BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Vorbild für "Kir Royal"-Verlegerin: Anneliese Friedmann tot | BR24

© BR
Bildrechte: Ursula Düren/Picture Alliance

Als Gesellschafterin des "Süddeutschen Verlags" und Herausgeberin der "Abendzeitung" war sie jahrzehntelang die Grande Dame der Münchner Zeitungslandschaft. Die Fernsehserie "Kir Royal" setzte ihr als "Friederike von Unruh" ein satirisches Denkmal.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Vorbild für "Kir Royal"-Verlegerin: Anneliese Friedmann tot

Als Gesellschafterin des "Süddeutschen Verlags" und Herausgeberin der "Abendzeitung" war sie jahrzehntelang die Grande Dame der Münchner Zeitungslandschaft. Die Fernsehserie "Kir Royal" setzte ihr als "Friederike von Unruh" ein satirisches Denkmal.

Per Mail sharen
Von
  • Peter Jungblut

Ihre "Lebensphilosophie" war einfach, wenn auch vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß: "So selbstständig wie nötig, so hilflos wie möglich", und damit ist Anneliese Friedmann weit gekommen. Natürlich war sie auch eine Society-Lady, die viel Gutes bewirkte. Zum 90. Geburtstag von Anneliese Friedmann erinnerte der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter daran, dass die Grande Dame unter den Verlegerinnen "nicht nur für journalistisches, sondern auch für großes soziales und kulturelles Engagement" stehe. Sie gründete eine Stiftung, die den Namen ihres verstorbenen Mannes Werner Friedmann trägt und zahlreichen Kulturschaffenden in Not half, nicht zuletzt Journalisten. Auch bei "Stars in der Manege" war Anneliese Friedmann federführend und tatkräftig.

Sie kontrollierte die "Not" 1948 persönlich

Das war sie offenbar schon in ihrer Jugend, denn es hält sich die Anekdote, dass sie bei einer Weihnachtsaktion 1948 persönlich kontrollierte, ob die "Bedürftigen" die Unterstützung der "Süddeutschen" auch wirklich nötig hatten: Lagen Orangen auf dem Tisch, wurde sie nach eigener Aussage skeptisch: "Not war ja relativ damals." Sie selbst lief damals mit einem "alten Militärmantel" herum, "das einzige warme Kleidungsstück", das ihr zur Verfügung stand.

© Picture Alliance
Bildrechte: Picture Alliance

"Kir Royal"-Team: Die Verlegerin dazwischen (Ruth-Maria Kubitschek, zweite von rechts)

Unvergessen wird sie jedoch vor allem bleiben, weil sie das Vorbild lieferte für die Verlegerin "Friederike von Unruh", gespielt von Ruth-Maria Kubitschek, in der kultigen Fernsehserie "Kir Royal". Dort wird sie als geschäftstüchtige, gerissene, unerschrockene und gleichzeitig diplomatisch versierte Führungspersönlichkeit dargestellt, die allzeit dem Klatschreporter Baby Schimmerlos den Rücken frei hält, auch, wenn es mal brenzlig wird. Das war nicht ganz frei erfunden: Vorbild für Schimmerlos war der Gesellschaftsreporter Michael Graeter. Im Mai 2014 musste Anneliese Friedmann die geliebte und traditionsreiche "Abendzeitung" notgedrungen in die Insolvenz entlassen. 94 von 102 Beschäftigten mussten in eine "Transfer-Gesellschaft" wechseln: Allerdings ging das Blatt nicht ein, sondern konnte nach einer "Auffang-Lösung" bis heute weitermachen.

Sie hat gegen die Satire nie protestiert

Gefragt, warum Anneliese Friedmann nie gegen ihre satirische Überzeichnung in "Kir Royal" protestiert habe, antwortete Regisseur Helmut Dietl einmal im Interview mit der "Welt": Da gebe es zwei Tricks. Einmal lasse die fiktive Verlegerin "Frau Friedmann von der AZ" ausdrücklich grüßen. Demnach könne sie selbst es ja nicht sein, und zweitens habe die "Verlegerin in der Serie Krampfadern", worüber auch ganz offen gesprochen werde. Und wer wolle sich schon "in einer Frau mit Krampfadern wieder erkennen" und dagegen klagen.

