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Wagner auf der Anklagebank: "Meistersinger" als Zeitreise | BR24

© Bayreuther Festspiele

Hans Sachs und Stolzing - zwei Mal Wagner

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Wagner auf der Anklagebank: "Meistersinger" als Zeitreise

Diese Musik wurde bei NS-Parteitagen gespielt und galt als propagandatauglich: Die "Meistersinger" sind politisch erheblich belastet. In Bayreuth zeigte Barrie Kosky das Musikdrama als Zeitreise von Wagner zu Hitler. Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Eine Reise in Deutschland, und was für eine: Von Bayreuth nach Nürnberg braucht der Regionalexpress eine Stunde, die Geschichte 70 Jahre, nämlich von der Eröffnung der ersten Richard-Wagner-Festspiele 1876 bis zu den Kriegsverbrecherprozessen. Ein langer Weg, und leider auch ein konsequenter: Von Wagner zu Hitler, von der Judenfeindschaft zum Holocaust, von der Kunstreligion zum Nationalsozialismus. Es ist dieser abschüssige Weg, den der australische Regisseur Barrie Kosky mit seiner Inszenierung der "Meistersinger von Nürnberg" nachzeichnet.

Gehört Wagner auf die Anklagebank?

Seine Ausstatterin Rebecca Ringst beginnt den historischen Reigen in der Villa Wahnfried, dem opulenten Bayreuther Familiensitz des Wagner-Clans und endet in dem Nürnberger Gerichtssaal, in dem 1946 die Todesurteile gegen Göring, Streicher und Keitel gesprochen wurden. Was das eine mit dem anderen zu tun hat, darüber streiten sich die Experten seit Jahrzehnten, und die Frage konnte letztlich auch die gestrige Festspiel-Premiere nicht beantworten. Richard Wagner war Antisemit, das ist allgemein bekannt, er karikierte in seinen Werken Juden, er komponierte Überwältigungsmusik, er begeisterte die Nazis, aber gehört er deshalb auch auf die Nürnberger Anklagebank?

Wagner spielt alle Rollen selbst

Barrie Kosky geht es vor allem um Wagners Narzissmus, seine Eitelkeit, seinen Größenwahn, seine Besessenheit von der deutschen Kunst und seiner Berufung zum Heilsbringer. So spielt der Komponist in dieser Inszenierung alle Hauptrollen selbst: Er ist der geniale Poet Hans Sachs, aber auch der heldenhafte Ritter Walther von Stolzing und der kecke Lehrbub David. Er schwelgt im Luxus, liebt Parfüm, klimpert gern mit seinem Schwiegervater Franz Liszt auf dem Konzertflügel, dirigiert bei Bedarf die Massen und erniedrigt den jüdischen Dirigenten Hermann Levi, wo er kann.

Überdeutliche Bilder, offene Fragen

Der nämlich muss am christlichen Hausgottesdienst teilnehmen und den Sixtus Beckmesser spielen, also in den "Meistersingern" den Unsympathen geben, den humorlosen Stadtschreiber, der gepeinigt ist von Verfolgungsvisionen. Das Problem an diesem Abend: Barrie Koskys Bilder sind einerseits überdeutlich. Eine riesenhafte Juden-Karikatur wie aus dem Nazi-Hetzblatt "Der Stürmer" wird am Ende des zweiten Aufzugs aufgeblasen, doch andererseits bleibt bis zum Schluss völlig offen, was Kosky dem Publikum damit sagen will: Ist Wagner gefährlich? Ist die deutsche Kunst ideologisch verseucht? Führen in Bayreuth alle Wege nach Nürnberg? Ein Konzertchor mit Symphonieorchester fährt zum Schlusschor "Ehrt Eure deutschen Meister" pompös in den Vordergrund: Soll das die Überwindung des Fanatismus durch die Musik darstellen?

Es fehlte intellektuelle Tiefe

Kosky bleibt vage, unentschlossen, verzettelt sich in Andeutungen. Dazwischen laufen die "Meistersinger" ab, sehr traditionell, sehr brav und bieder, in Renaissance-Kostümen, wie sie zu Wagners Lebzeiten auf den Bühnen beliebt waren. Viel Nürnberg-Kitsch, vor allem die Sängerinnen haben zu leiden: Sie stecken in denkbar hässlichen Alpträumen aus Falten, Brokat und Plüsch. Was diesen "Meistersingern" fehlte, war intellektuelle Tiefe, war ein wirklich neuer Gedanke. Die Zeitreise, die gab es in Bayreuth nämlich schon mal und sehr viel besser, in Stefan Herheims "Parsifal". Und dass der Ritter Walther von Stolzing abermals aus dem Konzertflügel stieg, das war ebenfalls ein wohl augenzwinkerndes Zitat: Katharina Wagner hatte vor zehn Jahren dieselbe Idee.

Proteste gegen Dirigenten

Für Kosky gab es dennoch sehr freundlichen Beifall, nur ganz wenige Buhrufe. Etwas mehr Proteste bekam der Schweizer Dirigent Philippe Jordan. Er war einigen Zuschauern wohl zu wenig pathetisch, zu spröde, und hatte gegen Ende Konzentrations- und Abstimmungsprobleme. Insgesamt freilich überzeugte er mit Frische, Elan und viel Mut zu komödiantischen Effekten. Unter den Sängern wurde vor allem Michael Volle als Hans Sachs für seine fabelhafte schauspielerische wie stimmliche Leistung bejubelt, völlig zu Recht, wie auch Johannes Martin Kränzle als Beckmesser: Der Bariton ist gerade erst von einer lebensbedrohlichen Erkrankung genesen.

Bei Wagners Komödie kommen die Tränen

Klaus Florian Vogt als Stolzing war bei weitem nicht mehr so strahlend wie vor zehn Jahren bei seinem Bayreuth-Debüt in derselben Rolle. Sehr viel Kritik musste Anne Schwanewilms als Eva aushalten - weil der Regisseur sie unbedingt als Wagners Gattin und Muse Cosima zeigen wollte, besetzte er die eigentlich jugendlich gemeinte Rolle mit einer überraschend reifen und leider auch schrill gewordenen Stimme. Der Chor war bestens aufgelegt, allerdings szenisch stiefmütterlich behandelt - da hatte Barrie Kosky schon weit bessere Einfälle. Insofern ist er unter seinen Möglichkeiten geblieben. Vielleicht lässt es sich auch so formulieren: Wenn Wagner witzig sein will, kommen Deutschland grundsätzlich die Tränen.

© Bayreuther Festspiele

Beckmesser als Karikatur

© Bayreuther Festspiele

Alliierte als Erlösung?

© Bayreuther Festspiele

Cosima hat Migräne

© Bayreuther Festspiele

Trubel in Wahnfried