sehr fragiler Moment ist, in dem sich aber auch die Wahrnehmung schärfen lässt und langsam Veränderungsprozesse eingeleitet werden können.

© Tom Otte
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Still aus dem Film "For the Time Being"

Es wird ja nahezu nicht gesprochen in ihrem Film. Lange Dialoge? – Fehlanzeige. Ein bewusster Verzicht, nehme ich an. Alles spielt sich eher in den Gesichtern ab. Wollten Sie darauf auch den Blick lenken, weg von der Sprache, hin zu den Gesten und Gesichtern?

Für mich stand im Mittelpunkt meiner Auseinandersetzung mit diesem Ort eigentlich ein Prozess menschlicher Entfremdung zur Umwelt, der sich im Film einerseits über das Verhältnis der Protagonistinnen zu dieser Landschaft erzählt, aber eben auch über ihren zwischenmenschlichen Umgang miteinander. Und ich wollte diese Entfremdung nicht in eine Sprache übersetzen, also in so einer Message, die dann von den Figuren ausgesprochen wird. Ich denke, dass sich über die Körpersprache sehr viel erzählen lässt und damit die wahrgenommen werden kann, braucht es manchmal auch ein wenig Distanz.

Eigentlich korrespondierte die karge, ausgedörrte Natur, der kaum wasserführende Fluss mit der Stimmung der erwachsenen Hauptfiguren, die haben auch etwas Ausgemergeltes an sich.

Das mag sein. Mich hat aber weniger die Darstellung oder Metapher von so einer Art Seelenzustand interessiert, sondern eben genau diese genannten Gegebenheiten, also diese Trockenheit, der ausgetrocknete Stausee. Und die Kinder spielen ja auch nicht in irgendeinem Pool, sondern in einem, der ein Leck hat und sich nicht füllen lässt und trotzdem aber gefüllt wird inmitten all dieser Trockenheit. Und die Figuren begegnen all dem. Aber die Frage ist eigentlich, nehmen sie die Stimme dieser Umwelt überhaupt noch wahr? Oder sind sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt?

"For the Time Being" ist ab 10.02. auf MUBI verfügbar.

© Salka Tiziana
Bildrechte: Salka Tiziana

Regisseurin Salka Tiziana

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