Geschüttelt, nicht gerührt: Familienbande

Bildrechte: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
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Wagner on the rocks: "Siegfried" bei Bayreuther Festspielen

Wagner on the rocks: "Siegfried" bei Bayreuther Festspielen

Nach den Eiswürfeln und der Hausbar auf der Bühne sehnten sich bei der Sommerhitze wohl viele Zuschauer: Regisseur Valentin Schwarz bietet Unterhaltung mit schlichter Botschaft. Das sorgt eher für Befremden als für Unmut, die Sänger werden bejubelt.

Diese Inszenierung ist geschüttelt, nicht gerührt, da dürfen Eiswürfel natürlich nicht fehlen. Es wird überhaupt viel getrunken in diesem "Ring", und außer Revolvern gibt es praktisch keinen Zeitvertreib: Regisseur Valentin Schwarz hält das wohl für unterhaltsam, orientiert sich damit an den "harten Kerlen" in Fernsehserien und hat nicht mehr zu sagen, als dass die Welt furchtbar schlecht ist. Deshalb werden die Kinder genauso böse wie ihre Eltern. So schlicht und unpolitisch wurde Wagners Vierteiler schon lange nicht mehr bebildert, mancher mag sich da unter Niveau amüsiert fühlen - denn es darf gelacht werden, und vergnüglich ist es allemal, im "Rheingold" und "Siegfried" allerdings mehr als in der "Walküre", wo die Grenzen dieses teils sehr wirren Konzepts schmerzhaft deutlich wurden.

Die Welt als organisiertes Verbrechen

In den Pausen fragten sich Zuschauer, ob sich der junge österreichische Regisseur etwa lustig machen wolle über sie. Nein, das Publikum will er mit seiner skurrilen Deutung wohl nicht auf den Arm nehmen, eher schon Wagners fatalen Hang zur antikapitalistischen Kunstreligion. Bekanntlich glaubte der Komponist an eine bessere Welt unter seiner geistigen Führung. Was daraus wurde, ist sattsam bekannt. Bayreuth wurde ein Hort der Rechtsextremen und Antisemiten. Also setzt Valentin Schwarz in seinem "Ring" einen Schlussstrich unter alle Utopien und beschreibt die Welt als organisiertes Verbrechen. Da kann Siegfried, der blonde Germanen-Held und Götterliebling, natürlich kein guter Kerl sein.

Hokuspokus: Mime bei der Familienaufstellung

Bildrechte: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Valentin Schwarz schert sich wenig darum, was Wagner gedichtet hat, das muss kein Nachteil sein: Schließlich wird immer wieder gefordert, in Bayreuth auch mal andere Komponisten aufzuführen. Insofern ist dieser Anspruch teilweise erfüllt: Dieser "Ring" hat mit Wagner wenig zu tun, dieser "Siegfried" kommt ohne Braunbär-Jagd und Schmiede-Szene aus, ohne die bunten Federn des Waldvogels und ohne Schuppentier. Nicht der Hammer klimpert auf dem Eisen, sondern die Mikrowelle schlägt Alarm, dass das Geburtstagsessen fertig ist. Mime, der hinterhältige Zwerg, der Siegfried ans Leben will, um den Ring an sich zu bringen, ergeht sich als lächerlicher Magier in Hokuspokus und unterhält seinen "Schützling" mit Kasperle-Theater.

Drachenkampf in der Pflegestation

Alle, die sich auf den Kampf mit dem Drachen gefreut hatten, wurden ebenfalls arg enttäuscht: Fafner, der träge Wurm, liegt im Pflegebett und dämmert seinem Ende entgegen. Siegfried muss nur mal laut werden, und schon ist das sieche Ungetüm einem Herzinfarkt erlegen. Die Wache hält übrigens Hagen, der durchtriebene Bösewicht, der im "Rheingold" ja eine schwere Kindheit hatte und inzwischen ein antriebsloser Tunichtgut geworden ist. Immerhin reicht seine Energie, um Hand in Hand mit Siegfried Mime mit einem Sofakissen zu ersticken.

