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"In der Kunst interessiert mich schon das Melancholische mehr" | BR24

© picture alliance / HERBERT PFARRHOFER / APA / picturedesk.com

Musiker Voodoo Jürgens

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    "In der Kunst interessiert mich schon das Melancholische mehr"

    Schwarzer Schmäh satt - auch auf Voodoo Jürgens zweitem Album "`S Klane Glückspiel". Im Interview erzählt David Öllerer alias Voodoo Jürgens, dass er selbst kein Glückspieler ist, aber schon vielen zugehört hat.

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    Dass die Wiener ein besonderes Verhältnis zum Tod haben, ist hinlänglich bekannt. Insofern passte es ins Bild, als der österreichische Popmusiker Voodoo Jürgens 2016 verkündete "Heite grob ma Tote aus!" Der Song wurde ein Hit und Voodoo Jürgens weit über Wien hinaus bekannt. Dabei war der Liedtext bei ihm nicht nur schwarzer Schmäh. Denn David Öllerer, wie Voodoo Jürgens mit bürgerlichem Namen heißt, brachte auch Expertise mit. Da, wo Tote ein- bzw. in seinem Lied ausgegraben werden, hat er schon Blumen eingebuddelt. Er arbeitete nämlich mal als Friedhofsgärtner. Am Freitag ist sein zweites Album erschienen: „S’klane Glücksspiel“. Christoph Leibold hat mit Voodoo Jürgens darüber gesprochen.

    Christoph Leibold: Sie werden hierzulande als typische Wiener Figur wahrgenommen. Der Schmäh, der Habitus – manche sagen, man könnte Sie sich gut auch als Fahrgeschäftsausrufer im Prater vorstellen. Dabei stammen sie ja ursprünglich aus Tulln, rund 40 Kilometer Donau aufwärts von Wien gelegen. Wie viel Wien steckt trotzdem in Ihnen und Ihrer Musik?

    Voodoo Jürgens: Ich würde mal sagen, dass ist nicht so weit auseinander, vom Dialekt her, und so ist es eigentlich ziemlich das Gleiche. Ich habe immer ziemlich viel in Wien zu tun gehabt. Meine Eltern waren viel in Wien. Also ist es für mich keine große Umstellung gewesen.

    Voodoo Jürgens ist ein Künstlername. Insofern treten Sie auch als Kunstfigur auf. Andererseits passt der Goldkettchen und Vokuhila-Look, mit dem Sie auftreten, zu den Liedern, die, grob gesagt, oft von Menschen erzählen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, so wie die biografische Friedhofsgärtner-Geschichte zu Ihrem Hit passt. Wo hört bei Ihnen in den Songs die echte Erfahrung auf? Und wo fängt die künstlerische Überhöhung, die Stilisierung an?

    Das vermischt sich ganz natürlich miteinander. Da ist sehr viel von mir drin. Rein persönliche Erfahrungen vermischen sich mit Geschichten, die ich höre, die erzählt werden. Für mich ist das schon ein und dasselbe. Trotzdem überspitzt man die eine oder andere Sache natürlich, wenn man auf der Bühne steht.

    Haben Sie selber ein Faible für Glücksspielautomaten, oder ist es etwas, was Sie beobachtet haben bei Bekannten?

    Das ist eher etwas, das ich mitbekommen habe. Im näheren Kreis haben ein paar Leute dem mehr gefrönt, als es gesund ist. Und deswegen habe ich es ja dann auch in ein Lied verpackt.

    Im Titelsong „S‘klane Glücksspiel“ geben Sie selber den Glücksspielautomaten-Junkie. Wie glaubhaft kann man solche Rollen geben, wenn man selber inzwischen zum Star aufgestiegen ist?

    Ich finde, dass das überhaupt kein Argument ist. Leuten zuhören zu können, sich in irgendwas rein zu versetzen oder Empathie für irgendwas zu haben … – ich glaube, das geht immer.

    Wenn man diese Wiener Obsession mit dem Tod, von der wir schon gesprochen haben, weiter fasst, dann landet man beim Thema Vergänglichkeit und einem Lied auf der Platte wie "Ollas nimma deins". Ein schwermütiger Ton grundiert viele Ihrer Songs. Sind Sie Melancholiker? Oder ist das eine Pose, die einfach gut passt zu Ihrem Pop?

    Ich glaube, ich bin beides. In der Kunst interessiert mich schon das Melancholische mehr. Und es ist sicher etwas davon in mir drinnen. Aber mein Gemüt ist jetzt nicht nur deprimiert. Ich kann schon Spaß haben auch.

    Es geht in diesen Songs ja auch um das Verschwinden bestimmter Lebensformen, vielleicht auch Subkulturen. Manche Beiseln, also Kneipen, sind ja vielleicht auch so Biotope, wo man, fast möchte ich sagen, aussterbende Arten treffen kann. Und die werden jetzt von Coffee-Shops oder veganen Restaurants, die sich überall breitmachen, verdrängt. Versuchen Sie, für so eine bedrohte Kultur einzustehen?

    Mir würde das natürlich schon taugen, wenn das weiterhin existieren kann, aber vor allem nebeneinander. Die Coffee-Shops würde ich jetzt nicht als die Bösen bezeichnen. Aber beides hat seine Berechtigung und würde ohne Probleme nebeneinander existieren können. Aber im Endeffekt denke ich schon: Der Lebensraum von Leuten, so wie er jahrelang gewesen ist …, die haben genauso ein Recht darauf. Und dafür mache ich mich schon gern stark, ja.

    Wenn man in Österreich Populärmusik macht und nicht Englisch singt, dann bekommt man ganz schnell das Etikett Austropop verpasst. Könnten Sie damit leben?

    Das bekommt man mittlerweile auch, wenn man Englisch singt. Also von dem her ist es auch ein bisschen wurscht. Das Etikett hat es ziemlich schnell gegeben. Ich würde mir das nicht selber verpassen. Aber ich glaube, es hat wenig Sinn, jetzt großartig dagegen anzukämpfen. Ich habe mal gesagt, dass man bei amerikanischer Musik auch nicht "amerikanischer Pop" sagt. Ich bräuchte dieses Lokalpatriotische nicht wirklich. Der Dialekt steht ja eh für sich, er ist dadurch eh klar, wo die Musik herkommt.

    Der Dialekt hat vielleicht auch nicht primär mit Lokalpatriotismus zu tun. Aber er hat eine ganz eigene Melodie. Beeinflusst das die Musik?

    Ja, die Stimmung vielleicht ein bisschen. Ich habe auf Hochdeutsch auch Dinge probiert und längere Zeit auch in Englisch gesungen, finde aber, das Englische singt sich ähnlich dem Wiener Dialekt. Es ist geschmeidiger zum Singen als das Hochdeutsche. Hochdeutsch klingt schnell härter.

    © Lotterlabel/ Montage BR

    Cover: Voodoo Jürgens, S Klane Glücksspiel

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