Regisseur Ulrich Seidl blickt nachdenklich in die Kamera.
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Regisseur Ulrich Seidl 2016, während eines Interviews mit der Austria Presse Agentur (APA) in Wien.

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    Vorwürfe gegen Ulrich Seidl: Rumänische Behörden ermitteln

    Vorwürfe gegen Ulrich Seidl: Rumänische Behörden ermitteln

    Hat Ulrich Seidl bei den Dreharbeiten in Rumänien für seinen neuen Film "Sparta" Grenzen im Umgang mit Kindern verletzt? Das wirft der "Spiegel" ihm vor. Seidl selbst bestreitet die Vorwürfe. Jetzt ermitteln rumänische Behörden in dem Fall.

    Der österreichische Regisseur Ulrich Seidl soll bei den Dreharbeiten zu seinem neuen Film "Sparta" in Rumänien Kinder ausgenutzt haben. Das wirft der "Spiegel" ihm auf Grundlage monatelanger Recherchen vor. Demnach soll der Regisseur die minderjährigen Laiendarsteller, die zum Zeitpunkt des Drehs zwischen neun und 16 Jahre alt waren und ihre Eltern im Unklaren darüber gelassen haben, dass es in dem Film auch um Pädophilie gehe.

    Auch seien die Kinder bei den Dreharbeiten offenbar ohne ausreichende Vorbereitung und angemessene Betreuung mit Alkoholismus, Gewalt und Nacktheit konfrontiert worden. Die Behörden vor Ort haben nun die Ermittlungen zu dem Fall aufgenommen - auch der rumänische Kultusminister meldete sich zu Wort.

    Bericht: Eltern wollen Erscheinen des Films verhindern

    Seidls Film erzählt die Geschichte eines Mannes mit pädophilen Neigungen (gespielt von Georg Friedrich). Die Eltern der minderjährigen Laiendarsteller hätten erst durch die Recherche des "Spiegel" erfahren, dass es in dem Film auch um Pädophilie geht, schreibt das Magazin. Die Eltern von acht Kindern sagen demnach, dass sie dem Dreh nicht zugestimmt hätten, wenn sie von dem Thema gewusst hätten – und wollen nun nicht, dass der Film erscheint. "Ich glaube, sie haben uns betrogen, weil wir arm sind," sagt Sandu Popescu, der Vater eines der Kinder.

    Seidl weist Vorwürfe zurück

    Seidl und Mitarbeiter des Teams weisen diese Vorwürfe zurück. Dem "Spiegel" ließ Seidl über seinen Anwalt mitteilen, dass die Kinder und deren Eltern über den Inhalt des geplanten Films unterrichtet worden seien. Dabei sei darauf hingewiesen worden, dass es um einen Erwachsenen gehen soll, "der sich zu Jungen hingezogen fühlt, eine Art Vaterstelle einnimmt". Ein komplett offener Umgang mit dem Filmthema Pädophilie klingt allerdings anders.

    Der österreichischen Nachrichtenagentur APA sagte der 69-jährige Filmemacher, er habe "größten Respekt vor allen Darsteller*innen," und niemals würde er "Entscheidungen treffen, die ihr körperliches und seelisches Wohlbefinden in irgendeiner Art und Weise gefährden." Beim Dreh seien nie "die Grenzen des ethisch und moralisch Gebotenen überschritten" worden.

    Behörden in Rumänien ermitteln

    Dessen ungeachtet haben nun die Behörden vor Ort Ermittlungen aufgenommen, wie der "Spiegel" unter Berufung auf die zuständige Polizeibehörde von Satu Mare im Nordwesten von Rumänien sowie die der Oberstaatsanwaltschaft unterstellte Ermittlungsbehörde DIICOT berichtete. Auch die Kinderschutzbehörde (DGASPC) in Satu Mare soll Ermittlungen eingeleitet haben. Dem rumänischen Sender Pro TV sagte deren Generaldirektorin Mariana Dragoș: "Es scheint so, als würden die Eltern nicht mal wissen, welcher Situation sie ihre Kinder ausgesetzt haben und welchen Bedingungen sie da zugestimmt haben."

    Die Vorwürfe erreichten auch das rumänische Ministerium für Kultur. So wird der Kulturminister Lucian Romașcanu in einem Medienbericht mit den Worten zitiert: "Das ist eine sehr ernste Sache. Wenn man sein Kind in einem Film mitspielen lässt, muss man natürlich das Drehbuch sehen, einen Vertrag abschließen und alle notwendigen Informationen für die Entscheidung haben, die man trifft." Er riet den Eltern in seinem Statement, rechtlich gegen Seidl vorzugehen. Es seien "bedeutende immaterielle Schäden" entstanden.

    Auch Geldgeber des Films prüfen Vorwürfe

    Auch in Seidls Heimat Österreich nimmt man die Vorwürfe ernst: Laut "Spiegel" teilte die österreichische Staatssekretärin für Kunst und Kultur, Andrea Mayer, mit, dass man die weiteren Schritte der rumänischen Behörden intensiv beobachten werde. Zudem habe man umgehend eine "umfassende Prüfung" durch das Österreichische Filminstitut (ÖFI) eingeleitet, welches Seidls Film mit 1,3 Millionen Euro gefördert habe. Auch weitere Geldgeber des Films, darunter der ORF und der Bayerische Rundfunk, wollen die Vorwürfe prüfen.

    Bereits kurz nach Abschluss der Dreharbeiten hatte es Ermittlungen in Bezug auf mögliche "Gewalttaten" gegen Minderjährige während eines Filmdrehs in Baba Novac gegeben. Das rumänische Dorf war einer der Hauptdrehorte der "Sparta"-Produktion. Im Februar 2022 wurden diese Ermittlungen jedoch eingestellt.

    Filmfestival von Toronto zieht "Sparta" zurück

    "Sparta" sollte eigentlich am kommenden Freitag auf dem Filmfestival von Toronto zum ersten Mal zu sehen sein. Doch das Festival hat den Film nun aus dem Programm genommen. "Sparta" sei zurückgezogen worden, hieß es auf der Website des kanadischen Festivals ohne weitere Begründung. Eine Sprecherin von Seidls Produktionsfirma sagte der Nachrichtenagentur dpa, dass die Entscheidung vom Festival und nicht vom Regisseur getroffen worden sei. Der Film wurde aber nicht nur nach Toronto, sondern auch zum Filmfestival im spanischen San Sebastián eingeladen. Dort soll "Sparta" nach derzeitigen Informationen am 18. September gezeigt werden.

    Mit Material von dpa

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