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Vor 50 Jahren: Attentat auf jüdisches Altenheim in München | BR24

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Die Synagoge an der Reichenbachstraße war 1970 das Ziel eines Brandanschlags, der bis heute nicht aufgeklärt werden konnte.

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Vor 50 Jahren: Attentat auf jüdisches Altenheim in München

Am 13. Februar jährt sich der Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim im Münchner Gärtnerplatzviertel zum 50. Mal. Zwei Shoah-Überlebende starben damals. Das Attentat zeigte, wie tief verwurzelt der Judenhass in der Gesellschaft immer noch war.

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Für die jüdische Gemeinde in München war es ein Schock: 25 Jahre nach dem Holocaust sterben Shoah-Überlebende, werden Opfer eines antisemitischen Anschlags. Am 13. Februar 1970 verübten bis heute unbekannte Täter einen Brandanschlag auf das Altenheim und die angrenzende Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde in München. Sieben Senioren kamen damals ums Leben.

Unbekannte verschütteten Benzin und zündeten das Altenheim an

Der 13. Februar 1970 war ein Freitag. Der Sabbat hatte schon begonnen. Kurz nach 20 Uhr schlugen Flammen aus dem Vorderhaus des Gebäudekomplexes im Gärtnerplatzviertel. In den oberen Stockwerken war das jüdische Seniorenheim untergebracht, im Hinterhof das Gemeindezentrums der Israelitischen Kultusgemeinde. Unbekannte hatten im gesamten Treppenhaus Benzin verteilt und angezündet. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus. Die meisten Bewohner konnten sich retten. Sieben von rund 50 jüdischen Bewohnern starben, unter ihnen zwei Frauen und fünf Männer. Zwei Opfer, David Jakubovicz und Eliakim Georg Pfau, hatten den Holocaust und die Vernichtungslager der Nationalsozialisten überlebt.

Der Holocaust war noch sehr präsent

Marian Offmann erinnert sich noch genau an den Anschlag: "Damals war der Holocaust noch sehr nah und das war sehr dramatisch." Es waren erst 25 Jahre vergangen, seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Marian Offmann ist Jude, lebt in München und war bei dem Anschlag 1970 gerade mal 21 Jahre alt. Heute ist der 71-Jährige Münchner SPD-Stadtrat und im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in München.

"Es war ein dunkles, dumpfes Gefühl", erinnert sich der 71-Jährige. "Ich habe es verdrängt, wollte davon nichts wissen und hören", sagt Offmann. Zwei Jahre später dann das Attentat auf das israelische Team bei den Olympischen Spielen in München. Das sei natürlich nochmals eine Steigerung und eine Bestätigung dafür gewesen, dass das Leben für Jüdinnen und Juden in Deutschland schwierig sei, so Marian Offmann.

Anschlagsserie trifft Juden unvorbereitet

"Es war Teil einer Anschlagsserie, die die jüdischen Gemeinden zu diesem Zeitpunkt noch relativ unvorbereitet traf", sagt Michael Brenner, Professor für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Drei Tage vor dem Brandanschlag, am 10. Februar 1970, gab es einen Anschlag palästinensischer Terroristen auf eine israelische Maschine der Fluggesellschaft El Al am Flughafen München Riem. Im November 1969 bereits wurde ein Anschlag auf ein jüdisches Gemeindehaus in Berlin verübt. Am Jahrestag der Pogromnacht, dem 9. November, platzierten linksextreme Attentäter dort eine Bombe.

Michael Brenner glaubt, dass sich in den Anschlägen der Nahostkonflikt widerspiegelt. Sie wurden entweder Linksextremen oder damals auch palästinensischen Terroristen zugeordnet, die damit versucht haben sollen, die Aufmerksamkeit auf die kriegerischen Auseinandersetzungen in Israel zu richten, indem sie nicht nur israelische, sondern auch jüdische Einrichtungen in ganz Europa als Zielscheibe auswählten. "Damit wurden Juden in ganz Europa sozusagen als Israelis abgestempelt", sagt Michael Brenner.

Juden praktizierten in Deutschland zurückgezogen

Die rund 3.500 Mitglieder der jüdischen Gemeinde in München, die 1970 Ziel des Anschlags waren, praktizierten damals ihre Religion sehr zurückgezogen und vorsichtig. Sie waren in Deutschland, im "Land der Täter", das 25 Jahre vorher noch von Nationalsozialisten regiert worden war. Die jüdische Gemeinschaft lebte im Hinterhof nahezu unsichtbar. Dass trotz intensiver Ermittlungen die Täter nicht gefunden werden konnten und somit deren Motivation im Dunkeln blieb, empfindet Marian Offman als verstörend.

"Jüdinnen und Juden haben damals sehr abgekapselt von der Gesellschaft gelebt. Trotzdem ging das natürlich um wie ein Lauffeuer." Marian Offmann, Zeitzeuge

Nach Anschlag folgt eine Welle der Solidarität

Auf den Anschlag folgte aber auch eine Welle der Solidarität mit den rund 30.000 Jüdinnen und Juden, die damals in Deutschland lebten. Willy Brandt, selbst ein ein Verfolgter des NS-Regimes, war kurz vorher zum Bundeskanzler der ersten sozialliberalen Koalition gewählt worden. Die gesellschaftlichen Veränderungen und Reformen Anfang der 1970er Jahre, dass sich die junge Generation in Deutschland mit den Verbrechen des Nationalsozialismus intensiv beschäftigte, das Handeln ihrer Eltern kritisch hinterfragte und die ganze Gesellschaft dazu brachte, sich kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, führte zu einem Stimmungsumschwung in der Gesellschaft.

Die jüdische Gemeinde in München entschied sich trotz des Anschlages, wieder ein neues Altenheim und eine neue Synagoge zu bauen. 2007 wurde die neue Münchner Hauptsynagoge Ohel Jakob eröffnet.