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Wagner-Pilger auf Entzug: So wird die Bayreuth-Saison ohne Oper | BR24

© Audio: BR / Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Die Festspiele fallen wegen der Pandemie aus, auf der Bühne gibt es diesen Sommer lediglich Bauproben.

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Wagner-Pilger auf Entzug: So wird die Bayreuth-Saison ohne Oper

Die Festspiele fallen wegen der Pandemie aus, auf der Bühne gibt es diesen Sommer lediglich Bauproben für den kommenden "Ring des Nibelungen". Gleichwohl richtet sich der Freundeskreis auf Besuch ein – und hält schon mal einen Empfangs-Tresen bereit.

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Zu einem einsamen, wilden Felsengebirge, dem Schauplatz des 3. Aufzugs von Wagners "Walküre", wird der "Grüne Hügel" in Bayreuth wohl auch in diesem Sommer nicht verdorren, obwohl die Festspiele ausfallen und die begehrten Eintrittskarten allesamt storniert wurden. Während in Salzburg bis zu 1000 Zuschauer ins dortige Große Festspielhaus strömen sollen, sagte Bayreuth die Saison bereits Ende März komplett ab, auch deshalb, weil ein neuer, vierteiliger "Ring des Nibelungen" geplant war – und zwar mit einem vergleichsweise jungen, unerfahrenen Team: Die Regie soll der erst 31-jährige Österreicher Valentin Schwarz übernehmen, als Dirigent ist der noch wenig bekannte Finne Pietari Inkinen (40) vorgesehen. Die Proben dafür hätten bereits im April beginnen müssen, undenkbar, bei den eingeschränkten Reisemöglichkeiten. Die Premiere ist jetzt für das Jahr 2022 angepeilt.

"Keine andere Entscheidung möglich"

Und die Abstände im Bayreuther Festspielhaus einzuhalten, ist auch nicht so einfach. Der neue Verwaltungsratschef Georg von Waldenfels: "Das ist nicht nur ein Problem für die Zuschauer, sondern vor allem für das Orchester. Das Orchester sitzt ja in dem Graben, den es in Bayreuth gibt, ganz eng beieinander. Wir alle hätten gern einen Festspielsommer in Bayreuth gehabt, aber nachdem, was wir wussten, als die Entscheidungen anstanden, war keine andere Entscheidung möglich."

© Francesco Gulotta/Picture Alliance

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Die leidenschaftlichsten Wagner-Fans werden wohl trotzdem nach Bayreuth pilgern, sei es in die Villa Wahnfried, ans Grab des Komponisten oder auch zum Plausch in den Festspielpark. "Es werden eine ganze Reihe von unseren Mitgliedern, von der Gesellschaft der Freunde der Festspiele, aber auch von der Festspiel-GmbH, die zu den Festspielen wollen, anwesend sein", so Georg von Waldenfels. "Christian Thielemann hat sich dort oben schon eingemietet, wie jedes Jahr. Ich werde ihn auch noch mal treffen und versuchen, ihn zu gewinnen, dass er mit anwesend ist, weil er ja einer der ganz Großen in Bayreuth ist."

Einen Empfangstresen wird es vor dem Büro des Freundeskreises auf jeden Fall geben und damit einen Ort fürs Fachsimpeln, Nörgeln und "Wunden lecken", denn mit den Inszenierungen der vergangenen Jahre hadern viele Traditionalisten und Festspielchefin Katharina Wagner ist für nicht wenige von ihnen teils wegen ihrer Auswahl von Regisseuren, teils wegen ihrer eigenen Inszenierungen, ein "rotes Tuch".

Für 16.00 Uhr ist am Eröffnungstag ein – nicht öffentliches – Konzert zur Finanzierung eines Nothilfefonds für Künstler der Bayreuther Festspiele angesetzt, das Christian Thielemann dirigieren soll. BR Klassik überträgt live. Auf dem Programm: "Siegfried-Idyll", "Wesendonck-Lieder" und "Meistersinger von Nürnberg", jeweils in kleiner Orchesterbesetzung.

Liest Thielemann aus Wagners Briefen?