© Ursula Düren/Picture Allliance
Bildrechte: Ursula Düren/Picture Allliance

Anneliese Friedmann in Oberschleißheim

Anneliese Friedmann war selbst jahrelang Klatsch-Reporterin, allerdings auf höchstem Niveau. Sie traf sich mit so illustren und weltbekannten Autoren wie Erich-Maria Remarque und schrieb unter dem Pseudonym "Sibylle" auch in der Illustrierten Stern eine Gesellschafts-Kolumne. Unpolitisch war sie dabei nicht. So plädierte sie für ein Recht auf Abtreibung und trat den politischen Ambitionen von CSU-Chef Franz-Josef Strauß entgegen. Später ließ sie das Schreiben ganz sein, sie fühle sich nicht mehr "frei", ihre eigene Meinung zu äußern, sagte sie dem BR, weil doch immer die ganze Zeitung "dahinter" stehe. Die optimale Schlagzeile verriet sie allerdings freimütig: "Dackel unter die Linie 5 geraten. Das noch Vorstellbare, nämlich der kleine Hund, unter der Trambahn-Linie, die man selber benutzt, das geht direkt ins Blut!"

"Viel gebildeter als ihre Zeitung"

Zum 90. Geburtstag von Friedmann hieß es in der "Süddeutschen" respektvoll über ihre Herausgeber-Funktion bei der "Abendzeitung": "Sie war viel gebildeter als ihre Zeitung, was beide einander spüren ließen und wovon beide gut lebten, auch im ökonomischen Sinne. Anneliese Friedman konnte Nationaltheater genauso gut wie Zirkus oder auch mal Varieté mit seltsamen Leuten und kleinen Hunden. Das was sich in München als Schickimicki-Gesellschaft entwickelte, war ohne die AZ nicht denkbar."

Nach Meinung des "Spiegel" waren die siebziger Jahre die größte Zeit der Verlegerin Friedmann: "Michael Graeter hatte von den Reichen und Verschönerten erzählt, bissiger, als er sollte, denn die Herausgeberin Anneliese Friedmann (die lieber männlich 'Herausgeber' heißen wollte) hatte all die Beschriebenen gekannt, sich geärgert und Graeter doch machen lassen, wie es sich in einem guten Zeitungsverlag gehört." Dass sie sich tatsächlich "Herausgeber" nennen ließ, bestätigte Friedmann dem BR in einem Gespräch von 1984 - eine "Schutzbehauptung", wie sie es formulierte, weil sie anfänglich Angst gehabt habe vor der herausgehobenen Funktion.

Sie bewarb sich geschlechtsneutral

Geboren 1927 in Kirchseeon bei München, begann Friedmann noch vor dem "Not-Abitur" beim Freisinger Tagblatt. Unmittelbar nach dem Krieg studierte sie Kunstgeschichte und Theaterkritik. 1947 lernte sie bei einem Journalisten-Kurs ihren späteren Ehemann kennen, Werner Friedmann, der sie als einzige weibliche Volontärin zur "Süddeutschen Zeitung" holte, angeblich nur deshalb, weil sie ihren Vornamen mit dem Anfangsbuchstaben abgekürzt hatte und somit in den Bewerbungsunterlagen nicht als Frau erkennbar war.

© Frank Leonhardt/Picture Alliance
Bildrechte: Frank Leonhardt/Picture Alliance

Unter Mächtigen: Anneliese Friedmann neben Edmund Stoiber (Mitte) und Jutta Limbach (links)

Bis 1960 blieb sie Mitglied der SZ-Redaktion, dann wechselte sie zum deutlich besser zahlenden Stern. Ab 1969 folgte sie als Witwe ihrem verstorbenen Mann als Gesellschafterin des Süddeutschen Verlags nach und wurde von da an als Herausgeberin der "Abendzeitung" die von allen respektierte Münchner Presse-Institution – eben genau die bestens vernetzte Grande Dame, die in "Kir Royal" satirisch verfremdet dargestellt wurde.

Die vielfach ausgezeichnete Verlegerin erhielt unter anderem den Publizistikpreis der Landeshauptstadt München, 2013 den Henri-Nannen-Preis für ihr Lebenswerk und für ihr soziales Engagement den Paul-Klinger-Preis. Der Bayerische Verdienstorden und die Medaille "München leuchtet" rundeten ihre hochkarätige Ordens-Sammlung ab.

Anneliese Friedmann starb im Alter von 93 Jahren am vergangenen Samstag in München.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang