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Wandersage "Wilhelm Tell": Die Helden sind müde | BR24

© Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

Wilhelm Tell (re., Gregor Weisgerber) und Stauffacher (Gero Nievelstein)

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Wandersage "Wilhelm Tell": Die Helden sind müde

Nationalhelden gelten meist als verdächtig oder lächerlich, weshalb Schillers "Wilhelm Tell" nur noch selten aufgeführt wird. Am Salzburger Landestheater entlarvte Agnessa Nefjodov den Stoff als "Wander-Sage" . Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Der Schweiz bleibt auch nichts erspart: Steuerfahnder, kriminelle Schwarzgelder, massenweise Flüchtlinge, immer wenige deutsche Touristen, und gerade jetzt, wo ein rettender Held so dringend gebraucht würde, stellt sich heraus, dass es den Nationalheiligen Wilhelm Tell nie gegeben hat. Angeblich handelt es sich beim berühmten Apfelschuss um nichts anderes als eine mittelalterliche "Wander-Sage" aus Dänemark. So jedenfalls war es im Programmheft des Salzburger Landestheaters zu lesen - kein Wunder also, dass von der Schweiz im Allgemeinen und Wilhelm Tell im Besonderen gestern Abend wenig übrig blieb in der Inszenierung der jungen Regisseurin Agnessa Nefjodov.

Den Apfelschuss sieht jeder anders

Helden werden ihr zufolge sowieso nur gebraucht, wenn ein Volk in der Krise ist, wenn die Situation brenzlig wird. Und dann baut sich jeder einen eigenen Helden zusammen: In einer so witzigen wie hintergründigen Szene lässt Nefjodov alle Anwesenden darüber streiten, was nun eigentlich genau passierte beim Apfelschuss. Jeder erfindet eine andere Geschichte, logisch, denn jeder hat selbstredend eigene Interessen, eine andere Perspektive auf das Geschehen, und der böse Landvogt Geßler will plötzlich nur noch im Scherz gedroht haben.

"Die Axt im Haus erspart den Zimmermann"

Damit zerfiel Friedrich Schillers Drama natürlich in seine Einzelteile, keine Spur mehr von Idealismus, Heldenverehrung und Freiheits-Pathos. Das machte den Abend zwar streckenweise durchaus unterhaltsam und aktuell, aber auch zwiespältig. Das Publikum reagierte am Ende mit zaghaften Protestrufen und höflichem Applaus. Ironie gab es reichlich, zum Beispiel soll das Restaurant an der Rütli-Wiese ganz unhöfliche Kellner haben, und ein verstörter Wilhelm Tell zeigt sich fasziniert, wie viele Sprichwörter aus seinem Text in den deutschen Sprachschatz eingegangen sind: Sie wissen schon, die Axt im Hause erspart den Zimmermann, der Starke ist am mächtigsten allein, die Milch der frommen Denkungsart, usw.

Krisenzeiten sehnen sich nach Helden

Vieles wurde angedeutet, aber wenig wirklich zum Thema gemacht: Der Pegida-Kampfruf "Wir sind das Volk" war auf der Bühne zu hören, aber die derzeit heiß diskutierte Frage, wer das Volk ist, was eigentlich Freiheit sein soll, all das blieb unklar. Die Erkenntnis, dass in Krisenzeiten Helden herbeigesehnt werden, ist etwas dürftig für einen zweistündigen Theaterabend. Warum wurde darauf hingewiesen, dass Hitler den "Wilhelm Tell" erst schätzte und dann verbieten ließ, wenn dann nicht weiter nach den Gründen geforscht wurde? Die Nazis bewunderten Schiller, schon richtig. Sein kompromissloser Idealismus, ja Fanatismus passte zum Dritten Reich, sein Freiheitspathos nicht, davor bekamen die Faschisten zunehmend Angst, vor dem Tyrannenmord sowieso.

Irritierend heldischer Wilhelm Tell

Schade, dass solche Probleme völlig ausgeblendet blieben. Ausstatterin Eva Musil hatte die Bühne mit einem Wald aus Blech verhängt, möglicherweise Sinnbild dröhnender Leere, hohler Phrasen. Das war durchaus effektvoll. Gregor Weisgerber war ein großartiger, so kraftvoller wie nachdenklicher Tell und bei seinen kurzen Auftritten absolut überzeugend, ja irritierend heldisch, was so gar nicht zum ironischen Regiekonzept passte. Christoph Wieschke gab den kultivierten, Rotwein trinkenden Gegenspieler Geßler als müden Intellektuellen, dem die Heldensage zum Hals raushängt. Die Ensembleleistung war beachtlich, konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser "Wilhelm Tell" insgesamt arg pädagogisch, ja betulich wirkte. Politische Korrektheit lässt sich eben ganz schwer inszenieren - ohne Helden ist die Welt sicher friedlicher, vermutlich auch lebenswerter, aber nun mal nicht besonders spannend.


© Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

Ganz viel Blech: Wilhelm Tell

© Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

Wir sind das Volk: Wilhelm Tell

© Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

Im Bergmassiv: Wilhelm Tell