Objekt der Begierde

Bildrechte: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Wenn es darum geht, den märchenhaft angelegten "Siegfried" flott und schräg zu inszenieren, zeigt Valentin Schwarz sein Talent. Handwerklich ist vieles gelungen, manches plausibel, anderes absurd, aber bildstark. Wieder anderes albern und ärgerlich: Warum wedelt Mime mit Softporno-Postern, um Siegfried für die Frauenwelt zu begeistern? Der Mann sehnt sich doch in erster Linie nach seiner Mutter! Und die erste Frau, die er dann tatsächlich kennenlernt, nämlich Brünnhilde, lehrt ihn nicht nicht etwa Sexualität, sondern das Fürchten. So platt und postmodern, wie dieser "Siegfried" durch die Villenlandschaft schlurft, ist er halt nicht, sondern ein Held, dem doch zeitweise zugetraut wird, die Welt vor dem Untergang zu bewahren.

Vermutlich wird die Weltherrschaft langweilen

Valentin Schwarz allerdings hält Rettung von der ersten Minute des "Rings" an für ausgeschlossen, weshalb diese Revue der Hoffnungslosigkeit über derart viele Stunden sehr an "Spannkraft" verliert. Allerdings ist es folgerichtig, dass Hagen den begehrten titelgebenden Ring schon im "Siegfried" an sich reißt - und damit das Symbol unvorstellbarer Macht. Er wirkt allerdings nicht so, dass ihm was Diabolisches einfällt. Vermutlich wird er sich mit der Waffe - es handelt sich um einen Schlagring - zur Strafe schrecklich langweilen.

Allmählich nerven die Sitzgruppen in der Ausstattung von Andrea Cozzi, auch die knisternden Kamine, die Panoramafenster und Showtreppen. Das Ganze wirkt wie eine Aufführung in den Kulissen einer abgedrehten Daily Soap, ist aber deshalb keineswegs von satirischer Wucht, sondern optisch recht fad. Der Fimmel, das Dreieck, die Pyramide, also das Symbol der Freimaurer, zum Statussymbol der Götter-Elite zu machen, erschließt sich wie vieles andere überhaupt nicht. Für all das gab es ein erbittertes Buhgewitter, allerdings wird Valentin Schwarz sich erst am Ende der "Götterdämmerung" dem Urteil des Publikums stellen. Gnädig dürfte es nicht ausfallen.

Dirigent Cornelius Meister steigert sich von Abend zu Abend. Im "Rheingold" war er noch recht vorsichtig und tastete sich an die richtige Balance heran, in der "Walküre" wagte er schon mehr Emotion und im "Siegfried" sparte er wirklich nicht an Durchschlagskraft. Hier wäre (noch) mehr musikalischer Humor denkbar gewesen, aber auch so war es durchaus kurzweilig und bemerkenswert leichtfüßig.

Britin: Deutsche sollten Wagner nicht so ernst nehmen

Die Sänger wurden durchweg bejubelt, alle voran Andreas Schager in der Titelrolle: Er bewies athletisches Durchhaltevermögen und eine selten zu erlebende Bewegungsfreude. Tomasz Konieczny als Wotan war nach seinem Sturz in der "Walküre" wieder fit, Olafur Sigurdarson als Gegenspieler Alberich wirkte etwas gehemmt in seiner wilden Rachefantasie. Arnold Bezuyen als Mime geriet immer wieder ins sehr scharfkantige, wohl ironisch gemeinte Kreischen. Die fulminante Daniela Köhler als Brünnhilde gab leider nur ein Gastspiel: In der "Götterdämmerung" ist wie in der "Walküre" wieder Irene Théorin in dieser Rolle zu erleben, die deutlich metallischer und schärfer klingt, aber auch sehr viel mehr Text zu singen hat. Abermals durfte sich Okka von Damerau als Erda über begeisterten Applaus freuen, der wohl ihrem sehr authentischen Ausdruck ganz ohne Firlefanz galt.

Insgesamt ein "Siegfried", der für angeregte Pausengespräche sorgte - und eine Empfehlung einer britischen Besucherin, die Deutschen sollten doch ihren Wagner nicht immer ganz so ernst nehmen. Verständlich sei er doch sowieso nicht.

Wieder am 13. und 28. August 2022 bei den Bayreuther Festspielen, weitere Aufführungen in den nächsten Spielzeiten.

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