Die Schriftstellerin Kirsten Fuchs liest aus ihren Texten. Für ihre Erzählung "Sneaker" wurde sie mit dem W.G.-Sebald-Literaturpreis ausgezeichnet.
Bildrechte: BR / Ralf Wilschewski

Ergründerin des Alläglichen und eine der wichtigen Erzählerinnen unserer Zeit: die Schriftstellerin Kirsten Fuchs.

Artikel mit Audio-InhaltenAudiobeitrag

W.G.-Sebald-Literaturpreis für Kirsten Fuchs

Die Berliner Schriftstellerin hat großartige Bücher für Jugendliche geschrieben. In der Erzählung "Sneaker" erzählt sie von einem jungen Menschen in Isolation. Dafür wurde sie mit einer noch jungen Auszeichnung, dem W.G.-Sebald-Literaturpreis geehrt.

Über dieses Thema berichtet: Kulturjournal am .

Der zu Ehren des Schriftstellers W.G. Sebald gestiftete Preis mag eine von vielen literarischen Auszeichnungen sein. 2019 ins Leben gerufen und von der Deutschen Sebald Gesellschaft sowie von den Städten Sonthofen und Kempten und der Marktgemeinde Wertach vergeben, ist er dennoch ein besonderer. Die Preisträgerin oder der Preisträger wird allein anhand eines anonymen literarischen Textes bestimmt, also ohne Kenntnis der Person der Autorin oder des Autors. Bei der zweiten Ausschreibung, zum Thema "Natur und Zerstörung" fiel die Wahl dabei auf Kirsten Fuchs. In ihrer eingereichten Erzählung "Sneaker" schreibt sie von einem jungen Menschen in weitgehender Isolation.

Schreiben aus der Erinnerung an die eigene Jugend

Gemessen an dem Pointen-Feuerwerk, das Kirsten Fuchs häufig bei ihren Lesebühnen-Auftritten zündet, wirkt das Büro der Schriftstellerin in einem Berliner Altbau überraschend karg. Am Fenster der ehemaligen Pförtnerwohnung steht der Schreibtisch mit Computer. Daneben Aschenbecher und ein Teller mit offenem Kaffeepulver – gegen den Zigarettengeruch, aber auch, um die Wirkung des Koffeins abzumildern. Die jugendlichen Figuren in den Texten von Kirsten Fuchs entstehen aus der Erinnerung an ihre eigene Jugend. Die Schriftstellerin wurde 1977 in Chemnitz, damals Karl-Marx-Stadt geboren und wuchs in Berlin Hellersdorf auf. In der Realität lebte sie in der größten Plattenbausiedlung der DDR, in ihrer Phantasie aber bestand sie gefährliche Abenteuer in der freien Natur.

"Viel im Wald mit Tieren", erzählt Kirsten Fuchs im Interview. "Pferde, Hunde haben immer eine große Rolle gespielt. So ein Draußenleben. So ein freies Leben. Oder manchmal auch, das war aber auch sehr romantisiert, so etwas wie Krieg oder Armut habe ich auch gerne gespielt. Also dass ich irgendwo hinschleichen muss und mir Essen organisieren. Das hatte immer viel mit Orientierung und Natur und Tieren zu tun."

Das Ende der DDR als prägende Erfahrung

Als die Mauer fiel, war Kirsten Fuchs zwölf Jahre alt. Während sie täglich merkte, wie sie sich als Mensch veränderte, verwandelte sich auch das ganze Land von einem Tag auf den anderen. Damals sei eine Bruchstelle entstanden, erinnert sich die Schriftstellerin. "Und an der kann ich gut an meine Gefühle ran, sowohl in die Kindheit als auch dann weiter gehend. Und auch durch die Tagebücher, wo ich immer mal wieder nachgucken kann, ob ich wirklich so war. Da wird man seiner Illusionen auch beraubt. Und dadurch gibt es einen Zugang zu meinem jungen Ich."

Heute, mehr als dreißig Jahre später, liegt ein Text über die Wende in der Schublade. Kirsten Fuchs merkt, wie sehr diese Erfahrung des Umbruchs sie bis in die Gegenwart beschäftigt. Damals wurden die Utopien, an die sie als Kind geglaubt hatte, entzaubert: "Das Positive, was ich empfunden habe als Kind, was auch die DDR mir eingeredet und suggeriert hat, ist: Die Menschen sind alle gleich. Und wir werden alle in Frieden leben. Und die Männer und Frauen sind gleich. Und Geld spielt keine Rolle mehr. Dann zu erfahren, dass das andere Hintergründe hatte, und dass das gar nicht alle wollten und alle geglaubt haben, und mit welcher Brutalität das durchgesetzt wurde. Wenn man zwölf ist. Da hätte es viel mehr Gespräche gebraucht."

