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Waldbaden: Mehr als nur Spazierengehen | BR24

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In Japan und Südkorea ist das "Waldbaden" seit Jahrzehnten weit verbreitet. Allein in Japan gibt es ca. 1.200 Trainer, die Menschen dabei unterstützen, in der Natur zur Ruhe zu kommen. Wir haben mit einer bayerischen "Waldbademeisterin" gesprochen.

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Waldbaden: Mehr als nur Spazierengehen

In Japan und Südkorea ist das "Waldbaden" seit Jahrzehnten weit verbreitet. Allein in Japan gibt es ca. 1.200 Trainer, die Menschen dabei unterstützen, in der Natur zur Ruhe zu kommen. Wir haben mit einer bayerischen "Waldbademeisterin" gesprochen.

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Claudia Müller aus Vierkirchen bei München beherrscht die Kunst des "Shinrin yoku", wie das Waldbaden in Japan genannt wird. Der Wald war für sie jahrelang ein Ort, an dem sie die Hektik der Großstadt und ihren beruflichen Alltag als Versicherungskauffrau hinter sich lassen konnte. Heute widmet sie sich voll und ganz der Natur und ist ausgebildete Kursleiterin für das Waldbaden.

BR24: Frau Müller, was ist "Shirin yoku", das Waldbaden, eigentlich?

Claudia Müller: Waldbaden kommt aus dem japanischen und bedeutet Baden in der Waldluft. An sich geht es darum, mit seinen Sinnen in die Atmosphäre des Waldes einzutauchen, hier zu verweilen und sich zu erholen.

Aber genau das tun wir doch beim Spazierengehen auch?

Natürlich! Jeder Aufenthalt in der Natur, im Wald tut uns gut - das ist wissenschaftlich belegt. Es gibt aber schon einen Unterschied zwischen dem normalen Waldspaziergang und dem Waldbaden. Beim normalen Spaziergang ist es oft so, dass jeder in seinen eigenen Themen drin ist, in seinem Gedankenkarussell. Da sieht man nicht, was links und rechts wächst.

Wie beginnen Sie das Waldbad?

Mein Einstieg ist immer eine gedankliche Übung. Ich fordere meine Teilnehmer auf, ihre ganzen Sorgen und Themen, die sie belasten, symbolisch in einen Gegenstand rein zu legen. Das kann etwas sein, das hier lose im Wald herumliegt, zum Beispiel ein Fichtenzapfen.

Wie geht es danach weiter?

Wir schlendern langsam über den Waldboden, bleiben zwischendurch auch mal stehen. Für unsere Gelenke und die Wirbelsäule ist es eine Wohltat über diesen weichen Boden zu laufen. Und der ist ja auch sehr empfindlich. Man sieht zum Beispiel kleine Bäumchen, nur 10 Zentimeter groß, Babyfichten. Man kann mit den Fingerspitzen die Pflanzen oder die Rinde der Bäume berühren. Unsere Fingerspitzen haben neben den Lippen und den Fußsohlen die meisten Nervenzellen und die kommen in unserem Alltag zu kurz.

Welche Übungen gibt es um die anderen Sinne anzusprechen?

Ja, wir setzen zum Beispiel mit geschlossenen Augen auf den Boden und lauschen ganz bewusst den Geräuschen um uns herum. Hören etwa eine Viertelstunde lang zu, wie die Blätter herabfallen oder der Regen auf die Bäume prasselt. Für den Geruchssinn gibt es eine Partnerübung. Wir schließen die Augen und halten uns gegenseitig Dinge unter die Nase. In einem Fichtenzapfen sind zum Beispiel ätherische Öle. Wir kaufen immer ganz teure Öle, man kann aber auch einfach einen Fichtenzapfen aufbrechen, der riecht genauso. Beim Moos kann man zum Beispiel das bewusste Sehen üben. Es gibt über 1.500 verschiedene Moosarten. Ich mache meine Teilnehmer auf die verschiedenen Grüntöne aufmerksam, das grün beruhigt auch.

Ursprünglich kommt der Trend aus Japan, warum wird er jetzt bei uns modern?

Ich glaube, dass die Sehnsucht nach der Natur sehr stark ist, gerade in unserer leistungsorientierten Gesellschaft, die stark durch getaktet ist. Wir kommen ja aus der Natur, aber immer mehr Menschen leben in Städten. Ich war selbst jahrelang in diesem täglichen Arbeiten drin und wurde immer unzufriedener. Ich habe irgendwann gespürt, ich will raus in den Wald. Man kann immer hierher kommen, der Wald fordert nichts, er ist da. Die Düfte, das bunte Laub jetzt im Herbst - das klärt den Kopf, man wird konzentrierter, kreativer und man schläft viel besser.