Anfang August wollen Wagner-Tenor Klaus Florian Vogt und Sopranistin Camilla Nylund vor Publikum immerhin Höhepunkte aus dem "Lohengrin" singen, open air, auf der Seebühne in der Bayreuther Wilheminenaue, dem ehemaligen Gelände der Landesgartenschau 2016. Am kommenden Samstag, dem 25. Juli und damit dem üblichen Eröffnungstag der Festspiele bleibt es dagegen wohl beim gegenseitigen Trösten auf dem "Grünen Hügel" – die Gesellschaft der Freunde der Festspiele richtet sich auf eher wenige, aber treue Gäste ein. Georg von Waldenfels: "Kann auch sein, wenn genügend Publikum da ist, dass Christian Thielemann und ich Briefe von Richard Wagner vorlesen, das war so eine Überlegung. Man muss einfach sehen, ob das Sinn macht. Jedenfalls wollen wir an diesem 25. Juli Gastgeber sein."

© Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Klaus Florian Vogt als Lohengrin (Mitte) mit Annette Dasch als Elsa

Auf der Bühne finden übrigens derweilen Bauproben statt für den "Ring des Nibelungen", es wird im Festspielhaus also durchaus gearbeitet, wenn auch ohne Sängerinnen und Sänger. Auch ganz unabhängig von der Pandemie und der Absage ist dieses Jahr zum sprichwörtlichen "annus horribilis", einem "Schreckensjahr" der Festspiele geworden. Der Geschäftsführer Holger von Berg ist auf dem Absprung, sein Vertrag endet im März nächsten Jahres. Es muss unter den rund fünfzig Bewerbern bis spätestens Oktober zügig ein Nachfolger gefunden werden. Das Festspielhaus ist obendrein stark sanierungsbedürftig, zwischenzeitlich bestand sogar Steinschlag-Gefahr. Die Kosten für die Erneuerung werden offiziell auf rund 100 Millionen Euro beziffert, doch Eingeweihte rechnen fest mit einer deutlich höheren Summe.

"Zuversichtlich, dass Katharina Wagner bald zurückkommt"

Und seit April ist Festspielchefin Katharina Wagner auch noch ernsthaft erkrankt: "Sie ist, denke ich, auf dem Weg der Besserung", sagt Georg von Waldenfels, der seit Juni Chef des Verwaltungsrats der Festspiele ist und in Abwesenheit der Intendantin vorübergehend mehr Verantwortung übernehmen musste als sonst üblich. "Sie war in der Tat schwer erkrankt und wir haben sie alle tatsächlich in unser tägliches Gebet miteinbezogen, dass sie wieder auf die Beine kommt, aber unterdessen bin ich eigentlich zuversichtlich, dass sie im Herbst als Festspielleiterin wieder zurückkommt."

© Robert Schmiegelt/Picture Alliance

Georg von Waldenfels (rechts) bei der Festspieleröffnung 2019

Ob und wie die Festspiele nächstes Jahr stattfinden, steht in den Sternen. Normalerweise würde im September der Vorverkauf anlaufen, Interessenten könnten ihre Kartenwünsche einreichen. Das wird sich wohl alles erheblich verschieben. Georg von Waldenfels: "Es ist durchgeplant, wir gehen davon aus, dass die Festspiele 2021 stattfinden, aber das sind alles Unwägbarkeiten. Das Thema Pandemie wird uns ja in diesem Jahr auf jeden Fall begleiten, wie wir alle wissen, und es gibt auch allen Grund, das ernst zu nehmen. Umgekehrt muss man natürlich planen und sagen, so, das sind unsere nächsten Schritte, insbesondere die 'Ring'-Inszenierung 2022."

Im vergangenen Jahr fiel die Festspiel-Eröffnung zufällig auf den heißesten Tag des ganzen Jahres, das Thermometer zeigte damals knapp vierzig Grad im Schatten. Die "Tannhäuser"-Premiere wurde temperaturmäßig zur nervenaufreibenden Strapaze, der nicht alle Zuschauer gewachsen waren. Einige rutschten erschöpft von ihren harten Stühlen, andere gaben auf. Eine Klimaanlage gibt es aus akustischen Gründen in Bayreuth nämlich nicht. So gesehen lockt dieses Jahr eine deutlich weniger anstregende Alternativfreizeit: "Urlaub in Bayreuth zu machen ist doch traumhaft", empfiehlt von Waldenfels. "Für Ostfriesen, für die Baden-Württemberger, für die Sachsen. Bayreuth ist ein schöner Urlaubsort, und das in Verbindung mit dem August. Also ich glaube nicht, dass es ein großer Leidensweg ist, nach Bayreuth zu fahren."

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