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Vordenker der Occupy-Bewegung: Zum Tod von David Graeber | BR24

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Der gebürtige US-Amerikaner und linke Vordenker David Graeber, stand 2012 an der Spitze der Occupy- und Blockupy-Bewegung in Frankfurt. In seinen Büchern philosophierte er über den Arbeitsmarkt. Nun ist er mit nur 59 Jahren gestorben.

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Vordenker der Occupy-Bewegung: Zum Tod von David Graeber

Der gebürtige US-Amerikaner und linke Vordenker David Graeber, stand 2012 an der Spitze der Occupy- und Blockupy-Bewegung in Frankfurt. In seinen Büchern philosophierte er über den Arbeitsmarkt. Nun ist er mit nur 59 Jahren gestorben.

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"Der Professor aus dem Schwarzen Block" - so wurde David Graeber einmal - auf Bayern 2 - genannt. Ein Ausdruck so treffend wie die rote Arbeiterfaust aufs Spekulantenauge. 2012 war das, auf dem Höhepunkt von Graebers Bekanntheit. Zehntausende Demonstranten der Occupy- und der Blockupy-Bewegung hatten da die Wall Street und das Frankfurter Bankenviertel belagert – und der immer wie ein schluffiger Professor wirkende Graeber war ihr Vordenker. Gebürtiger Amerikaner, Anthropologe, Anarchist, Aktivist, Autor – die vielen Facetten eines Mannes, dem das Wort immer genau so wichtig war wie die Tat - und für den hunderte ins Münchner Literaturhaus strömten.

Die Sinnlosigkeit der Arbeit

2012, da war gerade Graebers Buch "Schulden, die ersten 5000 Jahre" erschienen - eine knackige Abrechnung mit der kapitalistischen Ordnung, die der zuletzt in London lebende Gesellschaftswissenschaftler Graeber nie als historische Unausweichlichkeit verstand, oder als Ergebnis der berühmten Sach- und Systemzwänge. "Wir tun so, als wäre das Geld eine begrenzte physische Ressource wie beispielsweise Öl", sagte er mal in einem seiner Interviews. "In Wirklichkeit" so Graeber, "ist Geld eine soziale Übereinkunft. Es besteht aus gesellschaftlich zirkulierenden Versprechen, die man auch ganz anders organisieren könnte."

2018 dann kam Graeber erneut nach Bayern, diesmal mit seinem Buch "Bullshit Jobs: Vom wahren Sinn der Arbeit." Wieso eigentlich, fragte sich Graeber darin, gehen so viele Angestellte tagein, tagaus zur Arbeit und tun dort Dinge, bei denen sogar sie selbst glauben, dass es keinen Unterschied macht, ob sie ihnen nachgehen oder nicht. Bürojobs, gut entlohnt und gesellschaftlich angesehen – aber eben auch furchtbar sinnlos.

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"Wir reden hier über etwas, das Menschen unglücklich macht", sagt Graeber. Und weiter: "Für mich ist das seelische Gewalt, die verheerende Auswirkungen auf den Einzelnen und die Gemeinschaft hat. In einem Ausmaß, das wir nicht mal genau bestimmen können, weil wir kaum darüber nachdenken. In Umfragen sagen knapp 40 Prozent der Arbeitnehmer in den reichen Ländern, ihre Arbeit sei absolut sinnlos. Denken Sie mal, was das mit den Leuten macht, jeden Morgen aufzuwachen und zur Arbeit zu gehen und dabei zu glauben, dass es diesen Job gar nicht geben sollte. Traurigkeit, Angstzustände, gegenseitiges Niedermachen. Je sinnloser die Arbeit, desto unglücklicher der Arbeitende."

Die Hoffnung nie aufgegeben

Wenn eine Gesellschaft weniger sinnlose Arbeit will, zu dem Schluss kam Graeber in seinen "Bullshit Jobs", dann muss sie sinnvolle Arbeit besser bezahlen. Eine Botschaft gewordene Erkenntnis, wie sie typisch war für diesen Mann. "Es könnte alles immer auch ganz anders sein", ruft es aus seinen Büchern heraus. "Lasst uns das nicht vergessen."

Tieftraurig zeigt sich nun auf Twitter der kurdischstämmige Buchhändler vom Flohmarkt in der Londoner Portobello Road, mit dem Graeber Woche um Woche das Weltgeschehen diskutierte - natürlich mit größter Sympathie für die Sache der Kurden. Niedergeschlagen auch der Kollege, der mit Graeber Telefondienst im Büro der Labour-Abgeordneten von ganz Linksaußen schob. "Er war einer unserer wichtigsten Autoren", teilt der überhaupt nicht linksradikale Klett-Cotta-Verlag in Stuttgart mit. "Graeber hat uns ermöglicht, drängende Fragen unserer Zeit aus einer neuen, ethnologischen Perspektive zu sehen".

Reaktionen auf Graebers frühen, unerwarteten Tod mit nur 59 Jahren, die zeigen, wie viele Menschen er beeinflusste und berührte: Mit seiner steten Suche nach den richtigen Fragen und seiner ungebrochenen Hoffnung auf die guten Antworten.

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