Vor dem Schreiben kommt das Denken

Vielleicht hat diese frühe Begegnung mit Ideologie Kirsten Fuchs argwöhnisch gemacht gegenüber jedem Pathos. Ihr Feld ist der Alltag, die kleinen Ausweichmanöver, die sie schon als Teenager erprobte: "Ich habe einfach angefangen zu pubertieren. Zwölf, dreizehn Jahre, da geht es sowieso los. Und dann setzte die ganze Bravo ein und New Kids on the Block. Ganz andere Gespräche, Musik, Freundschaften. Tanzen. Musikvideos. MTV, alles ballerte unglaublich."

Die Sprache von Kirsten Fuchs bewegt sich fließend zwischen geschriebenem und gesprochenem Wort. In der Erzählung "Sneaker" entsteht eine Art Soundcollage aus den Namen der verschiedenen Turnschuhhersteller. Die Hauptfigur handelt mit Sneakers.

Nach abgebrochenem Literaturstudium und Tischlerlehre trat Kirsten Fuchs viel auf Lesebühnen auf. 2003 gewann sie den open mike Literaturpreis. Bis heute trägt sie ihre Texte auf der von ihr gegründeten Lesebühne „Fuchs & Söhne“ im Berliner Grips Theater öffentlich vor. Für das Kinder- und Jugendtheater hat sie bisher vier Auftragswerke geschrieben. Vor dem Schreiben kommt das Denken, sagt Kirsten Fuchs.

Ein junger Mensch in völliger Isolation

Sneaker, die 16-jährige Hauptfigur in dem preisgekrönten Text, lebt in völliger Isolation und wird von Apps kontrolliert. Sneakers Mutter, "das Elternteil", kann nur indirekt mit ihrem Kind kommunizieren. "Das Elternteil" nennt sich Kirsten Fuchs auch selbst und spricht von dem großen Kind und dem kleinen Kind – geschlechtsneutral: "Ich glaube, sobald man das Geschlecht mit reinnimmt, lenkt das ab, von dem was man erzählen will. Weil das scheinbar eine wichtige Information mitliefert und man glaubt, das wären geschlechterspezifische Verhaltensformen. Aber das glaube ich gar nicht."

Die Erzählung "Sneaker" verdichtet die Isolationserfahrung der Pandemie zu einer digital kontrollierten Hyperrealität, zu einem staubfreien Raum für Menschenkinder. Es ist ein Tier, das Sneaker wieder aus dem digital überwachten Vakuum der Quarantäne lockt: "Ein Vogel weckt die Sehnsucht nach Natur. In dem Text ist es ein Sehnsuchtsort und die Landschaften sind sehr reduziert vorhanden. Aber es ging um Isolation und Sehnsucht und auch die technische Kontrolle von Gesundheit, was auch mit Corona zu tun hatte. Ist mir aber erst später aufgefallen, wie viel das mitschwingt."

Berauschende Sprache von W.G. Sebald

In dem Text "Sneaker" findet die Kommunikation vor allem digital statt. Das ist manchmal komisch, manchmal gespenstisch. "Natur und Zerstörung" war das Thema des diesjährigen W.G.Sebald Literaturpreises. "Berauschend" nennt Kirsten Fuchs die Sprache des aus Wertach stammenden Schriftstellers, der sich in seinem Werk intensiv mit den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts beschäftigte und davon in großen Romanen wie "Austerlitz" erzählte.

Dann kommt vorsichtig eine Einschränkung: "Es geht immer sofort ins Weltall und in die Geschichte zurück. Und das ist total anregend. Mir hat das gut getan und wirklich gut gefallen. Und ich dachte, diese unglaublich kosmische Bedeutung, die immer so von dem Leben weggeht, das kam mir leider männlich vor. Es gibt wenig Profanes. Und das ist total schön, weil es einen aus dem Alltag rausschießt, wirklich ins All. Aber es beschäftigt sich eben wenig mit dem Alltag. Speziell von den anderen 50 Prozent der Gesellschaft, die viel profanere Dinge tun die ganze Zeit."

Das Alltägliche als Thema

Kirsten Fuchs schreibt über das Phantastische im Profanen, das Politische im Banalen. "Die Leute gehen nicht zum Nordpol. Sie gehen ins Büro, streiten sich mit ihrer Frau und essen Suppe", hat Anton Tschechow einmal über seine Beobachtungen des Alltags geschrieben. Bei Kirsten Fuchs nehmen die jungen Leute Schmerzblocker, streiten mit ihrem Elternteil. Aber sie wollen an den Nordpol. Unbedingt.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.